Ermittler: Münchner Amoklauf war rechtsradikal motiviert

Lange sorgte die Bewertung der Motive für den Münchner Anschlag von 2016 für heftige Debatten: Eine rassistische Tat oder persönliche Rache eines 18-Jährigen für Kränkungen? Nach jahrelangen Ermittlungen schwenken die Behörden um.

München (dpa) - Mehr als drei Jahre nach den tödlichen Schüssen am Olympia-Einkaufszentrum in München hat das Bayerische Landeskriminalamt die Tat als politisch motiviert eingestuft.

Bei der Bewertung dürfe die rechtsradikale und rassistische Gesinnung des Täters nicht vernachlässigt werden, teilte das LKA mit. Am 22. Juli 2016 hatte der 18-jährige David S. neun Menschen und sich selbst erschossen. Es gab mehrere Verletzte. Die meisten der Todesopfer waren jung und hatten einen Migrationshintergrund.

«In Zusammenfassung der Erkenntnisse der letzten drei Jahre Ermittlungsarbeit erscheint es gerechtfertigt, von einer politischen Motivation im Sinne des Definitionssystems PMK zu sprechen.» Das bundesweit einheitliche polizeiliche Definitionssystem Politisch Motivierte Kriminalität (PMK) regelt die Einstufung.

Die Ermittler vollziehen damit eine Wende. Sie hatten die Tat anfangs vordringlich als Racheakt für Mobbing gesehen. Unter anderem Opfervertreter, aber auch SPD und Grüne hatten das kritisiert und begrüßen nun die Neubewertung.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, nach Abschluss der umfassenden Ermittlungen sei die Einschätzung folgerichtig. «Auch wenn die Ermittlungen ein ganzes Bündel an Motiven zutage gefördert haben, hatte der Täter zweifelsohne auch rassistische Beweggründe.» Der rechtsextreme Täter hatte psychische Probleme. Die Ermittlungen bestätigten erneut, dass er alleine handelte: Keine Hinweise ergaben sich laut LKA auf andere Beteiligte, Mitwisser oder Netzwerke.

Die Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus stark macht, nannte die Neubewertung der Tat ein überfälliges Signal. «Damit werden das rassistische Tatmotiv und die rechtsextreme Ideologie des Täters endlich anerkannt.» Der Münchner Anschlag weise mehrere Parallelen zum rechtsterroristischen Attentat von Halle auf eine Synagoge auf. «Die Gefahr von allein agierenden, rechtsextremen Attentätern, die sich in Online-Foren radikalisieren und sich an internationalen Rechtsterroristen orientieren, hätte schon viel früher erkannt werden müssen.»

Der bayerische SPD-Landtagsabgeordnete Florian Ritter sagte: «Dass die Staatsregierung so lange für diese Erkenntnis gebraucht hat, ist dem Kampf gegen Rechtsradikalismus allerdings nicht gerade zuträglich.» Es gebe aber einen Lernprozess, rechte Gewalt genauer zu untersuchen und in diese Richtung zu ermitteln.

Die Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze zeigte sich «zufrieden über die Meinungsänderung beim Landeskriminalamt, die auch bei den Angehörigen der Opfer eine lange klaffende Wunde schließt». Es sei mühsam gewesen, das CSU-Innenministerium zu überzeugen. Auch Expertengutachten, Medienrecherchen und die Arbeit der Fachstelle für Demokratie der Stadt München hätten zur Neueinstufung beigetragen.

Innenminister Herrmann erläuterte dazu, das LKA habe die Ermittlungen erst Mitte dieses Jahres abschließen und daraus die Tathintergründe bewerten können. «Erst braucht es eine klar ausermittelte Faktenbasis, dann kann man einen Fall einordnen.» Am Ende habe sich nicht nur das eine tatauslösende Motiv ergeben. Der Täter habe rassistisches Gedankengut verinnerlicht und sich in einschlägigen Chat-Gruppen bewegt. Zudem wiesen Diagnosen aus der Kindheit auf psychopathologische Auffälligkeiten hin.

Früh war klar, dass der Schütze seine Tat ein Jahr vorbereitet und wie der rechtsextreme norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ein Manifest verfasst hatte. Er wählte für seine Tat die gleiche Waffe und den fünften Jahrestag des Breivik-Attentats. Trotzdem schlossen die Ermittler damals einen politischen Hintergrund aus. Später wertete das Bundesamt für Justiz die tödlichen Schüsse als extremistische Tat. Auch das Münchner Landgericht ging im Prozess gegen den Waffenverkäufer von einer rassistisch motivierten Tat aus.

14Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    5
    Interessierte
    29.10.2019

    Sie wollen aber auch immer und immer wieder das letzte Wort haben !
    Stimmt denn das auch ?

  • 5
    5
    gelöschter Nutzer
    28.10.2019

    @Interessierte: Das stimmt. Nur werden im Westen nicht so viele davon in die Parlamente gewählt, wie im Osten.

  • 6
    2
    Interessierte
    28.10.2019

    Im Westen gibt es viele Rechtsradikale , nicht nur in Sachsen / Chemnitz
    Hier auch :
    https://detektor.fm/politik/stadtgespraech-neonazis-in-dortmund-dorstfeld?utm_source=pocket-newtab

  • 2
    1
    Steuerzahler
    28.10.2019

    @MuellerF: „Auch die psychische Erkrankung eines Täters schließt ja nicht aus, dass weitere Motive in die Tat einfließen- und gerade das ergab ja hier die Gesamtschau der Beweislage.“ Das betrifft aber auch alle anderen Taten und Täter, bei denen oft auffällig schnell und bereitwillig auf psychische Probleme als Tatauslöser verwiesen wird, wenn man nicht wie so oft mit zweierlei Maß messen will!

  • 4
    2
    MuellerF
    28.10.2019

    @thomboy: Dann hätte auch die Rache an den konkreten Mobbern erfolgen müssen- die Opfer wurden jedoch nach vermeintlicher (!) Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder Religion, rein nach ihrem äußeren Erscheinungsbild ("fremdländisch") ausgewählt. Auch die psychische Erkrankung eines Täters schließt ja nicht aus, dass weitere Motive in die Tat einfließen- und gerade das ergab ja hier die Gesamtschau der Beweislage.

  • 4
    6
    gelöschter Nutzer
    26.10.2019

    Simple...: da Stimme ich ihnen nicht zu. Der Amokläufer soll von einer bestimmten Personengruppe aufgrund seiner Religion gemobbt wurden sein. Damit wäre es ein persönliches Motiv und hat nichts mit "rechter Gesinnung " zu tun.

  • 6
    5
    SimpleMan
    26.10.2019

    @thomboy "... Und da Frage ich mich was jetzt , laut der Definition, an dem anschlag "rechtsradikal Motiviert"war." Die Opfer waren fast alle Migranten und wurden vom Täter wegen ihrer Zugehörigkeit zu der Gruppe der Migranten als Opfer ausgewählt. Damit hatte der Anschlag zu mindestens erst einmal ein rassistisches und völkisches Motiv.

  • 5
    8
    gelöschter Nutzer
    26.10.2019

    Simple....: Genau. Und da Frage ich mich was jetzt , laut der Definition, an dem anschlag "rechtsradikal Motiviert"war.

  • 5
    8
    SimpleMan
    26.10.2019

    Hilfreich ist es zu wissen, was man unter Rechtsextremismus versteht, um die Tat einordnen zu können. Bedauerlich ist, dass man dafür 3 Jahre braucht.

    Rechtextremismus wird so definiert: "Rechtsextremismus ist eine Sammelbezeichnung für faschistische, neonazistische oder chauvinistisch-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten. Sie orientieren sich an einer ethnischen Zugehörigkeit, bestreiten und bekämpfen den Anspruch aller Menschen auf soziale und rechtliche Gleichheit und vertreten ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritäres Gesellschaftsverständnis. Politisch wollen sie den Nationalstaat zu einer autoritär geführten „Volksgemeinschaft“ umgestalten. „Volk“ und „Nation“ werden dabei rassistisch oder ethnopluralistisch definiert."
    https://de.wikipedia.org/wiki/Rechtsextremismus

  • 2
    7
    Tauchsieder
    26.10.2019

    ... so, hat man das und weiter?

  • 10
    8
    gelöschter Nutzer
    25.10.2019

    Man hat 3 Jahre gebraucht um "herauszufinden" das es eine " rechte Tat " war? Ein Schelm wer böses dabei denkt

  • 12
    5
    Einspruch
    25.10.2019

    Die Einen sind immer nur traumatisiert, die Anderen regelmäßig rechtsradikal.

  • 11
    6
    Lesemuffel
    25.10.2019

    Soll die Einordnung "Rechtsradikale" Motiv beruhigend wirken? Dass nur Rechte Amok laufen? Könnte es auch mal genügen, dass das ganz einfach Kriminelle sind, egal ob rechts, links, mittig oder sonst was noch. Muss denn alles politisch instrumentalisiert werden?

  • 11
    8
    gelöschter Nutzer
    25.10.2019

    Habe nichts anderes erwartet. SELBSTVERSTÄNDLICH. ;-(



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