Kreativ im Nebenfach

Musikrat-Geschäftsführer Torsten Tannenberg über die Notwendigkeit von Musikunterricht und Bildungschancen

Dresden.

Gegen Pläne von Kultusminister Christian Piwarz (CDU), zur Milderung des akuten Lehrermangels unter anderem Stunden für den Musikunterricht zu kürzen, gibt es massiven Widerstand. Eine vor drei Wochen gestartete Gegenpetition des Bundesverbandes Musikunterricht hat bereits knapp 11.500 Unterschriften bei der Online-Plattform "Openpetition" gesammelt. Auch der Sächsische Musikrat fordert in einem Schreiben an Piwarz eine "nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität in Sachsen" und wendet sich dagegen, im schulischen Musikunterricht statt einer Bereicherung vor allem eine Belastung zu sehen. Tim Hofmann hat sich darüber mit Torsten Tannenberg, dem Geschäftsführer des Musikrates, unterhalten.

Freie Presse: Herr Tannenberg, Musik und Kunst sind vor allem Geschmackssache. Warum muss Musik überhaupt in Schulen gelehrt werden?

Torsten Tannenberg: Weil das die einzige Möglichkeit ist, alle Mädchen und Jungen damit direkt in Kontakt zu bringen, unabhängig von den sozialen Kontexten oder dem Bildungsstand und den finanziellen Ressourcen der Eltern. Natürlich gibt es Familien, in denen der Nachwuchs auch von ganz allein damit in Berührung kommt. In vielen aber auch nicht! Chancengleichheit ist aber enorm wichtig für die Bildung der Kinder!

Warum ist Musik in der Schule dann so schlecht gelitten?

Das ist ja schon seit Jahrzehnten fest im Sprachschatz aller Bildungspolitiker so verankert: Hohen Stellenwert haben vor allem die "Mint"-Fächer, also Mathe und die Naturwissenschaften. Den Pisa-Test zum Beispiel gibt es nur dafür. Und dann noch Deutsch, auch ein sogenanntes "Hauptfach". Der Rest gilt als "Nebenfach". Das hat sich in den Köpfen festgesetzt und schlägt sich dann in Entscheidungen nieder. Jeder Schüler weiß mittlerweile: Wenn ich was werden will, muss ich gut in Mathe sein. Wenn ich schlecht in Musik bin, ist das nicht so schlimm.

Aber sind die Stoffe der Mint-Fächer nicht auch wichtiger?
Das Problem für uns ist ja gar nicht die eine Stunde Musik weniger in der fünften Klasse. Und ich will auch keine Fächer gegeneinander aufwiegen. Was uns stört, ist, dass es schon wieder auf einen Schnellschuss hinausläuft. Die Landesregierung will jetzt 1,4 Milliarden Euro in Bildung investieren. Das ist ein hervorragender Ansatz, das Geld ist da, und nun gibt es auch den Mut, das mal an dieser Stelle einzusetzen. Da ist mein Herz voll bei Herrn Kretschmer! Doch in welche Richtung es nun gehen soll, dass kann doch nicht einfach populistisch in einer Fraktion entschieden werden, ohne dass zuvor Fachleute gefragt wurden. So viel Geld richtig einzusetzen, das kann man nicht allein Politikern überlassen! Zuerst muss man doch mal die Frage stellen: Wie soll Schule in zehn Jahren aussehen? Auch weil ja alle riesige Anforderungen an Schule stellen, die uns ja quasi leider als Allheilmittel für die Gesellschaft gilt. Und die Generation unserer Kinder wird in einem gesellschaftlichen Umfeld arbeiten, welches sich von unserem unterscheiden wird, also muss man in der Bildung Dinge weiterentwickeln. Jedes Wirtschaftsunternehmen in der Welt sagt zum Beispiel, dass zunehmend kreative Menschen gefragt sind und nicht solche, denen nur schablonenhaft viel Wissen eingetrichtert worden ist. Und für die Kreativität, den Spracherwerb, die Kommunikation in einer Gemeinschaft ist auch Musik nun mal sehr wichtig.

Musikunterricht steht für Sie also quasi auch als Symbol für eine neue, bessere Schule?

Genau. Deswegen finde ich es ja so problematisch, dass da jetzt mal eben Leute entscheiden, die im Augenblick noch gar nicht wissen, was sie da tun. Der erste Schritt, das Geld herzunehmen, ist richtig. Der zweite, wo man das einsetzt, muss aber noch gründlich durchdacht werden.

Sollte man da nicht erst einmal am Lehrplan ansetzen?

Die Lehrpläne im Fach Musik sind in Sachsen schon viel moderner als in anderen Fächern, weil sie wesentlich flexibler gestaltet wurden. Fächer wie Deutsch und Mathematik sollten sich daran messen.

Musik ist auch als Ganztagsangebot an Schulen beliebt. Wäre da nicht ein Weg?

Auf diese Weise hat das mal eine Zeitlang funktioniert - als es Lehrer-Überhang gab. Viele Pädagogen konnten da nebenher solche Angebote am Nachmittag betreuen, auch wenn die schlechter bezahlt werden. Mittlerweile gibt es aber einen Mangel an Lehrkräften, und das spüren vor allem Chöre und andere Schulensembles, die man in den letzten Jahren nach und nach in die Ganztagsangebote verlagert hat, 80 Prozent sind dort mittlerweile angesiedelt. Die Folge: Die Lehrer sagen einhellig, dass sie es nicht mehr schaffen und dass diese Angebote gefährdet sind. Der Landtag war sich daher noch im letzten Herbst einig, dass Chöre und Ensembles wieder in den normalen Unterricht gehören. Ganztagsangebote können das Problem nicht heilen!

Tragen nicht die Musikschulen viel zur Bildung in diesem Bereich bei?

Das tun sie, ja. Derzeit lernen dort und bei vielen Privatmusikerziehern über 60.000 Kinder in Sachsen ein Instrument, und die Zahlen steigen, stellenweise gibt es Wartelisten. Nur: Man versucht zwar, diese ja kostenpflichtigen Angebote niedrigschwellig zu halten, aber praktisch gibt es viele Hemmnisse, sodass doch der Großteil der Musikschüler aus behüteten Verhältnissen kommt. Da herrscht keine Chancengleichheit, die ist aber sicherlich Anspruch! Die hohe Nachfrage an den Musikschulen belegt doch nur, wie wichtig, vielen Familien die Beschäftigung mit Musik ist!

www.openpetition.de

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