Ins Netz gegangen

Eine Welt ohne Internet ist heute kaum vorstellbar. Dabei ist es erst 30 Jahre her, dass der britische Physiker Timothy Berners-Lee sein Konzept des "world wide web" erstmals vorstellte: Am 12. März 1989 setzte er mit seiner "www"-Idee nicht weniger als eine Revolution in Gang.

Vom Surfen im Internet konnte damals noch lange keine Rede sein: Das sogenannte "www-Projekt" war nur ein Gedanke, den ein junger Brite am europäischen Kernforschungszentrum Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (CERN) in Genf ungefragt zu Papier gebracht hatte. Ihm schwebte ein globales Computer-Netzwerk vor, auf das jederman Zugriff hatte. Wohlgemerkt: Zu einer Zeit, in der Computer riesige graue Kästen waren, die Daten vor allem auf Disketten speicherten, auf die kein Handyfoto mehr passen würde. "Vage, aber spannend", nannte sein Vorgesetzter Berners-Lees Aufsatz "Informationsmanagement: Ein Vorschlag". Der Physiker schrieb darin: "Die technischen Details vergangener Projekte gehen bisweilen für immer verloren." Er suchte nach einem System, das persönliche, wenig formelle, an ein bestimmtes Publikum gerichtete Kommunikation archivierte, es aber auch für Neulinge auffindbar machte.

Um das Internet für alle Nutzer Wirklichkeit werden zu lassen, begann er, Browser und Server zu entwickeln. Am 6. August 1991 stellte er das Ergebnis seiner Arbeit in einer Diskussionsgruppe des Instituts auf "alt.hypertext" vor. Schon seit 1980 hatte sich Berners-Lee am CERN gemeinsam mit dem Belgier Robert Cailliau im "Enquire Project" mit einem Vorläufer des späteren weltweiten Netzwerkes beschäftigt. Das ursprüngliche Ziel der Forscher bestand lediglich im Austausch wissenschaftlicher Ergebnisse im Kollegenkreis.

Im Vergleich zu heute waren die Anfänge eher kryptisch. Die frühen Computernutzer mussten Befehle aus Zeichenketten eingeben und komplizierte Programme beherrschen, um sich in ihrem Netz zu bewegen. Bilder, Videos oder Musik existierten nicht. Aber bereits zu Beginn konnten alle Seiten systemübergreifend über gleiche Adressformate angesteuert werden. Das World Wide Web ("www") sollte eine kostenlos nutzbare Infrastruktur für den freien Austausch von Informationen bieten.

Berners-Lee hatte in Oxford Physik studiert. Heute ist der 63-jährige in den Adelsstand erhoben und arbeitet als Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Daneben hat er seit 2016 auch einen Lehrstuhl an seiner alten Universität. Vermutlich entwickelte sich der grundlegende Gedanke für ein weltumspannendes Netz so erfolgreich, weil der Physiker kein Geschäftsmann war und mit dem Produkt auch kein Geld verdienen wollte. Dennoch schaffte er ungewollt die Grundlage für den Reichtum vieler Internet-Milliardäre. "Hätte die Technik unter meiner Kontrolle gestanden, wäre sie wahrscheinlich nicht so erfolgreich geworden. Das www war eine weiträumige Hypermedia-Initiative zur Informationsbeschaffung mit dem Ziel, den allgemeinen Zugang zu einer großen Sammlung von Dokumenten zu erlauben", sagt er über die Anfänge. In seinem ersten Projektentwurf hieß das Netz noch "Mesh" (engl. "Geflecht"). Der Name wurde verworfen, da er zu sehr an "mess" (engl. Unordnung) erinnerte. Obwohl sich das Internet inzwischen weitaus differenzierter entwickelt hat, als das damals von Berners-Lee abzusehen war und es somit nur ansatzweise vergleichbar ist, basiert es immer noch auf denselben Grundprinzipien wie in den 1980er Jahren, mit Webseiten in HTML (Hypertext Markup Language) und dem Transferprotokoll "http". Die Pages können Texte, Videos, Tondokumente, Bilder und grafische Elemente enthalten. Am 13. November 1990 schaltete Berners-Lee schließlich seine Homepage "info.cern.ch" frei - die erste Website der Welt. Sie war jedoch nur für einen kleinen Kreis von Mitarbeitern erreichbar. In zunehmend rascher Folge entstanden rund um den Globus weitere Seiten. Im November 1992 gab es lediglich 26 Server; knapp ein Jahr später waren es schon 200 und im Juni 1994 mehr als 2700. Den eigentlichen Durchbruch auf der Client-Seite brachte allerdings erst der grafische Browser "Mosaic". Die von "Netscape" an der Universität von Illinois entwickelte Oberfläche wurde Ende 1993 für Windows- und Mac-Computer freigegeben.

Das www mit simplem Datentransfer und universellem Übertragungsstandard führte zu umfassenden Umwälzungen in vielen Lebensbereichen, zur Entstehung neuer Wirtschaftszweige und zu einem grundlegenden Wandel des Kommunikationsverhaltens und der Mediennutzung. Manche setzen die Bedeutung der Entstehung des www und der Email-Dienste gar mit der Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert gleich. Zwar hatte schon 1965 der US-Soziologe Ted Nelson ein Hypertext-System vorgeschlagen, doch an seiner praktischen Umsetzung scheiterten mehrere Generationen von Wissenschaftlern.

In den Anfangsjahren waren lediglich einige Hochschulen vernetzt. Das hat sich umfassend geändert, laut dem Portal "Statista" gingen im vergangenen Jahr 84 Prozent der Bundesbürger online. Außerdem wurden 2018 rund 16,3 Millionen Seiten mit einer ".de"-Endung vergeben. Diese Länderkennung (sogenannte Top-Level-Domain - TLD) wird von 135 Millionen Nutzern der Endung ".com" noch überflügelt. Ursprünglich waren diese Adressen für US-Unternehmen gebräuchlich, inzwischen werden sie weithin genutzt. Auch China hat aufgeholt, im letzten Jahr gab es mehr als 21 Millionen ".cn"-Domains. In den vergangenen Monaten sind in Deutschland die Registrierungen für de-Domains nach jahrelangen Zuwächsen allerdings erstmals leicht rückläufig.

Seit 1998 koordiniert die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) weltweit die Verwaltung aller TLDs. Insgesamt existieren 240 zweibuchstabige Länderkennungen wie "uk" für Großbritannien oder "us" für die Vereinigten Staaten. Daneben gibt es auch TLD-Suffixes wie beispielsweise "net", "org" oder "info". Übrigens war die Endung "dd" Ende der 1980er-Jahre für die DDR vorgesehen - nach der Wiedervereinigung kam sie jedoch nicht mehr zum Einsatz.

Eigentlich sind die Internet-Adressen inklusive Endungen nur eine Gedächtnishilfe für die Anwender, denn die Computer untereinander erkennen sich anhand sogenannter Internet-Protokoll (IP)-Nummern, die jeden Rechner eindeutig identifizieren. Aber eine Suche über die Nummern wäre bei mehr als 1,2 Milliarden Webseiten (2018) zu kompliziert. Der Verkauf von Domains hat sich bereits seit den Anfangsjahren als lukratives Geschäftsmodell erwiesen. Experten bezeichnen den Handel als das "Gold des Internets". Gute Webadressen wechselten für "Unsummen" die Besitzer, mitunter für zweistellige Millionenbeträge. 2010 wurde die Internetadresse "sex.com" für 13 Millionen Dollar veräußert, "porn.com" brachte es immerhin noch auf 9,5 Millionen Dollar. Beide wurden bereits 1994 erstmals registriert. "info.cern.ch" gibt es in aktualisierter Form übrigens bis heute - über ein Menü können die alten Inhalte abgerufen werden.

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