Falsches Protokoll schlug bemerkenswerte Wellen

Manch seltsame Spur konnte der NSU-Prozess nicht klären, wie etwa die Anwesenheit des hessischen V-Mann-Führers Andreas T. am Mordtatort in Kassel. Andere scheinbar kuriose Spuren touchierte der Prozess dagegen kaum.

Heilbronn/Berlin.

Kurz flammte die Spur zum Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter hell auf, doch erstickte sie gleich wieder. "Mord unter den Augen des Gesetzes" - so titelte das Magazin "Stern" am 1. Dezember 2011, knapp vier Wochen nach Auffliegen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU). Die Geschichte, die das Magazin berichtete, hätte viele erst später bekannt gewordene, haarsträubende NSU-Fakten in den Schatten gestellt. Hätte! Wäre da nicht prompt das Dementi erfolgt: Man habe es mit einer Fälschung zu tun. Binnen Stunden fand sich dieser Satz in Konkurrenz-Medien des seit den Hitler-Tagebüchern in Sachen Fälschung arg gebrandmarkten Hamburger Magazins wieder.

Bei der Fälschung, der der "Stern" im Jahr 2011 angeblich aufsaß, handelte es sich um ein der Redaktion zugespieltes in englischer Sprache verfasstes Kontaktprotokoll eines US-Militär-Geheimdienstes mit dem eher unbekannten Namen DIA (Defence Intelligence Agency). Laut dem Papier hatten sich während des Überfalls auf der Heilbronner Theresienwiese, bei dem am 25. April 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und ihr Kollege Martin A. lebensgefährlich angeschossen wurden, Angehörige gleich mehrerer Geheimdienste am Tatort befunden. Zum einen jener DIA, zum anderen zwei Einsatz-Beamte (Operations Officers) des "LfV" (Kürzel für "Landesamt für Verfassungsschutz") entweder aus Baden-Württemberg oder aus Bayern. Da war sich der Protokollführer - oder eben der Fälscher -nicht ganz sicher.

Das Papier hielt in Kürze fest: In Heilbronn habe eine Observation einer Kontaktperson (contact) namens "M. Kar" und eines weiteren nicht genannten Verdächtigen (suspect) stattgefunden. Die Observation sei durch einen Zwischenfall beendet worden, nachdem der Verdächtige bei der Santander-Bank 2,3 Millionen Euro eingezahlt habe und dann zur Theresienwiese gegangen sei. Dort habe eine Schießerei (shooting incident) stattgefunden.

Wörtlich lautete die Passage im angeblich gefälschten Bericht: "SUSPECT DEPARTED TO LOCATION THERESIENWIESE AT APPROX 13:50 hrs - OBSERVATION OPS ENDED DUE TO SHOOTING INCIDENT INVOLVING BW OPS OFFICER WITH RIGHT WING OPERATIVES AND REGULAR POLICE PATROL ON THE SCENE."

Den letzten Teil hatte der "Stern" wie folgt übersetzt: "Schießerei, in die ein BW OPS Offizier mit Rechtsextremen und eine reguläre Polizeistreife vor Ort verwickelt waren." Angesichts der 2011 bekannten Fakten gab es nur eine Lesart: Bei der Polizeistreife musste es sich um Kiesewetter und ihren Kollegen gehandelt haben, bei den "Rechtsextremen" um Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wer der Baden-Württembergische Operationsbeamte hätte gewesen sein sollen, blieb offen. Dass es sich beim Begriff "Rechtsextreme" um eine Falschübersetzung des "Sterns" handelte -"Right Wing Operatives" bedeutet schließlich nicht "Rechtsextreme", sondern "Agenten im rechtsextremen Spektrum" - das blieb in der allgemeinen Diskussion unerwähnt. Der Fehler ist indes unerheblich, solange man von einem gefälschten Schreiben ausgeht.

Fast zeitgleich mit der Erklärung, das Protokoll sei gefälscht, schneite der Fälscher selbst ins Haus. So zumindest mutmaßten NSU-Ermittler vom Bundeskriminalamt, auch wenn das weder öffentlich gemacht, noch in internen Berichten ganz so deutlich ausgesprochen wurde.Ein früherer Mitarbeiter eben jenes US-Dienstes hatte sich bei der Polizei gemeldet: der deutsche Staatsangehörige Reinhard Rudolf K. Dieser erzählte eine Geschichte, die Parallelen zum zugespielten Protokoll aufwies. In der Kaserne Hanau habe er eine Unterhaltung zweier US-Soldaten mitbekommen, die über eine wegen einer Schießerei gescheiterte Geheim-Operation sprachen. Die Dienst-Angehörigen Travis H. und Tilghman R. könnten mehr dazu sagen. Letzteren bezeichnete Reinhard K. als vermutlichen Leiter der gescheiterten Operation.

Man hörte die US-Soldaten an. Sie dementierten und lieferten einen Grund, warum Reinhard "Hardy" K. falsche Dinge behaupten könne. Wegen Verfehlungen sei er entlassen worden und grolle nun dem US-Militär. So weit, so gut.

Allerdings schlug die Spur der US-Dienste abseits der Öffentlichkeit dann bemerkenswerte Wellen - bis ins Bundeskanzleramt. Es ging um eine Kette von Anrufen, bei denen amerikanische und deutsche Dienste miteinander Kontakt aufnahmen. Der erste NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages gab sein Bestes zu ergründen, ob es zuerst die Amerikaner waren, die den Deutschen ein Gespräch zu den Vorfällen anboten, und wenn, welchen Dienst sie anriefen. War es die Verbindungsstelle des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) oder der Bundesnachrichtendienst (BND) gewesen? Oder hatte vielmehr einer dieser deutschen Dienste die Amerikaner kontaktiert? Das Ganze blieb nebulös. Noch nebulöser wurde es, als knapp ein Jahr später die Plattform "Spiegel"-online vermeldete: "Bundesanwaltschaft beendet Spekulationen um FBI-Aktion".

FBI? Die US-Bundespolizei, die jetzt eine Beteiligung dementierte, war bis dato in dem Zusammenhang gar nicht erwähnt worden. Doch offenbar war eben sie Gegenstand der dienst- und länderübergreifenden Korrespondenz gewesen. Dem BND sei mitgeteilt worden, dass das FBI zur fraglichen Zeit zwei Mitarbeiter nach Deutschland entsandt hatte. Diese seien aber nach den Vorfällen in Heilbronn sofort zurückbeordert worden.

Neben den vielen Dementi, die den Baden-Württemberger NSU-Ausschuss beschäftigt haben, gab es noch einen handfesten Hinweis auf Anwesenheit eines US-Militärs. Auf der A6 bei Heilbronn war mittags am Tag der Tat ein 3er-BMW mit zu hohem Tempo geblitzt worden. Dessen Kennung S KI 2750 stellte sich als Tarnkennzeichen der US-Streitkräfte heraus. Als Fahrer wurde von US-Behörden Master Sergeant Andrew H. genannt. Vernommen werden konnte er nicht. Angeblich trat er 2009 in den Ruhestand. Er lebe jetzt in Florida, so die US-Auskunft.

Der Doppelagent Mevlüt Kar

Bei M. Kar handelt es sich um Mevlüt Kar, ein bis 2002 in Ludwigshafen lebender Deutsch-Türke, der dann in die Türkei ausgereist sein soll. Er galt als Mitglied der islamistischen Sauerland-Zelle, war zugleich aber Doppelagent des türkischen Geheimdienstes MIT und der CIA. Zunächst gab es auch hier Dementi: Mevlüt Kar sei im April 2007 gar nicht in Deutschland gewesen. Inzwischen sagte im NSU-Aussschuss aber eine Anwältin aus, sie habe dieselbe Information über Kars Anwesenheit in Heilbronn von einem Informanten bekommen. (eu)

Gab es im Wohnmobil einen dritten Mann?

Hypothese nährt Zweifel am Selbstmord - Belege fehlen

Um den letzten Akt im NSU-Drama ranken viele Gerüchte: Um jenen Doppelselbstmord, den Uwe Mundlos am 4. November 2011 in Eisenach verübt haben soll. Die Flucht vom Bankraub gescheitert, draußen vorm Wohnmobil sich nähernde Polizisten, habe er erst Uwe Böhnhardt, dann sich selbst mit einer Pumpgun den Kopf zerschossen und dazwischen das Wohnmobil angezündet. So die offizielle Version. Doch hält sich hartnäckig das Gerücht vom dritten Mann.

Es geht auf einen Bericht der Bild-Zeitung zurück. Ein nicht benannter Nachbar habe gesagt, "dass eine Person aus dem Führerhaus kletterte und die Flucht ergriff", schrieb das Blatt am 7. November 2011. Von der Polizei befragt, äußerte niemand der Nachbarn diesen Hinweis. Statt dessen gab es die Spur eines Mannes, der nahe der A4-Ausfahrt Eisenach-Ost aus dem Wald gekommen, über die Leitplanke auf die Straße nach Mühlhausen geklettert sei und versucht habe, als Anhalter mitgenommen zu werden. Den Hinweis bekam die Polizei am Telefon von einem Fernfahrer, den Radioberichte über den Bankraub alarmiert hatten. Die 8,5-Kilometer-Strecke von Stregda aus wäre zu Fuß zu bewältigen gewesen. Der Mann wurde per Helikopter gesucht. Gefunden wurde er nicht. Den Tippgeber Razmik G. vernahm man vier Monate später. Dabei sorgte er für Kopfschütteln. Ein Missverständnis sei alles, er habe von der Straße nach Ichtershausen bei Erfurt gesprochen - 55 Kilometer entfernt. Das stimmte nicht. Das zeigte die Prüfung der Aufzeichnung des Notrufs. Razmik G. hatte klar von "Mühlhausen" und "Eisenach-Ost" gesprochen. Aufgeklärt wurde der Widerspruch nicht.

Michael Menzel, Leiter des Polizeieinsatzes am 4. November, sagte aus, dass niemand das Wohnmobil unbemerkt hätte verlassen können, weil zwei Kollegen ja draußen auf der Lauer lagen. Das sah der Thüringer Untersuchungsausschuss anders. Die Beamten seien nach Schüssen aus dem Mobil in Deckung gegangen. Und durch die dürftig abgesperrte Baugrube neben dem Mobil hätte sehr wohl jemand flüchten können. Einen Beleg für einen dritten Mann aber gebe es nicht. (eu)

Handykontakt von Mordwaffenlieferant gab Rätsel auf

Handykontakt von Mordwaffenlieferant gab Rätsel auf

Auf der Festplatte von Carsten S., dem Überbringer der für die NSU-Mordserie genutzten Ceska-Pistole, fanden Ermittler 2012 in Telefonkontakten eine Handynummer unter dem Eintrag "Tino B.". Der Schluss lag nahe, dass Tino Brandt gemeint war, Thüringer Rechtsextremist und 2001 als V-Mann des Thüringischen Verfassungsschutzes enttarnt. Die Überprüfung der Nummer bei der Telekom ergab anderes.

Laut Anbieter war die Nummer seit August des Jahres 2000 - einem Monat vor dem ersten NSU-Mord - dem Nürnberger Blumenhändler Frank H. zugeordnet. Dem ersten NSU-Mord war Enver Simsek zum Opfer gefallen, ebenfalls Blumenhändler, ebenfalls in Nürnberg. Der Inhaber des Telefonanschlusses Frank H. betrieb zwei Geschäfte unweit des historischen Reichsparteitags-Geländes. Der Tatort, an dem man Simsek auf seinem Transporter erschoss, lag von den Filialen sechs Kilometer entfernt. Was hatte der Überbringer der Mordwaffe mit Blumenhändler Frank H. zu tun?

Nichts. Das ergaben 2013 Nachermittlungen der Bundesanwälte. Der Telekom sei ein Fehler unterlaufen. Die Nummer sei nicht schon im Jahr 2000 dem Nürnberger Blumenhändler Frank H. zugeordnet worden, sondern erst 2008. Vorher habe die Nummer tatsächlich Tino Brandt gehört, rein zufällig. Was Carsten S. mit dem Heimatschutz-Chef zu tun gehabt hatte, warf keine Fragen auf - das Ende der Übermittlungsfehler-Spur. Was bleibt, ist der Zufall, dass ausgerechnet ein Konkurrent aus dem Einzugsgebiet des Mordopfers jene Nummer bekam, die zuvor dem auch in Franken aktiven Heimatschutz-Chef gehörte. (eu)

Ku-Klux-Klan-Spur von Chemnitz nach Heilbronn

Ex-V-Mann verbindet Polizisten-Mord mit NSU-Szene

Ende der 90er-Jahre tingelte Achim S. als Gründer der Rechtsrock-Bands "Höllenhunde" und "Celtic Moon" durchs Land. 1998 trat der Mann aus Schwäbisch-Hall dem Rassisten-Orden Ku Klux Klan (KKK) bei. Im Jahr 2000 gründete er einen europäischen Ableger. Als seine "European Knights of the KKK" (Europäische weiße Ritter) Schnittstellen zu der in Heilbronn erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter und zum NSU aufwiesen, stand S. im Kreuzfeuer. Zwei Beamte der Beweisfestnahmeeinheit 523, der Kiesewetter angehörte, waren vormals Mitglied in S.' Klan-Ableger gewesen. Als das aufflog, gab es Disziplinarverfahren für die Beamten Jörg W. und Timo H. Ihr Rausschmiss erfolgte nicht. Am Tag des Mordes an Kiesewetter Jahre später war Timo H. dann der für die Einsatzplanung zuständige Mann.

2012 wurde Achim S. als Ex-V-Mann des württembergischen Verfassungsschutzes enttarnt. Eine Schnittstelle zum NSU ergab sich über den auch just aufgeflogenen Thomas Richter aus Halle. Als V-Mann "Corelli" war der eine der bestbezahlten Quellen des Bundesverfassungsschutzes gewesen. Auch hatte er auf der Telefonliste von Uwe Mundlos gestanden, die man 1998 in der Bomben-Garage des Trios entdeckt hatte. Auch "Corelli" war Mitglied in Achim S.' EWKKKK. Seine Enttarnung überlebte "Corelli" nicht lang. Er ging in den Zeugenschutz. 2014 sollte er vernommen werden. Man fand ihn tot auf. Angebliche Ursache: unerkannte Diabetes-Krankheit.

Die dritte Spur führt ins Herz der NSU-Unterstützer-Szene in Chemnitz. Bei einer "Terzett"-Observation, die Sachsens Verfassungsschutz gegen Kontaktleute des Trios führte, war auch der später nach Baden-Württemberg übergesiedelte Andreas G. Ziel einer Beobachtung. 13 Kontaktpersonen listete man für ihn auf, zwölf stammten aus Sachsen, die 13. kam aus Schwäbisch Hall: Achim S. Was ihn im Jahr 2000 mit Chemnitz verband, versuchte Sachsens NSU-Ausschuss herauszufinden. Klar ist nur, dass Achim S. 1993 in Chemnitz mit einer Straftat aufgefallen war. Deshalb will man ihn damals gelistet haben. (eu)

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