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Großer Bahnhof für sächsisch-böhmische Bahn

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Mit einer Kunstperformance, menschlichen Schienen und einer 97-jährigen Zeitzeugin aus dem Sudetenland feierte Moldau im Erzgebirge einen emotionalen symbolischen Lückenschluss zur Bahnstrecke nach Freiberg.

Moldau/Freiberg.

Am 7. Mai 1945 um 17.30 Uhr fuhr der letzte Zug von Moldau nach Freiberg. Dann waren die Menschen diesseits und jenseits der Grenze getrennt. Heute fehlen ziemlich genau acht Kilometer Gleis zwischen dem tschechischen Moldava und dem sächsischen Holzhau. Doch an diesem Freitagabend Ende Juni 2021, so bemerken es Zuschauer eines denkwürdigen Spektakels, ist die Lücke zum ersten Mal seit 70 Jahren ein paar Meter kürzer.

Moldau im Erzgebirge, die einstige Sommerfrische auf 782 Metern, hat zum dritten symbolischen Lückenschluss der Freiberger/Moldauer Bahn eingeladen. Und vielleicht 100 Leute stehen in der saftig grünen Landschaft und verleihen damit ihrer Hoffnung Ausdruck, dass hier nun hoffentlich bald wieder eine sächsisch-böhmische Eisenbahn fahren wird. So wie einst von Brüx, heute Most, über den Erzgebirgskamm nach Freiberg.

Auf der Grenzbrücke steht an diesem Abend eine Frau, die das noch selbst erlebt hat: Hana Truncová, die im nahen Teplitz-Schönau an der Handelsakademie lernte. Ihr Biologie-Professor war ein gewisser Gustav Müller, zugleich Redaktionsleiter der "Erzgebirgs-Zeitung". Das Blatt erlebt heute als Heimatzeitschrift eine Renaissance, und Hana Truncova, 97 Jahre alt, ist Mitglied der Redaktion. Sie pickt beim Redigieren noch immer Fehler heraus, die andere übersehen, wie Petr Fišer vom Redaktionsrat versichert. Diese tüchtige Frau bekundet nun ihre Liebe zum Erzgebirge und zur Eisenbahn, auf Deutsch ebenso tadellos wie auf Tschechisch, sie braucht hier als einzige Rednerin keinen Dolmetscher. "Ich bin eine Zeitzeugin. Die Eisenbahn im Erzgebirge kenne ich seit meiner Kindheit", erzählt sie. Und sie hat einen großen Wunsch: "Ich bin nach Moldau gekommen, um einen symbolischen Lückenschluss nach Holzhau zu erbitten."

Steve Ittershagen von der Interessengemeinschaft Freiberger Muldentalbahn wünscht sich das ebenso. Er weiß aber um die Mühen der Ebene. Es liege nicht an der tschechischen Seite, dass die Verbindung noch immer unterbrochen ist, sagt er, sondern an der sächsischen Landesregierung. Seit zwei Jahren verspreche das Verkehrsministerium von Martin Dulig (SPD) eine Analyse zur Wiederinbetriebnahme der Strecke. Er komme gern nach Moldau, und er spreche auch gern hier, sagt der einstige CDU-Landtagsabgeordnete. Doch jetzt reicht es ihm. "Die Zeit des Redens muss vorbei sein und die Zeit des Handelns muss beginnen." Unterstützung bekommt er vom tschechischen Europaabgeordneten Tomáš Zdechovský. Er glaube, sagt er, dass auch Hana Truncova noch erleben könne, wie hier wieder Züge hinüber nach Sachsen fahren.

Die Versammelten entdecken gemeinsam auch das geheimnisvolle, stillgelegte Gebäude des Moldauer Bahnhofs. Der opulente Bau, 1884 eröffnet, war von Anfang an als Grenzbahnhof zwischen Sachsen und Böhmen konzipiert. Bis zu neun Gleise verliefen hier einst, heute gibt es nur noch spärlichen Verkehr aus Most. An diesem Abend wird das alte österreichisch-ungarische Bahnhofsgebäude zur Station Endlos.

Veronika Vaculiková, Tanz- und Bewegungskünstlerin aus Prag, hat mit ihrem Team die Räume in einen Ort von Tanz, Performance, Ausstellung, Musik, Text und Sound verwandelt. Im langen Gang im Obergeschoss kann man an einem Zeitstrahl die Geschichte des Bahnhofs abschreiten - vom Beginn des Trassenbaus 1871 über Krieg und Vertreibung der Sudetendeutschen bis zur Gegenwart. "Das sächsische Verkehrsministerium bereitet eine Machbarkeitsstudie vor" - so lautet der letzte Eintrag für 2021. Daneben hat jemand mit Rot gekritzelt: "Happy end?"

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