Wir kamen nach Hause, und da stand eine Geschenktüte vor der Tür. Es passiert selten, dass uns jemand Geschenke hinlegt. Deshalb stürzten wir uns drauf. Kind 1, Kind 2 und ich. Wie sich herausstellte, war die Tüte für Kind 1 bestimmt. Dadrin lagen ein rot angepinseltes Holzherz, ein Flummiball und ein Brief, auf dem eine kleine Tüte Gummibärchen klebte. Der Junge überflog den Brief und riss die Gummibärchen ab. Dann steckte er den Ball in die Hosentasche und trug den Rest des Geschenkes zum Müll.

„Brauch ich nicht“, sagte er und erklärte, dass er Hunde sowieso viel lieber mag als Mädchen. Eines Tages werde er ein ganzes Rudel haben, am allerliebsten Huskys. Einer der Momente, in denen ich Schnappatmung bekomme. Da schenkt ihm jemand sein Herz, und er braucht es nicht. Ich würde alles geben für so ein mit Liebe gefülltes Geschenk zum Valentinstag. Die Welt müsste sich zurecht schütteln und jedem das geben, das er gebrauchen kann! In meinem Leben habe ich nicht annähernd so viele Liebesbotschaften bekommen wie meine Kinder. Wahrscheinlich steckt in mir ein Trauma, weil ich fürchte, ich werde nie hinreichend geliebt. Ich habe nichts schriftlich. Nicht mal von meinem Mann. Wer romantisch war, ging früher zu Kai Pflaume. Heute werden im zarten Alter von zehn schon Liebesschwüre ausgetauscht, von denen mir schwindlig wird. Das haben wir davon, dass es Pietro Lombardi und YouTuber gibt und kleine Menschen mit großen Handys und Datenvolumen.

Diesen Brief hier zum Beispiel brachte Kind 2 neulich aus der Schule mit: „Was ist heiser als die Sonne? Du. Was ist schöhner als eine Rose? Du.“ Meine Tochter heftete ihn in ihren Liebesbriefe-Aktenordner unter den Buchstaben „P“. Kein Tag vergeht, an dem in ihrer Grundschule kein junges Liebesglück entsteht oder zerbricht. Zur Frühstückspause tauscht man leidenschaftlich Brote aus, und mittags im Speisesaal stellt man sich vor Enttäuschung das Bein. Einer ihrer Kameraden habe aktuell drei Flammen am Kochen, sagt meine Tochter. Das ist ungeheuerlich, und das hat sie ihm auch erklärt. Daraufhin nahm er sein Handy und versuchte, seinen Freundinnenbestand einzuschmelzen. Er tippte eine Textnachricht. Den Wortlaut kenne ich nicht, jedenfalls wollte er Schluss machen. In diesem Moment bekam er selbst eine Nachricht von dem Mädchen. Es teilte mit, dass es Geburtstag hat. Da konnte er nicht Schluss machen. So fies ist keiner, sagt Kind 2. Das habe ich natürlich verstanden.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN