Mädchenruhe

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Es ist doch schön, wenn die Kinder selbstständiger werden. Findet auch unsere Große. Sie kommt allein von der Schule nach Hause und spielt mit ihrer Freundin, die im Nachbarsgarten wohnt. Ich erkläre meiner Tochter, dass ich die kleinen Brüder vom Kindergarten abhole, sie kann ja mit der Freundin weiterspielen. „Ja“, antwortet sie freudestrahlend, „dann haben wir unsere Mädchenruhe!“

Mädchenruhe ist wichtig, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich band früher meine Zimmertür mit einem Springseil zu, damit meine kleinen Geschwister nicht hereinkamen. Noch wichtiger ist aber die Ruhe vor Erwachsenen, die ungefragt in den Garten kommen, während man gerade mit seinen Projekten beschäftigt ist (Schnecken aufpäppeln, Vogel bestatten, die Jungen von nebenan ärgern). Erwachsene, die in einer solchen Situation etwa auf die Notwendigkeit eines Sonnenhuts hinweisen, werden mit einem genervten, augenrollenden „Ooooh, Mamaaa“ empfangen.

So ist es nun einmal, wenn ein Kind die Wackelzahn-Pubertät durchlebt. Die beginnt direkt nach der Trotzphase und endet mit dem Beginn der richtigen Pubertät. In dieser Lebensphase ist die Mutter nur noch als Dienstleisterin gefragt. Da ruft man aus dem Garten hoch und fragt, ob „Maaamaaaa“ bitte vielleicht eine Flasche Wasser, die Becherlupe, plus eine Auswahl an Maiswaffeln, Zwieback und anderen Knabbereien runterwerfen könne. Nein, kann ich nicht. Also, ich könnte vielleicht. Aber ich habe Angst, dass der Proviantbeutel einen anderen Hausbewohner treffen könnte.

Also laufe ich in den Garten und frage mich unterwegs, ob das Mädchen wohl länger dortbleiben will. Anschließend hole ich meine Söhne vom Kindergarten ab. Ob es auch eine „Jungenruhe“ gibt? Dem Kleinen ist sie jedenfalls fremd. Er ist ständig in Aktion, benutzt sein vierrädriges Laufrad als Skateboard und übt waghalsige Wendemanöver. Ich bin schon froh, dass er nicht mehr damit die Treppe runterfahren will. Im Nachbarsgarten hat sich unterdessen eine gemischtgeschlechtliche Kinder-Versammlung gebildet. Was dort gespielt wird, ist so ziemlich das Gegenteil von Ruhe.

Zum Glück lässt sich der Kleine zu einem Besuch des Sandkastens überreden. Dort kann er von seinem großen Bruder Jungenruhe lernen. Der Mittlere buddelt gemütlich und serviert mir ein selbstgemachtes Sandeis. Ich strecke die Beine aus, halte mein Gesicht in die Sonne und genieße. Erfahrungsgemäß ist sie kurz, aber dafür umso schöner: Die Frauenruhe.

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