Wir sind drin! Habe mich durch eine Traube von Eltern geboxt, die Lehrer erfolgreich zur Seite geschubst und Kind 2 einen Sitzplatz in seinem Klassenzimmer verschafft.

Der erste Schultag eines Erstklässlers gleicht dem Eventcharakter einer Neuanschaffung im Zoo. Erinnern Sie sich, als im Frühling Koalabärchen Oobi-Ooobi nach Leipzig kam? Großfamilien und Kleinfamilien hüpften aufgeregt und in Scharen vor Oobi-Ooobis Käfig herum, um ihn zu fotografieren. Und wäre er ein Mensch, hätte er bei diesem Anblick wohl genauso geheult wie reihenweise Abc-Schützen am ersten Schultag ihres Lebens.

Wir bleiben tapfer, mein Töchterchen und ich. Wir jammern nicht und laufen nicht weg, obwohl uns in diesem Moment ganz danach ist. Es wäre zwecklos, weil gerade in diesem Moment der Ernst des Lebens beginnt. Die 27 Kinder im Klassenzimmer kleben eingeschüchtert auf ihren Stühlen. Über ihnen ergießt sich ein Blitzlichtgewitter. Und dort, wo eigentlich der Lehrer stehen sollte, hüpfen 40 Eltern und Geschwisterchen herum. Sie winken ihren Kindern zu und fotografieren, weil es ja der erste Schultag ist und so. Der Klassenlehrer würde die adrenalinverseuchten Besucher gerne wegschicken. Weil Fotoshootings zum Einschulungsevent gehören, käme er damit aber wahrscheinlich ins Gerede oder er bekäme Drohbriefe von Rechtsanwälten ins Fach gelegt. Zehn Minuten dauert das Chaos, dann richtet es sich von selbst.

Ich schleiche mich aus dem Zimmer und laufe mit dem unguten Gefühl nach Hause, dass wir Eltern egoistisch und unvernünftig sind. Zwei Stunden später hole ich Kind 2 aus der Schule ab. Es rennt mir entgegen und bittet mich, seinen Ranzen zu tragen. Der fühle sich unbequem und schwer an, und überhaupt sei es erschöpft und hungrig, weil es noch nichts gegessen habe. Die Schnittchen und Apfelstückchen liegen immer noch in der Brotbüchse.

"Warum hast du nichts gegessen in der Frühstückspause?" Kind 2 schaut mich peinlich berührt an. Der Klassenlehrer habe gesagt, er wolle den Kindern zum ersten Tag alles zeigen und erklären, bevor es richtig zur Sache geht. Alles war nur Probe, sagt das kleine Mädchen. Es habe das Schnittchen in der Pause in die Hand genommen, aber sich nicht getraut, hineinzubeißen. "Ich dachte, das ist nur Probe", sagt Kind 2. Es wollte sich nicht gleich am ersten Tag Ärger einhandeln.

Und sonst? Es weiß nicht, ob es Hausaufgaben erledigen muss. Es will jetzt auch nicht sagen, ob es einen Stundenplan bekommen hat. Aber wenn es morgen wieder zur Schule geht, dann nur mit Lotti, ihrem Püppchen.

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