"Baustelle Demokratie": Am Wissen führt kein Weg vorbei

Demokratie leben und verstehen beginnt schon in der Schule. Das Fach "Politische Bildung" wird aber meist stiefmütterlich behandelt. Es wird Zeit, das zu ändern. Ein Gastbeitrag von Tim Engartner.

Chemnitz.

"So viel Hass, und keiner kann helfen." Das titelte "Spiegel Online" am 16. Dezember 2016 in Reaktion auf die zunehmende Hetze gegen Lokalpolitiker. Und tatsächlich war die öffentliche Debatte hierzulande selten zuvor derart von Hass erfüllt wie gegenwärtig.

Die in Dresden ins Leben gerufene Pegida-Bewegung, die rasant gewachsene Zahl fremdenfeindlicher Übergriffe und das Erstarken der inzwischen in zehn Landesparlamenten vertretenen Alternative für Deutschland (AfD) stellen eine historische Herausforderung dar. Wenn demokratische Prinzipien als Grundlage für ein gelingendes Miteinander von einem wachsenden Teil der Gesellschaft nicht mehr erkannt, nicht mehr verstanden oder sogar abgelehnt werden, rüttelt dies an den Grundfesten unseres Wertesystems. Was aber folgt aus dem allseits anerkannten Befund, dass etablierte demokratische Prinzipien mehr und mehr verletzt werden? Wie lässt sich der aufgeladenen Stimmung zwischen Frankfurt (Oder) und Aachen begegnen? Wie können in einer hochgradig politisierten und emotionalisierten Zeit Sachargumente wieder Auftrieb gewinnen? Die Antwort ist schlicht: Wir brauchen mehr politische Bildung! Politische Bildung muss endlich als "Selbsterhaltungsunterfangen" demokratischer Gesellschaften verstanden werden, denn nur sie gibt Antworten auf deren Grundfrage: Wie können Menschen ihre Interessen und Bedürfnisse so koordinieren, dass sich ihr Zusammenleben in einer von immer mehr Unsicherheiten geprägten Welt friedlich, solidarisch und zu ihrer eigenen Zufriedenheit gestaltet? Damit Kinder und Jugendliche ein politisches Bewusstsein entwickeln, ist es unerlässlich, sie Demokratie lernen und - ungleich wichtiger - leben zu lassen. Demokratische Entscheidungsprozesse müssen deshalb nicht nur formal erläutert, sondern zugleich als Schul- und Unterrichtsprinzip etabliert werden: bei der Wahl der Klassensprecherin oder des Klassensprechers, bei der Festlegung von Unterrichtsthemen, bei der Auswahl von Exkursionszielen sowie bei der Planung zur Um- oder Neugestaltung des Schulgeländes.

Vermutlich führt nur ein weiter Politikbegriff - letztlich im Sinne des von der Friedens-, Umwelt- und Emanzipationsbewegung formulierten Postulats "Das Private ist politisch" - aus dem Dilemma des zunehmend schwindenden Interesses an der institutionalisierten Politik. Fragen der Lebensqualität und der Lebensgestaltung sowie des sozialen Zusammenlebens müssen stärker als bislang zum Gegenstand des Politikunterrichts gemacht beziehungsweise in den Lehrplänen verankert werden. Bei einer Schülergeneration, die immer häufiger in die Welt des Fernsehens, des Internets, der Chats und der Spielekonsolen abtaucht, ist dies keine leichte Aufgabe. Aber wenn die zur Hauptsendezeit ausgestrahlten Talkshows "Anne Will", "Maybrit Illner" und "Hart aber fair" die Debatten im Deutschen Bundestag in den Augen der Öffentlichkeit als "Ersatzparlamente" abgelöst haben und politische Entscheidungen häufig im Widerspruch zum Mehrheitswillen der Bevölkerung getroffen werden - Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters oder Einsatz der Bundeswehr im Ausland - und die Wahlbeteiligung stetig sinkt, muss der "Demokratiemüdigkeit" schon in der Schule entgegengewirkt werden. Geistige Monokulturen gedeihen besonders dann, wenn sich die Feinde der offenen Gesellschaft formieren und die Unentschiedenen mit postfaktischen Verklärungen für sich gewinnen können.

Es wird Zeit, dass wir der Flut unvollständiger und falscher Informationen sachlich begründete Fakten entgegenstellen. Und wir müssen endlich ehrliche Fragen stellen: Würden wir selbst nicht auch vor den Truppen des syrischen Machthabers Assad flüchten, wenn wir in Aleppo, al-Bab oder Al Aqra lebten? Wenn wir die Perspektive der Geflüchteten besser verstehen wollen, müssen wir mehr über deren Schicksale und Fluchtgründe erfahren. Auch dafür brauchen wir (mehr) politische Bildung.

Leider trübt sich der unter PISA-Gesichtspunkten so erfreuliche Blick in die sächsischen Klassenzimmer in Sachen Demokratieerziehung, -bildung und -förderung. So sieht die Stundentafel an sächsischen Mittelschulen in den Jahrgangsstufen neun und zehn lediglich zwei Stunden Gemeinschaftskundeunterricht pro Woche vor. Auch in Bayern ist die Situation wenig erfreulich.

So erhält ein durchschnittlicher deutscher Gymnasiast während des Besuchs der Jahrgangsstufen 5 bis 10 insgesamt rund 167 Unterrichtsstunden mit dem Kontext politische Bildung, während Schüler in Bayern und Sachsen nur in den Genuss von 40 bzw. 53 Stunden kommen. An der Spitze liegen Berlin und Brandenburg mit jeweils 280 Stunden sowie Nordrhein-Westfalen mit 293 Unterrichtsstunden. Kurzum: Die sächsische Landesregierung sollte dringend auf die Ergebnisse der 2014 von der Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichten Studie "Erfolgreich. Politisch. Bilden" (www.kas.de/ wf/de/33.20184) reagieren und den Forderungen des sächsischen Landesschülerrats nach einem Ausbau des Stundenkontingents für politische Bildung nachkommen. Eine fächerübergreifende Einbindung politischer Bildung - etwa in den Ethik-, Geschichts- oder Deutschunterricht - reicht dafür nicht aus. Um Planungssicherheit zu gewährleisten, sollte außerschulische politische Bildung auch in Sachsen nicht nur mit einem "Grundzuschuss" teilfinanziert werden. Es müssen auch solche Einrichtungen gefördert werden, die nicht in große Verbände eingegliedert sind, sondern die Jugendlichen in ihren Lebenswelten abholen: auf dem Skateplatz, im Jugendheim oder beim Straßenfußball. Die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Praxis der politischen Bildung sollte auch in Sachsen intensiviert werden - etwa über einen Ausbau der Landeszentrale für politische Bildung.

Da demokratisches Bewusstsein keine anthropologische Konstante darstellt, sondern Tag für Tag erlernt werden muss, führt an der Aufwertung politischer Bildung an Schulen, Hochschulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung kein Weg vorbei. Es darf nicht länger nur dann nach ihr gerufen werden, wenn sie als "Feuerwehr" gesellschaftliche Brandherde wie Politikverdrossenheit, Fremdenfeindlichkeit oder Jugendgewalt bekämpfen soll. Die Forderung, politische Bildung auszubauen, ist weder revolutionär noch illusionär. Ein parteienübergreifender Konsens sollte daher leicht herstellbar sein - zumal der Ausbau politischer Bildung vergleichsweise preiswert ist.

In Schulen ist er durch eine Neuordnung des Fächerkanons beinahe zum Nulltarif zu haben. In außerschulischen Bildungseinrichtungen sind die Kosten überschaubar, wenn wir uns einig sind, dass sozialer Frieden ein kostbares Gut ist. Wenn wir dem Populismus entgegentreten wollen, ist es Zeit, dass wir uns auf den Weg machen. Andernfalls läuft uns die Demokratie davon.

DIE SERIE wird nächste Woche fortgesetzt. Dann geht es darum, was den Sachsen die direkte Demokratie bedeutet. Wenn Sie mitdiskutieren wollen: Freie Presse, Chef vom Dienst, Postfach 261, 09002 Chemnitz oder

leserbriefe@freiepresse.de

Tim Engartner

Seit April 2012 ist er Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt schulische Politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied desDirektoriums der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL). Engartner (geboren 1976) studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie Englisch für das Lehramt in Bonn, Oxford und Köln. (fp)

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    BlackSheep
    05.01.2017

    @Blackadder, selbst die die mit klugen Argumenten kammen wurden nicht gehört! Wenn man Kritik übt kommt es nicht auf den Applaus an. Sie haben das Problem auf den Punkt gebracht, es wurden sachliche Kritik an der merkelschen Politik geübt, allerdings wurden in keinster Weise auf die Kritik reagiert, als die Probleme dieser Politik nicht mehr zu kaschieren waren, kam "das konnte keiner Wissen"

  • 2
    2
    Blackadder
    05.01.2017

    Ein Problem, lieber Freigesit, ist aber auch, dass in letzter Zeit viele Populisten Merkel mit dummen Argumenten kritisieren und diejenigen, die das schon seit Jahren mit klugen Argumenten tun werden nicht mehr gehört oder bekommen Applaus von der falschen Seite.

    Ich freue mich zudem sagen zu können, dass mein Teenager-Kind sehr wohl ein großes Interesse an Politik zeigt, vieles hinterfragt und sich informiert und mich die Hoffnung und den Glaube an die junge Generation nicht aufgeben lässt. Ist allerding leider wohl nicht die Regel.

  • 5
    0
    Freigeist14
    05.01.2017

    Interesse an Politik sollte auch zu Hause vorgelebt werden.Doch viele halten Desinteresse an Politik für eine Tugend und begnügen sich mit dem Info-Fastfood von ihrem Smartphon.Dann werden auch die
    absurdesten Fake-News geglaubt ,was mit einem gewissen Maß an Hintergrundwissen keinen Nährboden finden würde.An der Entpolitisierung der Bevölkerung hat aber die Politik Merkels einen nicht unwesentlichen Anteil.Wenn alles alternativlos erklärt wird,nennt man die Kritiker Populisten.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...