Vom Abnabeln, Flüchten und Verlieben

Es ist wieder Schlingel-Zeit: Das Filmfestival läuft in diesem Jahr vom 1. bis 7. Oktober in Chemnitzer Kinos. Es bereitet eine Bühne, auf der die Geschichten des Heranwachsens erzählt werden.

Chemnitz.

Die Welt ist kompliziert: Wenn Erwachsene sie schon nicht verstehen, wie soll es dann erst Kindern und Jugendlichen gehen? Auch die müssen einiges aushalten: Heimaten, die kaputt gehen; Familien, die zerbrechen; Perspektiven, die fehlen; die Wirrungen der virtuellen Welt - und als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, gibt's ja auch noch die komplizierte Krux der Pubertät. Im Kino lassen sich die großen und kleinen Konflikte des Heranwachsens ganz wunderbar erzählen: Deshalb ist es wichtig, dass es Kinder- und Jugendfilm-Festivals wie das "Schlingel" gibt, auch wenn sie laut Festivalleiter Michael Harbauer oft zu wenig Beachtung fänden, vor allem, wenn es um die Förderung gehe.

Das Schlingel-Festival erzählt solche Geschichten, und es erzählt sie international: Bei der diesjährigen 23. Auflage laufen wieder 235 Filme aus 51 Ländern, 124 davon im Wettbewerb. Die Filme sind unterteilt in die Kategorien Kinder-, Junior- und Jugendfilme, hinzu kommen Animations- und Kurzfilm. Gezeigt werden unter anderem Filme über isländische Fußballmannschaften ("Die Falken"), über sibirische Kinderbanden ("Die Flucht der gehörnten Wikinger"), über Kinder im Himalaya, die vor religiöser Verfolgung fliehen ("Pahuna"). Sie erzählen von Jugendlichen, die unter der Scheidung ihrer Eltern leiden, die plötzlich Verantwortung übernehmen müssen, die sich abnabeln, verlieben, prügeln. Zudem laufen Animationsfilme wie die Verfilmung das Jack-London-Klassikers "Wolfsblut" oder "Breadwinner", ein Film über unterdrückte Frauen in Afghanistan. Mit "Mutafukaz" ist erstmalig auch ein Anime-Film im Programm, und es wird auch wieder die "Lange Nacht der kurzen Filme" geben. "Noch nie war es so schwer, Filme auszuwählen wie in diesem Jahr", sagt Harbauer. Über 1100 kurze und lange Filme aus 89 Ländern hat er gemeinsam mit seinem Team in den vergangenen Wochen gesichtet, auf die getroffene Auswahl ist er ziemlich stolz: "Girl", zum Beispiel, ein belgisch-niederländischer Film über ein Mädchen, das im Körper eines Jungen geboren wurde und sich durch die harten Schulen des Balletts, der Pubertät und der Hormonbehandlungen kämpft, lief in Cannes und wurde dort mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit der "Camera D'Or". Von Cannes nach Chemnitz - das Schlingel kann das.

Die Festival-Macher wollen die Balance zwischen schwerer und leichter Kost bewahren, kindgerecht bleiben und doch auch für Erwachsene interessant sein. Und so läuft zwischen Filmen über das Leben mit Behinderung oder das Aufwachsen in einem Slum auch mal ein tschechisches Märchen. Dabei ist ihnen wichtig, dass die Geschichten emotional, stilistisch, aber auch politisch vielschichtig erzählt werden.

"Kinderkino hat vor allem ein Problem", findet Harbauer, "es wird meistens durch Erwachsene transportiert." Deshalb, und weil Youtube ein bisschen das Kino der Jugend ist, hat man "YoUci" ins Leben gerufen, eine Plattform, bei der jeder zwischen 8 und 18 Jahren zum Youtube-Filmkritiker werden kann.

Neu ist dieses Jahr auch, dass die Kinder nicht nur Film-Protagonisten, sondern auch -Macher sind: Unter dem Motto "Made by You" konnten sie selbstgedrehte Kurzfilme einreichen, über die online abgestimmt wurde - die Filme mit den meisten Stimmen laufen während des Festivals auf großer Leinwand.

Hauptspielstätte ist das Chemnitzer Cinestar-Kino am Roten Turm, Filme werden aber auch im Metropol-Kino und im Clubkino Siegmar gezeigt. Eröffnet wird das Festival dieses Jahr bereits am Sonntagabend mit einer Gala im Chemnitzer Opernhaus, der Eintritt kostet fünf Euro - man kann das Ticket später in eine Kinokarte umtauschen.

Tickets für das Filmfestival Schlingel gibt es mit Pressekartenrabatt in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe.

https://ff-schlingel.de

 

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