Duligs zweite Chance

Zur Nominierung des Parteivorsitzenden Martin Dulig zum SPD-Spitzenkandidaten der Landtagswahl in Sachsen

Wieder Martin Dulig: Zum zweiten Mal nach 2014 hat die sächsische SPD ihren Vorsitzenden zum Spitzenkandidaten nominiert. Wieder einmal also schart sich die Partei um den 44-Jährigen, um in seinem Schatten ein anständiges Wahlergebnis einzufahren. Mit dieser Strategie sind die Sozialdemokraten 2014 ganz gut gefahren, bereits vor fünf Jahren war der Wahlkampf allein auf ihn zugeschnitten. Das Ergebnis von 12,4 Prozent - immerhin zwei Prozentpunkte mehr als 2009 - gab der SPD recht. Ob dieser Plan auch 2018 aufgeht?

Martin Dulig ist ohne Frage ein politisches Talent. Wer nur einmal bei seiner Küchentisch-Tour war, mit der er selbst abseits der großen Städte verschiedenste Themen diskutiert, weiß das. Dulig präsentiert sich dabei auf Augenhöhe mit den Zuhörern. Er wiegelt Fragen nicht ab, stellt sich der Kritik und fordert gleichzeitig aber Respekt für die Politik ein. Er betreibt damit ein Stück weit Demokratie-Aufklärung. Das ist nicht wenig in diesen Zeiten, in denen fast nur noch in Extremen gedacht wird. Entschiedener als viele bei seinem Koalitionspartner CDU hat sich Dulig zudem immer wieder gegen extremistische Tendenzen in Sachsen gestellt. Er war damit lange Zeit eine der wenigen Stimmen in der Landesregierung, die vernehmlich Position für Mitmenschlichkeit und gegen Fremdenhass bezogen haben.

All das hat dazu geführt, dass Martin Dulig der bekannteste Sozialdemokrat in Sachsen ist. Es stand deswegen nicht wirklich zur Debatte, dass jemand anderes als er die Spitzenkandidatur in diesem Jahr übernehmen würde. Warum aber ist dann die Stimmung nicht besser in der SPD? Warum ist da immer noch etwas Verzagtes, eine Verdrossenheit? Auch das liegt zum Teil an Martin Dulig. Entgegen manchem Rat hatte er sich vor fünf Jahren dafür entschieden, das Ressort Wirtschaft, Arbeit und Verkehr zu übernehmen. Im Amt ist er aber nie richtig angekommen, er fremdelt anscheinend seitdem mit dem Ministerium. Selbst in der eigenen Partei wurde deswegen mit einem Lächeln quittiert, dass Dulig seit dem Sommer unter dem Motto "Deine Arbeit, meine Arbeit" immer mal wieder für einen Tag in verschiedene Berufe "hineinschnuppert": Sollte ein Arbeitsminister nicht nach fast einer Legislaturperiode wissen, wovon er redet? Im Kern steckt dahinter ein Zweifel, der vom Blick auf die Umfragen genährt wird: Stünde die sächsische SPD vielleicht besser da, wenn Dulig einen anderen Ministerposten übernommen hätte? Einen, der ihm etwas mehr liegt?

Noch versammelt sich die SPD hinter Dulig. Er hat bewiesen, dass er ein guter Wahlkämpfer ist. Verliert die SPD deutlich am Wahltag und ist womöglich nicht mehr an der neuen Regierung beteiligt, ist aber auch sein Schicksal offen. Dann wird Bilanz gezogen werden. Dann fragt sich, was schwerer wiegt: Duligs Verdienste als Zuhörer oder seine Bilanz als Minister in der schwarz-roten Landesregierung.

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