Freifunker spendieren Internet

Weltweite Initiative ist seit zwei Jahren auch in Chemnitz aktiv

Chemnitz. Es klingt ein bisschen nach Hilferuf, was Amadeus Alfa da per Facebook erreicht. Eine Frau schreibt ihm, dass sie noch immer keine vernünftige Internetverbindung hat. Die Frau wohnt in Draisdorf, nicht mal zehn Kilometer von der Chemnitzer Innenstadt entfernt. Ein Geschäft führen ohne schnelles Internet - das ist heute kaum noch denkbar. "Ich denke, da können wir was machen", sagt Alfa.

Der 24-Jährige Elektro-Techniker ist "Projektpapa" von Freifunk Chemnitz. "Wir sind ein paar Nerds, die es cool finden, ihr eigenes Wlan-Netz über der Stadt Chemnitz aufzubauen. Du kannst es einfach benutzen und darüber surfen oder deine E-Mails abrufen - es ist offen und kostenfrei", heißt es auf der Homepage der Initiative.

So nerdig sieht Alfa gar nicht aus. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa im lichtdurchfluteten Besprechungsraum der Villa Oscar Freiherr von Kohorn zu Kornegg. Das ehemalige großbürgerliche Wohnhaus am Stadtpark ist Sitz der Firma Chemmedia, wo Alfa als System-Ingenieur arbeitet. Mit Freifunk verfolge er zwei Ziele: Internet in Regionen zu bekommen, wo keines ist, wie in Draisdorf. Derzeit ist für rund zehn Prozent der Chemnitzer Haushalte kein DSL-Anschluss verfügbar. Noch wichtiger ist Amadeus Alfa aber ein freies Netz, indem man alle Dienste nutzen und die Serien schauen und Musik hören kann, die man will - etwa auf den Seiten Grooveshark oder Hulu surfen, die in Deutschland gesperrt sind. Ein Netz, in dem es nicht heißt: Tut uns leid, aber sie können dieses 20 Jahre alte Lied der Stone Roses nicht auf Youtube anhören, weil die Gema die Rechte hieran nicht eingeräumt hat.

Das ist zum Beispiel in Slowenien möglich. Dorthin leiten die Freifunker den Datenverkehr ihrer Server und der daran angeschlossenen Nutzer um, in ein Rechenzentrum in Ljubljana. Dort gilt das deutsche Urheberrecht nicht. Ein Trick, der zumindest nicht illegal ist. Die Freifunker nutzen zudem Server in Frankreich, den USA und China. Alles über persönliche Kontakte organisiert, ein Stück Internet-Solidarität. Die Chemnitzer profitieren aber nicht nur: Als während Unruhen in Sambia alle westlichen Nachrichtenseiten von der Regierung gesperrt wurden, stellten sie ihren Server zur Verfügung und machten die Seiten damit wieder zugänglich.

Etwa 50 Personen in Chemnitz haben bisher einen von Freifunk modifizierten Router. Auch einige Bars und das Industriemuseum machen mit. Kostenloses Wlan wurde an öffentlichen Plätzen verfügbar gemacht - eine Aktion, die öffentliche Einrichtungen wegen der sogenannten Störerhaftung scheuen. Sie fürchten, für illegale Downloads haftbar gemacht zu werden.

Ähnliche Netze wie Freifunk gibt es in Sachsen noch in Dresden und Leipzig. Und vielleicht gibt es auch in Draisdorf bald eine schnelle Verbindung. Zwei Richtfunkantennen und fünf Router, überschlägt Alfa, seien nötig. Die Hardware muss bezahlt werden, etwa 300 Euro. "Aber ich denke, dass wird es den Draisdorfern wert sein", sagt Alfa. Die Arbeitsstunden leisten er und seine sieben Mitstreiter ehrenamtlich.


Datenverkehr wird ins Ausland umgeleitet

Freifunk ist eine nicht-kommerzielle Initiative für freie Funknetzwerke. Jeder Nutzer im Freifunk-Netz stellt seinen Wlan-Router für den Datentransfer der anderen zur Verfügung, die miteinander verbunden werden. Der Datenverkehr wird dann über Server im Ausland (liberalere Rechtsprechung) geleitet. Viele Teilnehmer stellen zudem ihren Internetzugang zur Verfügung und ermöglichen anderen den Zugang zum weltweiten Netz.

Für den Aufbau nutzen Teilnehmer auf ihren Wlan-Routern eine spezielle Linux-Variante, die Freifunk-Firmware. Lokale Gemeinschaften stellen die auf eigene Bedürfnisse angepasste Software dann auf ihren Webseiten zur Verfügung und helfen beim Anschluss. (cge)www.freifunk.net

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