Ich sitze im Auto und muss eine Vollbremsung hinzaubern. Und in diesem Moment rollt die Apfelsaftflasche zwischen meine Füße. Kommt plötzlich und unerwartet von hinten und erschreckt mich. Notiz an mich: Wir müssen ihr einen besseren Platz suchen.

Es ist so ein Plastik-Wegwerffläschchen, in das nicht mehr passt als in ein Glas. Kind 1 hat daran genippt, hat den Deckel wieder aufgeschraubt und es auf dem Rücksitz fallen lassen. Das war vor acht Monaten. Seitdem liegt das Ding im Auto. War schon überhitzt, war schon gefroren, und irgendwann ist das gelbe Zeug drinnen trüb geworden.

An dem Tag, als der Junge ein Schlückchen davon trank, waren wir in Berlin. Nur Kind 1 und ich. Der Junge hatte gedrängelt, er wolle eine große Großstadt aufsuchen, aber keiner aus der Familie hatte Lust darauf. Mein Mann sagt, Großstädte sind abartig. Außerdem kann er sich zwischen so vielen Menschen und Häusern und Autos überhaupt nicht erholen und bekommt Bläschen von der schlechten Luft. Und Kind 2 hatte keine Lust auf eine große Großstadt, weil es Ideen von Kind 1 grundsätzlich ablehnt. Das Mädchen markiert in unserer Familienpolitik den linken Flügel, sie macht Krawall-Opposition und nutzt dafür zweisilbige Argumentationskettchen namens „darum“. Also fuhr ich mit Kind 1 allein weg. Ich reservierte ein Zimmer und kaufte Apfelsaftfläschen für die Autofahrt.

Wir umkurvten die Siegessäule, ich drehte mehrere Runden in ihrem Kreisverkehr. „Das ist die Siegessäule“, sagte ich. „Aha“, sagte der Junge, schaute kurz hoch und spielte auf seiner Mini-Konsole weiter Mario-Kart. „Da ist das Brandenburger Tor“, sagte ich. „Aha“, sagte der Junge und spielte Mario-Kart. „Guck doch mal“, sagte ich. „Ja-ha“, sagte Kind 1, „schöne breite Straßen.“ Die breiten Straßen und so, das gefalle ihm sehr gut. Sieht man ja sonst nicht. Wir könnten auf den Fernsehturm gehen, schlug ich vor. Kind 1 wollte aber nicht. „Langweilig!“, sagte der Junge. Er wollte lieber eine Bratwurst und danach ein Eis oder erst das Eis und danach die Wurst. Dann stellte er sich vor ein Plakat und bat mich, ein Foto von ihm und dem Plakat zu machen. „Das ist Bierwerbung“, sagte ich. „Aber da steht Berlin drauf“, sagte Kind 1. Abends gingen wir zum Konzert von einem der vielen Kelly-Leute, und am Morgen beim Frühstück schaute der Junge aus dem Fenster und erfreute sich an den breiten Straßen.

Seitdem liegt die Flasche in meinem Auto. Ich will sie nicht wegschmeißen. Sie erinnert mich. Kind 1 möchte nun nach Ägypten.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN