Geteiltes Leben

Reinhard Bollmeier wohnte und arbeitete einst in Plauen, verließ die DDR und kehrte nach der Wende ins Vogtland zurück. Erfahrungen und Ansichten eines Ost-West-Deutschen.

Es hätte besser laufen können, nein müssen, findet Reinhard Bollmeier. "Die DDR hätte mehr Hilfe zur Selbsthilfe gebraucht. Stattdessen hat man ihr nur ein vorhandenes System übergestülpt - aus wirtschaftlichem Eigennutz!" Der 75-Jährige hat auf beiden Seiten der Mauer gelebt. Als Rentner ist er ins Vogtland zurückgekehrt, für das er Heimatgefühle empfindet.

Geboren wurde Reinhard Bollmeier im vorletzten Kriegsjahr in einem Wehrmachtslazarett - die Landesfrauenklinik in Magdeburg war bereits ausgebombt. Sein Vater kam 1949 aus russischer Gefangenschaft nach Hause. Zehn Jahre war er fort, über seine Kriegszeit hat er nie gesprochen. Der junge Reinhard ging zur Eisenbahn, war mit zwanzig Jahren Fahrdienstleiter am Bahnhof Thale-Bodetal (die Linie wurde später eingestellt; der Bahnhof dient heute einem Ferienhauspark als Servicegebäude).

Er fing danach in Plauen beim Kraftverkehrsbetrieb Karl-Marx-Stadt an, wo er die Pläne für den Nah- und den Fernverkehr, den Güter- und - als Sonderaufgabe - den innerdeutschen Verkehr arrangierte. "Jede Woche fuhren zweimal 28 Lastzüge des Kraftverkehrs aus Plauen mit Waren in den Westen, die wurden dort für Devisen verkauft. Das gab es in der DDR hundertfach." Im Fernstudium bildete Bollmeier sich zum Ingenieurökonomen für Transportbetriebswirtschaft weiter.

Sein eigenes Verhältnis zum sozialistischen Staat in jenen Jahren bezeichnet er als distanziert. Schon als Schüler hatten ihn der Weggang eines ihm bekannten Laienpfarrers und die Doppelmoral einer "roten" Lehrerin aufgestört, die erst den Sozialismus predigte und dann in den Westen verschwand. Allerdings sah er ohne Parteimitgliedschaft, wie er sagt, irgendwann keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr für sich. 1975 trat er in die Staatspartei SED ein, und es wurde ihm die Stelle eines Produktionsstättenleiters in einem Betrieb für technische Textilien in Plauen angeboten.

Er sei danach unbotmäßig gewesen, sagt er im Rückblick: Zu sehr wichen die politischen Vorgaben von der Realität ab, klafften Theorie und Praxis auseinander: "Nichts ging auf, überall wurde improvisiert." Bei einem Parteilehrgang an der Bezirksparteischule Mittweida habe er innerlich mit dem Sozialismus abgeschlossen. Die Fächer absolvierte er mit eher schlechten Noten: Geschichte der Arbeiterbewegung, Marxistisch-leninistische Philosophie, Politische Ökonomie und Parteiaufbau-Parteileben. "Ich hatte den Entschluss gefasst, dass es für mich in diesem Land keine Zukunft mehr gab." Probleme im Betrieb sorgten kurz darauf für seine Degradierung, eine letzte Arbeitsstelle wurde ihm im Schichtbetrieb im Plauener Kabelwerk zugewiesen.

1983 stellte Bollmeier einen Antrag auf Ausreise aus der DDR, und legte es, wie er erzählt, auf seine Inhaftierung an. "Ab einer Haftstrafe von sechs Monaten konnte man freigekauft werden" - den zuständigen DDR-Anwalt Wolfgang Vogel wies er selbst auf sich hin. Die Verhaftung erfolgte wegen "Beeinträchtigung staatlicher und gesellschaftlicher Tätigkeit". In seiner Stasi-Akte, die Reinhard Bollmeier vierzig Jahre später in den Händen hielt, fand er folgende Beurteilung seiner Person: "Der Antragsteller ist ein Feind der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung. In der Vergangenheit trat er wiederholt als Stimmungsmacher (...) und als Unruhestifter auf." Sein Ausreiseersuchen versuche er "hartnäckig" durchzusetzen, er werde als "unberechenbarer und provokanter Typ" eingeschätzt. Für die staatliche Sicherheit sei er akut gefährlich: Unter anderem hatte er mit der Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft nach dem Vorbild der polnischen "Solidarność" und gegenüber einem Polizisten mit dem gewaltsamen Durchbrechen der Grenzanlagen gedroht. Bollmeiers Kalkül ging auf: Nach mehrmonatiger Haft in Zeithain und Dresden wurde er über den Stasi-Abschiebeknast auf dem Chemnitzer Kassberg in den Westen gebracht.

39 Ausreisewillige saßen in jenem Bus, der in den Mittagsstunden auf der fast menschenleeren Autobahn hinter Eisenach nach Hessen rollte. Zwei Stasi-Begleiter stiegen am Übergang Wartha-Herleshausen aus. "Auf DDR-Gebiet war noch ein Transporter B 1000 hinter uns hergefahren, darin vier Uniformierte, die hatten Maschinenpistolen. Wir fragten den Anwalt Vogel nach denen. Der sagte, der Bus sei einmal bei Erfurt gestoppt worden, da hätten welche einsteigen wollen. Deshalb die Bewachung." Für den Freikauf der Menschen im Bus hatte die Bundesrepublik der DDR 1,6 Millionen D-Mark bezahlt.

Reinhard Bollmeier landete bei entfernten Verwandten am Starnberger See, wo er schnell Arbeit in der Fertigungsleitung einer Leiterplatten-Fabrik fand - damals Hochtechnologie. "Für handwerklich geschickte, in der DDR gut ausgebildete Leute mit Beruf und Studium war das kein Problem, auch wenn es im Westen damals mehr als zwei Millionen Arbeitslose gab", erzählt er. In dieser Firma habe er seine berufliche Erfüllung gefunden. Die erste Wohnungseinrichtung, das erste Auto wurden auf Kredit gekauft. In den späten 1980er Jahren traf er sich mit DDR-Freunden am Balaton; nach seiner Ausreise galt für ihn ein zehnjähriges Einreiseverbot. Als es abgelaufen wäre, war die Mauer schon gefallen.

Er habe sich im Westen eingelebt, sagt Reinhard Bollmeier. Seine Berufskollegen schätzte er, am Vereinsleben nahm er teil. Dennoch sei ihm eine gewisse Selbstbezogenheit aufgefallen: Was außerhalb der eigenen Lebenskreise passierte, sei kaum von Interesse gewesen. Nach dem Mauerfall habe er auch abfällige Bemerkungen gehört. Der "Spiegel" schlug im Februar 1990 Alarm: "In Westdeutschland kocht Hass auf die DDR-Übersiedler hoch" - sie wurden als Arbeitskonkurrenten und Gefahr für das Sozialsystem betrachtet. Bollmeier sagt, er habe in jenen arbeitsreichen Jahren in Oberbayern wenig mitbekommen. Westdeutsche Arroganz und die Treuhandpolitik aber hätten ihn geärgert.

2004 ging Reinhard Bollmeier in Rente, und es zog ihn aus privaten Gründen ins Vogtland zurück. Heute lebt er in Adorf/V. und ist froh darüber. "Ich bin doch mehr Ostdeutscher geblieben, als ich Westdeutscher geworden war!" sagt er, auch wenn ihn die Rentenkasse heute als "Ur-Wessi" behandeln würde. "Die Menschen im Westen haben nach 1945 keinen solchen Bruch erlebt wie wir Ostdeutschen. Die Nachkriegsgenerationen konnten dort mit vollen Händen aus dem Positiven schöpfen, und das merkt man manchen Leuten auch an." Im Osten sei der Gemeinschaftsgeist noch immer höher, auch wenn er spüre, das lasse nach. "Jeder für sich, das kommt auch im Osten hoch. Der Egoismus wird ja politisch gefördert."

Wenn Deutschland zusammenfinden solle, brauche es ein Wir-Gefühl, ist Reinhard Bollmeier überzeugt. Das sei aber unter lauter Egoisten nicht zu haben.

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