Ein Handlanger des NSU

Im Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds" hat der Zwickauer Angeklagte André E. bisher geschwiegen. Dafür trägt er viele Bekenntnisse auf der Haut. Weitere fand man in seinem Rechner.

Zwickau/München.

"Ich wollte einfach in das nächstbeste Spirituosengeschäft marschieren, dem Verkäufer mit einem Ziegelstein eins über die Rübe geben und das Geld aus der Kasse nehmen. Henry war damit nicht einverstanden ... Wenn wir anfingen, Leute auszuplündern, um so an Geld zu kommen, würde man uns ungeachtet unserer hehren Ziele schnell als Bande gewöhnlicher Krimineller betrachten ... Henry betrachtet alles unter dem Gesichtspunkt unserer Ideologie."

Die in der zitierten Passage benannte Ideologie ist der Rassismus, die erwähnten "hehren Ziele" sind ein opferreicher, angeblich unausweichlicher Kampf, bei dem weiße Rassisten alles andersartige - ob schwarz, ob jüdisch, ob das herrschende System - überwinden müssen. So lautet die Botschaft der "Turner Diaries", zu deutsch der Turner-Tagebücher. Der 1978 erschienene Roman des Amerikaners William Pierce ist eine Art Bibel für Rassisten weltweit.

Auch in der Zwickauer Wohnung des Ehepaars André und Susann E. beschlagnahmte das BKA auf Computer-Festplatten eine Fassung des indizierten Buches. André E. ist Angeklagter im Prozess zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrundes", der seit fast vier Jahren am Oberlandesgericht München gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte läuft. Am Mittwoch soll der Prozess, der wegen mehrerer Befangenheitsanträge drei Wochen pausierte, weitergehen. André E. s Frau Susann ist nicht in München angeklagt. Sie gilt nur als Beschuldigte im NSU-Ermittlungsverfahren.

Roman-Autor William Pierce lässt in den Turner-Tagebüchern seine Hauptperson Earl Turner philosophieren: "Ich verstand, dass wir die Ziele für unsere Überfälle sozial bewusst aussuchen mussten. Wenn wir den Leuten schon die Köpfe einschlugen, dann sollten es jene sein, die nichts besseres verdienten." Die Köpfe ein schlugen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihren Opfern nicht, zumindest nicht bei jenen der dem NSU zugeschriebenen Mordserie. Ihnen verpassten sie tödliche Kopfschüsse. Auch trennten die Täter zwischen wohl rassistisch motivierten Mord-Ausfahrten, bei denen sie von 2000 bis 2006 acht türkischstämmige Gewerbetreibende und einen Griechen regelrecht hinrichteten, und ihren bewaffneten Überfällen zum Beschaffen des Lebensunterhalts im Untergrund.Nur von letzteren hätten André und Susann E. gewusst, erklärte Beate Zschäpe im NSU-Prozess schriftlich. Über die Morde hätten weder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt noch sie selbst das befreundete Ehepaar in Kenntnis gesetzt, behauptet Zschäpe. Über die Überfälle habe das Trio André E. informiert, als dieser gefragt habe, warum die Drei nach Verjährung ihrer in Jena begangenen Taten nicht wieder in ihr altes Leben zurückkehrten. Angesichts der Unterstützung, die André E. den Dreien bereits seit 1998, also kurz nach dem Abtauchen in Chemnitz, hatte zuteil werden lassen, habe man ihn 2006 für vertrauenswürdig genug befunden, ihn zumindest bezüglich der Überfälle einzuweihen.

Die Ermittler des BKA dagegen gehen von viel weiter reichender Mitwisserschaft André E.s aus. Immerhin entsprachen die Aktionen seinem eigenen Glaubensbekenntnis. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Maik hatte André E. in den frühen 2000er-Jahren die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" ins Leben gerufen, deren Mitglieder, wie die Turner-Tagebücher, weißen Rassenkampf beschworen und dem rassistischen Ku Klux Klan huldigten. Kurz nachdem André E. Ende November 2011 von einem Kommando der GSG 9 auf dem Bauernhof seines Zwillingsbruders in Brandenburg verhaftet worden war, dokumentierte man beim Haftantritt ein Bekenntnis, das er sich unter die Haut hatte stechen lassen. "Die Jew die" war auf seinen Bauch tätowiert: "Stirb Jude stirb".

Zunächst gingen die Ermittler davon aus, dass André E. der Urheber des Bekenner-Videos zur Anschlagsserie des NSU gewesen sei. Das aus Sequenzen der Trickfilm-Serie "Der rosarote Panther" und originalen Tatortfotos sowie Medienberichten über die Taten zusammengeschnittene Video sei so professionell erstellt, dass es nicht von Laien stammen könne, hieß es zunächst. In dem von Beate Zschäpe angezündeten letzten Zwickauer NSU-Unterschlupf Frühlingsstraße 26 fand sich zudem eine DVD-Hülle mit Daten einer von André E. zeitweise betriebenen Digitalisierungs- und Medienbearbeitungsfirma. Das und die Tatsache, dass auf E.s eigenem Computer Fotos aus dem Video gefunden wurden, wertete man als Beleg, dass das Trio sein Paul-Panther-Bekennervideo beim befreundeten Fachmann in Auftrag gegeben hatte.Der Bundesgerichtshof bewertete die Beweise Monate später anders, was für E.s Entlassung aus der Untersuchungshaft sorgte. Er ist auf freiem Fuß. Seit in München der Prozess läuft, pendelt er von Zwickau aus zu den Verhandlungswochen. Der Bundesgerichtshof machte in den Tatortfotos auf E.s Rechner keinen "zwingenden" Beweis für seine Autorenschaft an dem Opfer verhöhnenden Film aus. Es handelt sich um Fotos, die aus Medienberichten stammten. Sie können ebenso aus dem Netz heruntergeladen sein.

Was die Ermittler in Zusammenhang mit dem Paul-Panther-Video nicht aufklärten, ist die T-Shirt-Spur. Wenige Tage nach Auffliegen des NSU Anfang November 2011 wurde diese entdeckt - in der Zwickauer Szene-Boutique "Eastwear". Der Laden ist das Folge-Geschäft des "Last-Resort-Shops", der einst von Ralf Marschner gegründet worden war, jenem Neonazi und Verfassungsschutz-Spitzel, der Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zur Zeit der Mordserie in verschiedenen seiner Firmen wohl hatte jobben lassen. Ehe Ralf Marschner alias V-Mann "Primus" im Sommer 2007 aus Zwickau verschwand, hatte er seinen Laden seinem Mitarbeiter Marco H. überschrieben. Dieser führte den Laden unter dem Namen "Eastwear" weiter. Nur Tage nach Auffliegen des NSU 2011 stieß ein Reporter der britischen Zeitung "Daily Telegraph" im Zwickauer Laden auf ein an den Tresen geheftetes Shirt. Es zeigte den "Rosaroten Panther" über dem Schriftzug "Staatsfeind", eine Eigenschaft, die die Filmfigur erst bei Kenntnis des NSU-Bekenner-Videos erlangt. Nach "Freie Presse"-Recherchen hatte das Shirt nicht erst seit Tagen, also nach Bekanntwerden des Bekennervideos dort gehangen. Dadurch würde ihm allenfalls die Bedeutung eines geschmacklosen Scherzes zukommen.

Nach Auskunft des Ladenpersonals hatte sich das Shirt aber schon lang am Tresen befunden. Es sei mal als Muster eingereicht worden. Von wem sei nicht mehr nachvollziehbar. Aber wer hatte vor öffentlichem Bekanntwerden des Paul-Panther-Videos des NSU von der staatsfeindlichen Seite des Panthers gewusst? Welche Szene-Mitglieder waren in den zweifelhaften "Genuss" gekommen, das Video sehen zu dürfen oder von ihm zu wissen, lang bevor Beate Zschäpe es nach Mundlos' und Böhnhardts Tod versandte. Ex-Shop-Betreiber Ralf Marschner? Folgebetreiber Marco H.? Wer genoss beim Trio so viel Vertrauen, dass ihm bezüglich des Terrors alles anvertraut worden war, inklusive der Morde und Bombenanschläge?Einen Tag bevor das Paul-Panther-Shirt erstmals in einem Bericht erwähnt wurde, rief der NSU-Angeklagte André E. im "Eastwear"-Shop an. Das weiß man aus der Auswertung der Verbindungsdaten seines Handys. Was André E. sechs Tage vor seiner eigenen Verhaftung vom Shop-Betreiber wollte, ist bis heute unaufgeklärt. Ging es um einen Hinweis, das Shirt aus dem Laden verschwinden zu lassen, bevor dessen Indizien-Charakter klar wurde? Im NSU-Prozess schweigt André E.

Nicht nur die T-Shirt-Spur und sein Anruf im Szene-Shop bleiben so vorerst nebulös. Beim Auswerten der Handy-Kontakte André E.s ergab sich eine weitere merkwürdige Verbindung. Konkret zum letzten NSU-Mord, der am 6. April 2006 in einem Kasseler Internet-Café stattgefunden hatte. Zum Zeitpunkt des Mordes - fünf Jahre, bevor der NSU aufflog - hatte der hauptamtliche hessische Geheimdienstmann Andreas T. als Hauptverdächtiger gegolten, der am Tatort gewesen und unter mysteriösen Umständen zum Zeitpunkt der Schüsse verschwunden war. Der Wohnort des Verfassungsschützers Andreas T. lag in Hofgeismar im ländlichen Kasseler Umland. Exakt dorthin führt ein Kontakt von André E. Der in E.s Handy gespeicherte Abacus-Schlüsseldienst hat seinen Sitz in Hofgeismar weniger als zwei Kilometer entfernt von der Wohnung des einst verdächtigten Geheimdienstlers.

In manch anderer Hinsicht ist E.s Schweigen unproblematisch. Seine Unterstützungshandlungen für den NSU sind allein anhand von Indizien nachweisbar. Allerdings sind manche Hilfsdienste, etwa das Mieten einer Wohnung an der Wolgograder Allee im Chemnitzer Neubaugebiet Fritz Heckert, verjährt.

Was E. in der Anklage vorgeworfen wird, ist das Anmieten von Wohnmobilen für Terror-Ausfahrten, und das nicht nur für zwei der 15 Raubüberfälle, sondern auch für einen der Bombenanschläge. Bei diesem erlitt die 19-jährige Mashia M. im Kölner Lebensmittelgeschäft ihres Vaters im Januar 2001 schwere Verbrennungen und Schnittverletzungen. Wie viel André E. über das Attentat wusste, was er sich dazu ausmalte, bleibt sein Geheimnis.

In den von ihm sorgsam archivierten Tagebüchern preist die Roman-Figur Earl Turner indes die Notwendigkeit solcher und ähnlicher Taten. Der Roman-Held wundert sich darüber, "dass ich weder Reue noch Bedauern wegen der Tötung" zweier "weißer Huren" verspüre. "Noch vor zwei Monaten konnte ich mir nicht vorstellen, ein weißes Mädchen ganz ruhig abzuschlachten, ganz egal, was sie angestellt hätte. Aber in letzter Zeit habe ich eine realistischere Einstellung zum Leben bekommen. Mir ist klar, dass die zwei Mädchen mit den Schwarzen nur deswegen herumzogen, weil sie mit der Krankheit des Liberalismus durch die Schulen und Kirchen infiziert waren."

Laut Anklage half André E. dem Trio nicht nur mit Wohnmobilen dabei, für ihre Anschläge deutschlandweit mobil zu sein. Er stellte auch über Jahre Bahncards zur Verfügung, die auf seinen Namen und den seiner Frau ausgestellt, aber mit Böhnhardts und Zschäpes Fotos versehen waren. Die von Böhnhardt genutzte Karte befand sich im November 2011 im abgebrannten Wohnmobil bei den Leichen von Mundlos und Böhnhardt, Zschäpes in der von dieser angezündeten Wohnung.

Beate Zschäpe hatte André E. zweimal direkt aus der Klemme geholfen. 2006 begleitete er sie in Zwickau aufs Polizeirevier, wo sie wegen eines Wasserschadens im Haus eine Aussage machen sollte. Um Zschäpes Identität zu verschleiern, behauptete E., sie sei seine Frau Susann. Es folgten weitere fünf Jahre des Trios im Zwickauer Untergrund. Die letzte bekannte Unterstützung leistete E. am Tag des Todes der beiden Uwes, an dem Zschäpe die Wohnung anzündete und zunächst floh. Wie Protokolle ihres Handys belegen und wie sie inzwischen einräumt, bat sie André E. um Hilfe. Sie brauchte einen Fahrer, um aus Zwickau zu entkommen und benötigte neue Kleidung, weil sie ihre beim Verteilen des Benzins in der Wohnung besudelt hatte. André E. half mit Kleidung seiner Frau aus und brachte Zschäpe nach deren Aussage nach Chemnitz, weil von Glauchau aus kein Zug verkehrte.

Über den vermutlich erweiterten Selbstmord von Uwe Mundlos im Wohnmobil in Eisenach wurde viel orakelt. Immerhin passt die Losung "Sieg oder Tod" ins Denkmuster weißer Rassisten. Zum Schluss der Turner-Tagebücher bietet sich der Romanheld pathetisch als Selbstmord-Attentäter an: "'Ich stelle euch mein Leben zur Verfügung. Nehmt ihr das an?' Wie aus einem Guss antworteten sie: 'Bruder! Wir nehmen dein Lebensopfer an. Dafür bieten wir dir ein immerwährendes Leben in uns. Deine Tat soll bis zum Ende der Zeiten weder vergebens noch vergessen sein.'" "Unvergessen" - dieses Wort hat jemand in altdeutscher Schrift auch unter eine Bleistift-Zeichnung von Mundlos und Böhnhardt geschrieben. Polizisten fanden deren Porträts 2013 bei einer weiteren Durchsuchung des Ehepaars E. im Wohnzimmer. Herausgeben wollte das Paar die Bilder nicht. Also wurde die Wand fotografiert, damit eines ebenso wenig vergessen wird: die Huldigung gegenüber mutmaßlichen Mördern.

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2Kommentare
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  • 1
    0
    alibaba75
    13.07.2017

    NSU-Zitat: "Andrè E. stellte auch über Jahre Bahncards zur Verfügung, die auf seinen Namen und den seiner Frau ausgestellt, aber mit Böhnhardts und Zschäpes Fotos versehen waren. Die von Böhnhardt genutzte Karte befand sich im November 2011 im abgebrannten Wohnmobil bei den Leichen von Mundlos und Böhnhardt, Zschäpe in der von dieser angezündeten Wohnung."
    Genauso fand man an diesen Orten wohl verteilt die beiden P2000 von Kiesewetter und ihrem Kollegen. Aber wer stellte eigentlich Mundlos die Bahncard zu Verfügung?
    Erst die "Dönermorde" und Mord im Internetkaffee, rätselhaftes Zeugensterben, mittlerer Weile 7, Böhnhardt und Mundlos nicht gerechnet und keine Spur von den 680.000 ?, die Böhnhard und Mundlos aus den sonst leeren Sparkassen erbeuteten? War die Explosion in der in der Zwickauer Gartenstraße möglicher Weise ein missglückter Mordanschlag auf Zschäpe?
    Wer kann schon, ohne sein Hirn auszuschalten dieser plumpen Spurendeutungen folgen und behaupten: Beate Zschäpe ist der Kopf des Ganzen. Die drei Staatsanwälte, die das versuchen, sollte man mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.
    Was hier wirklich unter dem Begriff NSU abläuft ist nichts Gutes? Aber der ruhige Schlaf von Herrn de Maiziere beweist: Alles ist sicher.

  • 1
    0
    Freigeist14
    29.03.2017

    Der Beitrag trägt keineswegs zur Erhellung bei.Die Zitate aus dem Buch des weißen Rassisten sind nur weitere Nebelkerzen.



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