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Neuer Roman von Hendrik Otremba: Apokalypse auf der Lahn

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In "Benito" taucht der Messer-Sänger tief ein in den surrealen Fluss des Erinnerns, zerpflückt den Ballast von Vergangenheit und Gegenwart. Ein sprachgewaltiges Meisterwerk!

"Benito".

Was ist weltfremder: Kartoffelbrei auf Kunst oder Winterspiele in der Wüste? Okay, es mag nicht immer einfach sein, mit radikalen Klimaschützern zu sympathisieren: Zu überdreht scheinen einige Aktionen, wenig einladend, weit weg vom eigentlichen Zweck. Doch ihre Ziele sind nach wissenschaftlicher Mehrheit und Zukunftsprognose die richtigen, ist die Suche nach Aufmerksamkeit dann nicht gut?

Ähnlich verhält es sich mit Benito. Der Titelheld im neuen Roman des Schriftstellers und Musikers Hendrik Otremba begeht in einer nahen, postpandemischen Zukunft eine aufsehenerregende Tat irgendwo zwischen Terror und Kunst. Die Stück für Stück erahnten Motive lassen eine tiefe, verschwörerische Abnabelung von der rationalen Welt vermuten, aber auch große humanistische Ideale: Gilt es, der Verkommenheit unserer Zeit den Spiegel vorzuhalten?

Rückblende: Im Sommer 1995 gehen sieben Pfadfinder auf Kanufahrt. Unter ihnen der elfjährige Cherubim und der blinde Waise Benito, die sich bald verbunden fühlen und ihr zerrüttetes Zuhause sowie das Waisenhaus vergessen. Bis ein Unglück geschieht: Der Gruppen-Anführer wird getötet, woraufhin die Jungen, bald dem Wahnsinn nahe, die Reise ohne ihn fortsetzen. Und Benito wandelt sich: Der sonst in sich gekehrte Junge ergeht sich in immer zornigeren Monologen, die den Irrweg der Zivilisation anprangern. Die Flussfahrt gerät zu einer surrealen Variante von "Herz der Finsternis" oder "Apocalypse Now" auf der Lahn.

31 Jahre später ist Cherubim Schriftsteller und folgt einer mysteriösen Einladung nach Bonn in ein von Geistern der Vergangenheit bevölkertes Hotel, dass zunächst wie eine Mischung aus "Shining" und "Grand Budapest Hotel" wirkt, doch bald zum Schauplatz für Cherubims letztes Wiedersehen mit Benito wird. Auf Spurensuche zwischen überschrittenem Zenit, Verfall und den Mythen der alten BRD durchstreift Cherubim das Ruhrgebiet, befragt das eigene Erinnern und versucht die rätselhaften Fäden zwischen Kindheit und Ballast-belegter Gegenwart zu verknüpfen.

Die reine Handlung bietet Stoff genug für einen guten Abenteuerroman, der zum Thriller wird. Was "Benito" aber zum herausragenden literarischen Epos macht, ist seine Konstruktion und Otrembas eindringliche Sprachgewalt. Im dichten Wechsel springt der zwischen zwei Zeit- und Erzählebenen. Emotion und Reflexion, Beschreibung und Erleben verschwimmen in der mitunter surreal traumhaft wirkenden Buchrealität. Und immer wieder streut er Zeitgeschichte ein: Ob das Geiseldrama von Gladbeck, Industrieabbau oder Insektensterben, die letzten Jahrzehnte der westdeutschen BRD begleiten die Handlung, mal als akkurat recherchierte Abhandlung, mal in andeutenden Halbsätzen. Otremba befragt auch die Literatur, wie sie die Welt sieht und erschafft, geht selbstreflexiv von seinem Protagonisten zu prominenten Ankerpunkten. Doch "Benito" bleibt dabei nie im intellektuell abgekapselten Metier des Künstlerromans stecken, sondern klappt ein deutlich größeres Panorama auf. Wie ein Sog reist einen dabei die literarische, bildstarke Sprache Otrembas mit, findet stilvoll treffende Formulierungen abseits des Alltäglichen, entwirft starke Metaphern voller oft dunkler Poesie. Ob tote Insekten auf dem Fensterbrett oder ins Wasser geworfene Pistazienschalen, Schönheit und Schrecken stecken in den kleinsten Details.

Rätsel und Faszination zugleich umgibt bei allem stets die Figur des Titelhelden Benito, dessen Tat Cherubim stellvertretend für den Leser zu ergründen sucht. Die Unschuld des Kindes einmal in die Schrecken der Welt geworfen, wird er zum fatalistischen Prophet, zum blinden, apokalyptischen Seher, erfüllt von tiefer Trauer um das, was der Mensch sich und der Welt antut, obwohl das Potenzial zur Schönheit doch da wäre: "Je mehr er über das Menschsein erfuhr, desto weniger glaubte er daran ... bis er eines Tages einfach voll war, voll von sich materialisierender Dunkelheit, von Todesfantasie, von Todessehnsucht, einer dämonischen Masse." Sein Blindsein spricht natürlich aus jeder Bedeutungspore: "Weil er die Grenzen nicht sehen konnte, war er frei in seinem Denken", doch die kleinen Schönheiten in allem Grau, ein simples Lächeln etwa, bleiben ihm verborgen.

Das Anderssein zerreibt sich dabei stellvertretend an der toxischen Realität, die Anderssein selten versteht. Doch auch, wenn seine Tat grausam scheint, der Weltenlauf gibt ihm recht: "Wir stehen am Rande der Katastrophe, und es sind nicht die Kranken, die Kaputten, die Verrückten, die Teufel und Hexen, die uns dorthin gebracht haben. Es sind die Gesunden, die Strahlenden, die Sieger dieser Welt."

Das Buch Hendrik Otremba: "Benito", März Verlag, 500 Seiten, 28 Euro.

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