Gruppenfoto mit Bundespräsident und Erinnerung an Mutige

Die Vergangenheit klar benennen, über die Zukunft nachdenken. Genau darum geht es 30 Jahre nach der Eroberung der Stasi-Zentrale an dem historischen Ort in Berlin-Lichtenberg - mit prominentem Besuch.

Berlin (dpa) - Schüler, einstige DDR-Bürgerrechtler - und zwei frühere inoffizielle Stasi-Mitarbeiter (IM) sind gekommen. Im früheren Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg wird am Mittwoch an die Eroberung des riesigen Areals am 15. Januar 1990 durch Oppositionelle und tausende DDR-Bürger erinnert. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich für den Besuch mehr Zeit genommen als das Protokoll vorsah. Er würdigt die Mutigen von einst und ihren «friedlichen Sturm auf die Bastionen der Repression.»

«Es ist der richtige Moment, bei Ihnen zu sein», sagt Steinmeier zu der Diskussionsrunde, in der es um Widerstand und Anpassung in der DDR geht. Er denke, der Blick auf die damalige Zeit sei schärfer und genauer geworden. Ost und West hätten gerade zum 30. Jahrestag des Mauerfalls viel miteinander gesprochen. «Wir haben mehr über unsere Geschichten und damit auch mehr über unsere Geschichte erfahren.» Er wolle ermutigen, das weiter zu tun.

Auf dem Podium sitzt auch Angela Marquardt (48). Sie berichtet den Schülern, wie sie in einer «regimetreuen Familie» aufwuchs und als Jugendliche von der Stasi verpflichtet wurde. «Leute wie ich haben das System gestützt», sagt das heutige SPD-Mitglied. Das müsse sie ihr Leben lang mit sich herumtragen, sagte Marquardt, die früher auch wegen ihrer Punkfrisur für Aufsehen sorgte. Es müsse aber weiter offengelegt werden, wie es funktionierte, Menschen kaputt zu machen, Vertrauen zu zerstören. Das zeige, warum Demokratie so wertvoll sei.

Uwe Schwabe, der einst wegen Flugblättern für Meinungsfreiheit in DDR-Haft kam, sitzt neben Marquardt. Auch er appelliert an die Schüler, sich für Demokratie einzusetzen. Er findet, die geretteten Stasi-Akten seien nicht nur Dokumente von Bespitzelung und Verrat. Sie zeigten auch Mut und Zivilcourage in Situationen, «in denen man schon in der Tinte saß». Das mache den heutigen Wert der Papiere aus.

Der 16-jährige David aus einer Berliner Gemeinschaftsschule zeigt sich nach der Diskussion beeindruckt. Dass die Stasi so stark in das Leben junger Menschen eingegriffen habe, habe er nicht gedacht. «Das war gut», so sein Fazit zu der Runde. Zum Schluss gibt es ein Gruppenfoto mit dem Bundespräsidenten, der bis dahin aufmerksam zuhörte.

An diesem Jahrestag dürfte deutlich geworden sein, dass die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit längst nicht erledigt ist und dass der Blick zurück differenzierter geworden ist. Nun gehe es darum, Brücken in die Zukunft zu bauen, sagt der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn. Für ihn ist dieser 15. Januar 1990 ein historischer Tag, ein «Stück der friedlichen Revolution». Aus den Akten sollten gerade Jüngere lernen können, so der einstige Oppositionelle. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass der frühere Ort der Repression weiter zu einem Campus der Demokratie ausgebaut wird.

Die am 15. Januar 1990 gestoppte weitere Vernichtung von Stasi-Akten in dem einst abgeschotteten Ministerium hatte zusammen mit einer weiteren Besetzung kurz vor der Wiedervereinigung den Grundstein für den Aufbau der Stasi-Unterlagen-Behörde gelegt. Doch nun stehen Veränderungen an: Alle Unterlagen sollen unter das Dach des Bundesarchivs kommen. Die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen wird es in der jetzigen Form nicht mehr geben.

In den Archiven lagert mehr als 111 Kilometer gerettetes Schriftgut der Staatssicherheit. Zudem gibt es noch mehr als 15 000 Säcke mit zerrissenen und noch nicht erschlossenen Stasi-Papieren. Nur ein kleiner Teil wurde zusammengesetzt, das meiste per Hand. Die Rekonstruktion am Computer solle wieder in Gang gesetzt werden, verspricht der Bundesbeauftragte Jahn.

4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Freigeist14
    15.01.2020

    Steinmeier ; "Wieviel Mut gehörte zu zu diesem friedlichen Sturm auf die Bastionen der Repression?" . Im November 1989 hätte man dafür sicher noch viel viel mehr Mut gebraucht .Die Situation im Januar 1990 war da schon ganz anders .Der Runde Tisch tagte und Modrow nahm Vertreter der Bürgerrechtler in die Regierung auf .Der bekannte Aktenregen im Treppenhaus und der unkontrollierte Zugang auch zu Akten der Auslandsabwehr legen noch immer den Schluss nahe ,daß auch ganz andere "Kräfte" am "Sturm" involviert waren . Denn die Grenzen waren ja seit November offen .(Quelle : Hans Modrow "Ich wollte ein neues Deutschland" ) ...der sich auf dem Weg in die Normannenstrasse mehrfach "Rote Sau" schimpfen lassen musste .

  • 4
    2
    ChWtr
    15.01.2020

    Nein @Echo - nur wer keine Träume hat, ist ein Narr. Ein dtsch. Sprichwort sagt: Träume und Gedanken kennen keine Schranken.

    Was du schreibst ist richtig, wenn man zwischen den Zeilen liest. Und ganz offen - jeder Einzelne hat es selbst in der Hand, wie und was er draus macht. Im Kleinen wie im Großen. Winzige Einschränkung: mehr oder weniger. Könnte man zwar auch wieder diskutieren, aber falls die Gesundheit mitspielt - wo ist dann das Problem?

    Der Staat, die Gesellschaft, die Nachbarschaft, die Umwelt, die Kollegen, der Partner, das Wetter, der Vordermann auf der Autobahn, die falsche Kasse im Supermarkt, wo man ansteht - sind das wirklich ernsthafte Probleme?

    Nö, Echo - wenn man gesund ist und das egal in welchem Alter, sollte man positiv denken. Sch.eiße gibt's genug in diesen und nächsten Tagen. Die Sonne scheint - heute und (vielleicht auch) morgen!

    Und eben kommt die Eilmeldung auf mein Handy - die Russische Regierung tritt zurück. Na siehste!

  • 5
    1
    Echo1
    15.01.2020

    Und was hat das am Ende gebracht?
    Ich sag es noch mal, man muss mit dem
    Volk reden, ihm Vertrauen entgegenbringen, das Volk vertreten, der Allgemeinheit dienen. Es nicht hinterrücks
    aushorchen. Gleich für wem das geschieht.
    Das war Dummheit hoch drei, was man hier
    gemacht hat. Bestraft wurden die Zuträger.
    Die freiwilligen und unfreiwilligen. Die Verantwortlichen kaum.
    Und was hat das am Ende gebracht, welche
    Schlussfolgerungen wurden daraus gezogen?
    Wird heute auf das Volk gehört? Es gibt Umfragen (Tempolimit), es gibt Internet.
    Es wird nicht auf das Volk gehört. Einzelinteressen stehen im Mittelpunkt (Autoindustrie), nicht das der Allgemeinheit.
    Mir war so als ehemaliger DDR-Bürger,
    dass man nicht Einzelinteressen verfolgen
    wollte (Wohl des Volkes). Aber man hat das Gegenteil erreicht. Machen wir es heute besser!!!
    Da wird einer sagen, träum weiter.

  • 1
    1
    Interessierte
    15.01.2020

    Dazu kam heute Morgen - ein Beitrag um 9.18
    Es geht um den Gerechtigkeitsgedanken und um die , die den Westen ausspioniert haben ; und ´auch` um die , die den Osten ausspioniert haben ….

    Und um 10.55 auch noch das Kalenderblatt …
    https://www.mdr.de/nachrichten/audio/mdr-aktuell-radio-zum-nachhoeren100.html#



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