Du kannst alles sein: Astronautin, Polizistin oder Feuerwehrfrau. Du brauchst nur eine Barbiepuppe im entsprechenden Kostüm, und den Rest erledigt die Fantasie. Natürlich bleibt auch die moderne Karriere-Puppe gertenschlank und perfekt frisiert. Merke: Als Frau kannst du nicht nur alles sein, sondern du musst auch alles können.

Jungen haben’s da einfacher. „Können wir ein Zug sein?“, fragt mich der Mittlere, und auf der Stelle erfülle ich ihm den Wunsch. Ich greife seine Hände und trotte mit Tippelschritten hinter ihm her, nicht ohne in regelmäßigen Abständen „Tsch-Tsch-Tsch“ zu rufen. Eigentlich käme mir ja die Rolle der alten Dampflok zu, doch er will meistens selbst die Lokomotive sein, und ich zuckele als Waggon hinter ihm her. Wir müssen wohl ein historischer Museumszug sein, bei dem Tempo, in dem wir durch den Wald „fahren“. Und doch: In eine Dampflok verwandelt, läuft der Dreijährige unglaubliche Strecken. Noch schneller geht’s, wenn er mit dem „IC-Bus“, auch Laufrad genannt, den Berg hinuntersaust. Da komme ich mit dem „alten Zug“ (so heißt der Kinderwagen, weil er so schön klappert) kaum hinterher.

Die Fantasie der Kinder ist grenzenlos. Kein Wunder, dass sie ob der vielen selbst erfundenen Eindrücke abends müde sind. Beim Einschlafen halte ich die Hand meines Söhnchens, will mich dann aber vorsichtig lösen. „Nein!“, protestiert er. „Der Zug darf noch nicht entkoppelt werden!“ Auch mit der Grammatik geht er kreativ um und ruft: „Das sind zwei Dampflöke!“ Oder heißt es doch Dampfloken? Auf Dampfloks kommt er nicht. Es heißt ja auch nicht „drei Eises“ oder „viele Käses“.

Es ist nun mal alles nicht so einfach. Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem eine Mutter den unerschütterlichen Glauben, man könnte alles sein, zerstören muss. Das geschah, als mich mein Sohn fragte „Und wann bin ich ein Mädchen?“ Da musste ich ihm sagen, dass er wohl ein Junge bleiben wird. Und später zum Mann wird. So langweilig ist die Realität. Der kindlichen Neugier tat das keinen Abbruch. Nächste Frage: „Wann bin ich mal wieder ein Baby?“ Mit der Erkenntnis, dass die Vergangenheit vergangen ist, tun sich auch Erwachsene manchmal schwer.
Beruhigend, dass sich einige Dinge nie ändern. Zum Beispiel die Zuordnung von Lebensmitteln zu bestimmten Kategorien. „Du kannst mal ein Stück Möhre essen“, sage ich. „Isst du im Kindergarten Obst?“ Die Antwort kommt prompt: „Aber eine Möhre ist doch ein Gemüse!“

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