Im Dienst der Eliten

Haben deutsche Journalisten in der Flüchtlingskrise ausgewogen berichtet? Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat Tageszeitungen ausgewertet, auch regionale Blätter. Er sagt: Die Presse fungierte als Sprachrohr der etablierten Politik. Die Folge: Entfremdung vom Leser.

Chemnitz.

Agitation statt Aufklärung, Propaganda der Regierenden statt Alltag der Bevölkerung: Es ist ein hartes Urteil, das Michael Haller über die deutschen Tageszeitungen in der Flüchtlingskrise fällt. "Statt als neutraler Beobachter die Politik und deren Vollzugsorgane kritisch zu begleiten und nachzufragen, übernahm der Informationsjournalismus die Sicht, auch die Losungen der politischen Elite", sagt der Leiter einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung, die gestern veröffentlicht wurde.

Die rund 180 Seiten starke Publikation enthält nach Aussagen ihrer Macher die bislang umfassendste und methodisch aufwendigste Untersuchung der medialen Berichterstattung zum Flüchtlingsthema in der Zeit zwischen Frühjahr 2015 und 2016, als die Ereignisse kulminierten. Erfasst wurden dazu ab 2005 rund 35.000 Texte mit bestimmten Schlüsselwörtern in drei Bereichen: Nachrichtenportale im Internet (tagesschau.de, spiegel.de, welt.de und focus.de), überregionale Tageszeitungen ("Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Die Welt") sowie 85 deutsche Regionalzeitungen, darunter auch die "Freie Presse". Die Newsportale und die überregionalen Tageszeitungen wirkten dabei nach Darstellung Hallers als Leitmedien, die als Meinungsführer die Agenda setzten, die regionalen Tageszeitungen als Folgemedien und Verstärker.
Der 72-jährige frühere Journalist (unter anderem bei "Spiegel" und "Zeit") und Journalistikprofessor leitet heute das Europäische Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig. Laut seiner Studie wurde von den Medien in der Flüchtlingskrise vorbehaltlos Angela Merkels "Willkommenskultur" unterstützt, erst nach der Silvesternacht von Köln zum Jahreswechsel 2015/2016 sei ein differenzierterer Umgang mit dem Thema erfolgt. Doch da sei es womöglich bereits zu spät gewesen: Frustrierte Andersdenkende hätten sich abgewendet und auf fragwürdigen Plattformen im Internet "Echokammern" gefunden, die ihr Weltbild bestätigen.

Die Onlinemedien, so Haller, "überschwemmten" ihre User mit unüberschaubar vielen Meldungen zum Flüchtlingsthema. Der Studienleiter sieht hier eine "sehr schwache Selektionsleistung", die bei vielen Lesern zu "Themenverdrossenheit" führte. Aus der Analyse der überregionalen Tageszeitungen ergab sich, dass zwei von drei relevanten Akteuren und Sprechern in den Artikeln aus der institutionellen Politik stammten. Externe Fachleute "kommen praktisch nicht vor". Der journalistische Qualitätsgrundsatz, aus neutraler Sicht sachlich zu berichten, werde in rund der Hälfte der Berichterstattungen nicht durchgehalten. "Die Alltagswelt mit ihren Akteuren kam praktisch nicht zur Sprache."

Aus den 85 Regionalzeitungen wurden 17.000 Artikel mit dem Begriff "Willkommenskultur" einer Inhaltsanalyse unterzogen. Diese ergab, "dass die lokale Tagespresse die Nähe der Leitmedien zur politischen Elite mitmachte". 83 Prozent aller Zeitungsberichte vermittelten das Leitbild Willkommenskultur in einem positiven oder eher positiven Sinne; in vielen Texten tauchte nur ein Akteur, oft ein Politiker, auf.

"Dem Hang der Überregionalen, selbst konkrete Vorgänge von oben herab zu bearbeiten und Politikthemen abstrakt zu lassen, folgen auch die Regionalzeitungen", sagte Haller der "Freien Presse". Den Regionalzeitungen falle es erstaunlich schwer, große Themen herunterzubrechen und aus der Perspektive ihrer Leser zu recherchieren. "Die Lokalteile haben Schwierigkeiten, abweichende Auffassungen und Positionen aufzugreifen und diskursiv zu behandeln. Sie blenden diese lieber aus und übernehmen den Mainstream."

Andererseits bescheinigt er in der Studie aber auch: "Über politische Konflikte im Zusammenhang mit der Willkommenskultur berichteten vor allem Lokalausgaben aus den Städten und Dörfern der neuen Bundesländer." Und: Spätestens seit der Kölner Silvesternacht werde die AfD als Wortführer der Willkommenskultur-Kritiker entdeckt und "in der Presse häufiger genannt als jede der Regierungsparteien".

Den fehlenden Perspektivwechsel, also Bevölkerung statt Eliten zu Wort kommen zu lassen, hält Michael Haller für ein generelles Problem des deutschen Journalismus, auch abseits des Flüchtlingsthemas. "Studien zu anderen Ereignisthemen bestätigen diese Tendenz", sagt der Medienwissenschaftler. Im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte habe sich der Informationsjournalismus insgesamt mehr und mehr auf die Institutionen, auf die Machtelite aus Politik und Wirtschaft, eingestellt. "Entsprechend arbeiten auch die Informationsroutinen - und entsprechend lässt sich der Journalismus quasi freiwillig für Kampagnen des politischen Systems einspannen." Dass er oft genug umgekehrt - aus der Sicht der Bevölkerung - die Entscheider kritisch zu befragen hätte, würden viele vergessen.

Haller verweist auf das Bundesverfassungsgericht, das in den Sechzigerjahren feststellte, Aufgabe des Journalismus sei es, gegenüber der Politik "Kritik und Kontrolle" zu üben. "Diese Funktionszuweisung sollten die tagesaktuell arbeitenden Journalisten ernst nehmen - statt mit Copy-and-paste die Webseiten zu füllen."

Die komplette Studie lesen Sie unter www.freiepresse.de/hallerstudie

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20Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    1
    Nixnuzz
    26.07.2017

    @cn3boj00: Volle Zustimmung. Aber vielleicht auch ein Eingeständnis der Machtlosigkeit der Mediennutzer? Was kann das Ergebnis eines Faktenberichtes denn sein? Es bleibt ein ungelöstes Problem in der Luft stehen. Je nach persönlichem Eindruck hat man "nur einen dicken Hals" weil keine Lösung oder Zuständigkeiten in Sicht. Und Michael Kohlhaas wird daraus wohl keiner werden? Momentanes Beispiel: Seit ca. 9 Uhr pendel ich zwischen n-tv und N24 mit Live-Berichten zum Hochwasser hin und her. Harz und Berlin etc. saufen ab. Die ÖrTV's berichten pünktlich zu den vollen Stundenzeiten. MDR, NDR , RBB, ARD, ZDF, ZDF-Info, Tagesschau24 und sonstiges: Neben Spielfilm mal ein Journalist vor Ort.. Keine Info, wo unsere politischen Großkopfeten sind. Wo sind Kanzlerin, Innenminister, Verteidigungsminister oder der Gerechtigkeitskandidat? Oder muss man erst Hr.G.Schröder aus dem Unruhestand rankarren??

  • 2
    3
    cn3boj00
    25.07.2017

    Wieso kommen die guten Dokus erst spät am Abend? Mir fallen spontan Fakt, Brisant, Plusminus, Monitor und die Sendungen der Rubrik "Reportage & Dokumentation" ein, die allein auf der ARD in der PrimeTime kommen... Und die oft unseren Alltg, auch den politischen, kritisch beleuchten. Machen wir uns doch nichts vor: es sind doch die Leute selber, die das zur PrimeTime gar nicht sehen wollen! Die schalten dann lieber zu den privaten mit Comedy, Quizshow und seichter Abendunterhaltung mit Volksmusik und irgendwelchen Chartshows, Kochshows, Superstars und Talents und Models und Container usw. Und die gleichen leute behaupten dochh dann, die öffentlich-rechtlichen seien zu teuer, überflüssig, langweilig - und stimmen gern in den Tenor ein, dass die doch nur Merkels Meinung unterstützen. So ist der Durchschnittsdeutsche doch.

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    0
    gelöschter Nutzer
    24.07.2017

    @Hankmann Zitat: "Zu ihrem dritten Punkt. Ja, es ist leider Standard, dass die guten, spannenden Dokumentationen in der ARD erst spät am Abend kommen. Das trifft beileibe nicht nur auf die von Ihnen erwähnte zu. Allerdings kann sich jedermann den Film, falls er ihn verpasst hat, in der Mediathek anschauen."

    Der Unterschied ist aber, dass man bei einer Ausstrahlung "nur" den Fernseher anmachen muss und man dann ohne weiteres Zutun informiert wird. (Zu gesitteten Sendezeiten meist mainstreamig und wenig kontrovers.) Man bleibt evtl. hängen und nimmt etwas mit.

    Wenn ich den Film in der Mediathek ansehen will, muss ich erstens wissen, dass er lief, zweitens ihn sehen wollen und drittens den Film suchen. Das ist deutlich mehr Aufwand, als niederschwelliges Einschalten. In einer Gesamtschau berichten die ÖR durchaus ausgewogen, allerdings kommt die eine Seite auf dem Präsentierteller zur Primetime und das kritischere kann man sich mühsam zusammen suchen, bzw. wird in der Nische versendet (MDR info, ARD alpha, arte, ... usw.). Meist kommt dann ein Quotenargument - das guckt doch 20.15 keiner! -, aber um genau diesem nicht unterworfen zu sein, bezahlen wir das ganze mit der GEZ (ich weiß, die heißt jetzt anders).

  • 2
    0
    gelöschter Nutzer
    24.07.2017

    Das hat mit Dünnhäutigkeit nichts zu tun, wenn Sie von mir Belege einfordern, die so nicht zu erbringen sind, und ich Ihnen das mitteile. Sie sind auch nicht in der Position hier von mir zu verlangen, dass ich hier etwas erläutern müsste. Muss ich nicht! Ich schreibe hier Kommentare und keine quellengestützte Ausarbeitungen zur Medienlandschaft. Wo man diese findet, habe ich im vorherigen Post geschrieben.

    Ein Kommentar muss übrigens auch nicht ausgewogen sein. Der kann zum Zwecke der Zuspitzung sogar sehr pauschalisierend sein.

  • 4
    1
    Nixnuzz
    24.07.2017

    "..Allerdings kann sich jedermann den Film, falls er ihn verpasst hat, in der Mediathek anschauen. ".. Wirklich? Der geneigte Interessierte muss sich dafür die Zeit nehmen können. Wieviele von den hier aktiven Kommentatoren kann dies? Bei engagierten Berufstätigen dürfte dies wohl nicht so einfach funktionieren. Also sind die meisten Empfänger auf die Kurzfassungen oder einzelne Reizworte ausgerichtet. Und wieviel bewertete Informationen zum gleichen Thema stürzen auf den geneigten Leser dann ein? Wie verändert ist dann die ehemals sachliche Basis? Reicht ein eigenes Vorwissen zu dem Thema aus, um Mist von Wahrheit zu trennen? Klar sollen Journalisten eine Meinung haben und publizieren - dann deutlich erkennbarer als Kommentar. Dann aber bitte auch durchaus zeitintensiver Hintergrundsarbeit.

  • 0
    3
    Hankman
    23.07.2017

    @Felto84: Na, na, nicht gleich so dünnhäutig. Sie haben einen wichtigen Punkt angesprochen. Und ich habe Sie gebeten, den mal zu konkretisieren und an einem Beispiel von diesem Portal hier zu erläutern, was Sie meinen. Dazu braucht man kein Germanistikstudium. Sie wissen doch auch, es gibt nicht DIE Medien, sondern viele verschiedene. Sie haben aber Pauschalkritik geübt.

  • 3
    1
    Hankman
    23.07.2017

    @A809626: Zu ihrem dritten Punkt. Ja, es ist leider Standard, dass die guten, spannenden Dokumentationen in der ARD erst spät am Abend kommen. Das trifft beileibe nicht nur auf die von Ihnen erwähnte zu. Allerdings kann sich jedermann den Film, falls er ihn verpasst hat, in der Mediathek anschauen.

  • 4
    2
    cn3boj00
    23.07.2017

    Was soll diese Untersuchung? Die Überschrift des Artikels suggeriert, dass Journalisten im Dienste der Eliten stehen. Gleichzeitig wird eine "Neutralität" der Berichterstattung gefordert. Das kann man wohl nicht so stehen lasen. Es gibt neben der Meinungsfreiheit auch eine Presse- und Rundfunkfreiheit. Einzig die öffentlich-rechtlichen Medien haben per Rundfunkvertrag den Auftrag einer "ausgewogenen" Berichterstattung.
    Man muss also grundsätzlich zwischen Journalisten und Medien unterscheiden. Ein Journalist darf (und sollte sogar) immer eine Meinung haben und vertreten, möglichst eine kritische. Kisch oder Tucholsky haben es vorgelebt. Kritisch heißt natürlich nicht immer regierungskritisch, es kann auch kritisch gegenüber "Regierungskritikern" sein. Bei der ganzen Diskussion wird oft vergessen, dass es neben all den Interessen Einzelner oder ganzer Gruppen wie z.B. den Politikern auch noch so etwas wie ethische Werte gibt, moralische Normen, denen ein Journalist besonders verpflichtet sein sollte (aber natürlich nicht muss). Deshalb ist das Asylthema überhaupt kein gutes Beispiel, um daran die Qualität des Journalismus festzumachen.
    Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsache ist, dass recherchierender Journalismus immer seltener wird, weil die (a)sozialen Medien Druck ausüben. Schnelligkeit ist wichtiger als Wahrheit. Statt Journalisten haben wir mehr und mehr bloße Artikelschreiber und Redakteure, die unkritisch einfach Meldungen von Agenturen übernehmen. Wie in unserer Politik, wo (vom linken und rechten Rand abgesehen) die Parteien vor allem die "Mitte" hofieren, also ihre Meinung allein daran ausrichten, wie sie am meisten Stimmen bekommen, sind die Medien vor allem an Quoten interessiert, seien es Einschaltquoten oder Abonnentenzahlen. Man möchte nicht polarisieren, deshalb wird die Berichterstattung unkritischer, Chefs in Redaktionsstuben geben die Richtung vor. Die Kritik ist deshalb eher nicht an die Journalisten, sondern das Management der Medien zu richten. Und so wie in der Politik, so fehlen auch da die schillernden Figuren, die einst polarisiert und provoziert haben. Mainstream ist angesagt, und der hinkt manchmal auch der Entwicklung der öffentlichen Meinung hinterher.
    Als Abonnent der Freien Presse darf ich auf jeden Fall kritisch sein und feststellen, dass auch dort der Bürger zu kurz kommt. Es mag Berichte geben wo es um "Maschendrahtzaun"geht, wo der Bürger zu Wort kommt, auch noch kommunalpolitische Themen, aber bei allen wichtigen Themen zu Gesellschaft, Politik, Umwelt, Wirtschaft werden entweder "Experten" oder eben "Eliten" zitiert. Die Bürger dürfen sich in (ausgewählten) Leserbriefen oder online-Kommentaren zu Wort melden, vor allem aber auf den (a)sozialen Plattformen abreagieren. Eine Beteiligung oder ein Dialog kommt fast nie zustande. Auch hier ähnelt sich die Entwicklung in der Politik der in den Medien. Der Bürger bleibt außen vor. Jedenfalls ist dies meine Wahrnehmung, und gerade weil das in der Politik so ist, wünschte ich mir um so mehr, dass die journalistischen Medien wieder zum Sprachrohr der Menschen werden und das Feld nicht den Hashtags überlassen.

  • 6
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    gelöschter Nutzer
    23.07.2017

    @ Haecker (16:23), Zitat "Aber Ausgewogenheit und Objektivität kann man schon erwarten." - dazu drei Beispiele:
    1.) Die FP bietet einer Anne Helm, die sich die erneute Bombardierung Dresdens wünscht, und einem der merkelschen Flüchtlingspolitik nahestehenden "Prinzen"-Sänger, der obendrein sein Buch vorstellen darf, eine Plattform. Ich habe aber nicht erlebt, dass Bestseller wie "Inside Islam", "Die Getriebenen" oder "Finis Germania" vorgestellt wurden - und das, obwohl diese Bücher von einem Wissenschaftler, einem ARD-Korrespondenten und einem Welt-Journalisten und nicht einmal von geächteten Rechtspopulisten verfasst wurden. Dafür beweint man in den Medien geschlossen die Inhaftierung eines WELT-Journalisten, der öffentlich der Meinung ist, dass sich etwas besseres als Deutschland allemal findet. Ich nenne das nicht ausgewogen und neutral.
    2.) Anfang der Woche ging es in der Chemnitzer FP Printausgabe um eine bevorstehende Gerichtsverhandlung zwischen dem Kraftklub-Sänger und dem Fraktionsvorsitzenden der Bürgerbewegung Martin Kohlmann. Selbstverständlich wurde die Bürgerbewegung als rechtspopulistisch beschrieben, das Adjektiv musste unbedingt mit hinein. Warum benannte man nicht im selben Atemzug den Kraftklubsänger als linken Schreihals? Das ist ausgewogen und nicht neutral. Im Übrigen ist es in nahezu allen Medien zumindest in der Vergangenheit von rechts, über rechtsradikal und rechtsextrem bis zum Nazi nur ein winziger Schritt. Dabei sind laut Verfassungschutz die Unterschiede enorm.
    3.) Warum bringt die ARD eine so wichtige Dokumentation wie "Die Glaubenskrieger" mitten in der Woche 23.15 Uhr? Wäre so eine Sendung nicht gerade für die interessant, die dem Islam wenig bis gar keine Symphatien entgegenbringen? (Junge Muslime für einen friedfertigen Islam in Deutschland: Der irakischstämmige Hassan Geuad will der wachsenden Radikalisierung junger Muslime in Deutschland nicht mehr zusehen. Darum hat er eine Initiative gegründet, die mit ihren drastischen Aktionen gegen den IS auf Facebook und in Fußgängerzonen vor allem eines erreichen will: ein starkes, öffentliches Bekenntnis von Muslimen gegen den Terror. Dafür müssen die jungen Leute mit massiven Anfeindungen aus den eigenen Reihen leben) Anstatt dem Bürger mit den haltlosen Behauptungen der Jahre 2015/16 die flüchtlingspolitik näher bringen zu wollen hätte man doch diese Sendung zur besten Sendezeit und gut vorangekündigt bringen können, oder?

  • 4
    2
    gelöschter Nutzer
    23.07.2017

    @Hankman: Völlig unmöglich und unwissenschaftlich, was sie da von mir verlangen. So etwas muss über einen deutlich längeren Zeitraum analysiert werden und auch nicht nur in einer - wenn auch großen - Regionalzeitung.

    Allerdings gibt es derartige Untersuchungen schon, z.B. Uwe Krüger: Mainstream. Das wird sogar von der Zentrale für politische Bildung verteilt. Da werden die von mir genannten Probleme, auch der Aktualitätsdruck, ausführlich beleuchtet.

    (Ich hatte mir tatsächlich mal die Mühe gemacht und habe, weil ich dort hoffte fündig zu werden, die letzten Texte zu Trump angesehen. Die waren beinahe ausschließlich von der dpa (zumindest dem Copyright-Vermerk nach). Es geht mir hier nicht um Agenturmeldungen, die sind meist "keimfrei", obwohl allein die Auswahl ja auch schon einen gewissen Kommentar darstellt. Jedes laue Lüftchen von Trump landet bei der FAZ auf dem Titel; das gibt es bei keinem anderen.)

    Und zuletzt: Ich muss hier nichts nachweisen! Ich bin auch keine Zeitung, die von sich behauptet unabhängig und neutral zu berichten. Ich kommentiere einen Artikel; daher steht auch groß und rot über dieser Rubrik "KOMMENTARE".

  • 1
    8
    Hankman
    23.07.2017

    @Felto84: "Wer zwingt denn die Qualitätsmedien zu diesem Tempo?", schreiben Sie. Könnte es sein, dass es sich dabei um den Wettbewerb zwischen den Medien handelt und den Wettbewerb zwischen Print, TV, Radio und Internet? Das kann man kritisieren, aber nicht einfach ignorieren.

    Sie schreiben auch, es sei Mode geworden, die Meldung zum Kommentar umzufunktionieren. Wenn Sie diesen Trend beobachten, wäre es jetzt gut, wenn Sie das mal illustrieren könnten. Also eine Bitte: Nehmen wir mal dieses Nachrichtenportal hier. Suchen Sie bitte mal drei Meldungen (!!) heraus, die in dieser Woche auf diesem Portal erschienen sind und die Ihrer Meinung nach kommentierend sind. Posten Sie hier die Links. Und dann erklären Sie bitte an einem der drei Texte auf Satz- und Wortebene, was genau kommentierend ist und machen Sie Vorschläge für eine bessere Formulierung.

    Ich meine das jetzt gar nicht polemisch!! Ich finde Medienkritik wichtig und richtig. Aber sie sollte konkret und sachlich sein und nicht pauschalieren. Ich konsumiere eine ganze Reihe Medien und kann Ihre Kritik für einige (bzw. einige Themen) nachvollziehen, für viele andere nicht.

  • 12
    1
    gelöschter Nutzer
    22.07.2017

    Die Argumentation in einigen Kommentaren, dass man dafür ein gewisses Verständnis haben soll, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Wer zwingt den die Qualitätsmedien zu diesem Tempo? Man kann auch einfach mal erst recherchieren und dann melden. Statt dessen scheint das wichtigste bei den meisten Nachrichten-Apps und Seiten die Push-Benachrichtigung zu sein. Wer seine Leser so sehr auf Geschwindigkeit trimmt, darf sich dann auch nicht beschweren, wenn es zum Bumerang wird.

    Außerdem: Wer zwingt denn die Medien dauernd Berichte der Nachrichtenagenturen unbearbeitet und ungeprüft abzudrucken (oftmals wörtlich!)? Das ist billig und erfordert keine eigene Arbeit. Kann man machen, aber wenn man dann damit wirbt, dass man als "Qualitätsmedium" (eigentlich ist ein Medium etwas anderes, aber gut) besser ist, als die ganzen Online-Nachrichtenseiten, muss man sich dann auch an anderen Standards messen lassen.

    Ausgewogene Berichterstattung ist auch kaum noch möglich, weil es Mode geworden ist, die Meldung zum Kommentar umzufunktionieren. Kein Artikel zu Putin, Pegida, Trump, in dem nicht sofort mitgeteilt wird, was man darüber zu denken muss. Es ist ja in Ordnung, wenn es Kommentare gibt und die dürfen dann auch hart sein und einseitig, nur fehlen mittlerweile die sachlichen Meldungen beinahe vollständig. Das zeigt auch, was für ein Bild man in den Redaktionen vom Leser bzw. Zuhörer hat: Der Leser wird als zu blöd zum selber denken eingeschätzt und bewusst manipuliert. Leute, die sich daran stören und dass bemängeln, werden als "Lügenpresse"-Rufer subsumiert und abgekanzelt. Man weiß also genau, was man tut. Das ist kein Patzer in der Hitze des Gefechts.

    Dazu kommt dann noch, dass die sprachliche Qualität zunehmend abnimmt und Ungenauigkeiten produziert. Man bedient sich außerdem irgendwelcher Floskeln, die man gar nicht mehr hinterfragt.

  • 7
    2
    Haecker
    22.07.2017

    Neutralität erwarte ich nicht mal unbedingt von "den Medien". Gegen Sympathien und Verständnis für Menschen, die vor Bürgerkriegen in Syrien oder dem Irak fliehen, oder der Perspektivlosigkeit in Westafrika, ist ja nichts einzuwenden, ebensowenig das Fehlen von Sympathie gegenüber den "Lügenpresse"-Rufern. Aber Ausgewogenheit und Objektivität kann man schon erwarten. Christian Ude ("Die Alternative oder: Macht endlich Politik!") stellt zurecht fest, dass der Zustrom von Millionen Migranten nach Europa absehbar war, aber die Menschen nicht darauf vorbereitet wurden, sondern das Problem abgewiegelt wurde und Fragen und Zweifel in die rechte Ecke gestellt wurden. Und hier hat weniger "die Politik" versagt, sondern vor allem "die Medien".
    Es gab (und gibt) in verschiedenen Medien (ich rede von "Freie Presse", "Zeit", DLF usw.) hin und wieder ausgewogene Beiträge, der Tenor aber ist mehr oder weniger einseitig. Es begann 2013/14, als die Flüchtlingsboote nach Lambedusa mit dem Bürgerkrieg in Syrien begründet wurden - und wenn man die Bilder im TV dann sah, stiegen aus den Booten nicht Araber, sondern Schwarzafrikaner aus. Nach einer Weile merkte man das, und es wurden im TV nur noch Boote gezeigt, bei denen das Rot der Schwimmwesten das Bild dermaßen beherrschte, dass keine Gesichter mehr erkennbar waren. Und auch jetzt tut mancher Kommentator so, als handele es sich bei den Flüchtlingen, die aktuell über die zentrale Mittelmeer-Route kommen um die gleichen Personengruppen (also vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien und dem Irak), die bis Frühjahr 2016 über die Ägäis kamen.
    Am 29.02.2016 sagte Giovanni di Lorenzo ("Zeit") in seiner Dresdner Rede: "Unser Ruf steht auf dem Spiel. Das Vertrauen in die Medien schwindet, nicht nur bei Pegida und AfD." Und er stelle selbst manchmal irritiert fest, dass "wir alle" - also die Presse - mitunter das gleiche schrieben. Er begründete das mit der überwiegend gleichen Sozialisation der Journalisten. Tatsächlich stelle ich schon in der "Zeit" (wie auch in der "Freien Presse" und im Deutschlandfunk, aber auch anderswo) mal unterschiedliche Meinungen zu einem Thema fest. Aber es überwiegt doch der Gleichklang. Wer ist denn auf das Interview eingegangen, dass Alice Schwarzer am 15.01.2016 der "Welt" gab? Wer ist denn auf die Interviews eingegangen, dass Bilkay Öney (SPD, damals Integrationsministerin von Baden Württemberg) am 30.04.2015 der "Welt" und am 02.05.2015 der "Badischen Zeitung" gab? Naja, gut, irgendwo anders muss es mal einen Hinweis gegeben haben, sonst hätte ich das auch nicht "mitbekommen". Über Rufe von BDA-Präsident Ingo Kramer nach Fachkräften wurde aber ausführlicher berichtet. Und auch über die Studie der Berthelsmann-Stiftung vom Dezember 2014 über den enormen Beitrag von Zuwanderern zum deutschen Staatshaushalt. Eine Hinterfragung der Studie aber habe ich nirgends gelesen.
    Mit der Selbstkritik ist es inzwischen weitgehend vorbei. Jetzt versuchen "tagesschau.de" und andere, mithilfe von "Fakten-Check" oder "Fakten-Finder" die Richtigkeit ihrer Berichterstattung zu beweisen. Da gibt es dann etwas mehr Details. Aber man muss eben glauben, dass es sich um reine Fakten und nichts weiter als Fakten handelt, was da zusammengetragen wird.

  • 15
    2
    gelöschter Nutzer
    22.07.2017

    Im Übrigen lässt sich alles, was der Herr Haller hier feststellt und belegt, nahezu eins zu eins auf die (manipulierende) Medienberichterstattung zur sogenannten Euro-/Banken- und Griechenlandrettung, zur Berichterstattung im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen und der sie begleitenden Trump-Hetze, auf die Berichterstattung zum Ukraine-Konflikt (Krim-Sezession, Putin-Hetze und so weiter) sowie bezüglich der Kriegstreiberei des Westens und der NATO gegenüber Russland oder auch auf den Umgang der allermeisten Medien mit der AfD übertragen.
    Die "Flüchtlingskrise" und die Medienberichterstattung ist doch nur der eigentliche Punkt auf das "i"

  • 9
    4
    Maresch
    22.07.2017

    Die Problematik liegt auch in der Verbreitung von Nachrichten im Sekundentakt über das Internet. Man wird quasi permanent mit Informationen "bombardiert", und auch mit falschen (Stichwort "Fake News"). Jede Online-Zeitung muss die schnellste sein, um Klickzahlen zu generieren und ihre Leser bei Laune zu halten. Das Ergbnis ist dann "Copy and Past" im großen Stil ohne eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Thematik. Es kursieren nur noch Überschriften und Schlagwörter im WWW, die gleichsam die eigentlich nicht mehr vorhandene Debattenkultur bestimmen. Dabei gehen dann Artikel unter, die eine kritische Sichtweise einnehmen.

  • 15
    3
    gelöschter Nutzer
    22.07.2017

    Eigentlich kann ich nur laut und lange lachen - und verspüre aus persönlichen Gründen und aus aktuellem Anlass eine gewisse Genugtuung (Y)

    >>> "Haben deutsche Journalisten in der Flüchtlingskrise ausgewogen berichtet? Der Medienwissenschaftler Michael Haller hat Tageszeitungen ausgewertet, auch regionale(!!) Blätter. Er sagt: Die Presse fungierte als Sprachrohr der etablierten Politik. Die Folge: Entfremdung vom Leser.

  • 17
    4
    Steuerzahler
    22.07.2017

    Diese einseitige Berichterstattung ergibt sich doch schon ganz allein aus den Besitzverhältnissen der Medien. M. E. würde es dringend geboten sein, Parteien und parteinahen Organisationen den Besitz und die Einflussnahme auf Medien aller Art zu verbieten, es sei denn, sie sind als Sprachrohr und Organ der Partei deklariert. Was durch die Medien an objektiver Berichterstattung unterlassen wurde, hat auf Dauer bleibende Schäden hinterlassen.

  • 17
    2
    Zeitungss
    22.07.2017

    Die Überschrift beinhaltet eigentlich schon die Antwort. M. Haller hat eigentlich alles gesagt.
    Diese Verfahrensweise gab es schon zu ALLEN Zeiten und es wird so bleiben.

  • 5
    8
    Nixnuzz
    22.07.2017

    Wieviel Quellen stehen den Medien oft nur zur Verfügung? dpa, upi, afp oder wer noch? Wo liegen die Kernpunkte der Information? Und noch wichtiger: Wie schnell muss diese Information möglichst Zeitverlustfrei unters Volk gebracht werden!? Was bleibt da auf der Strecke? Wen interessiert dann gegebenenfalls noch die verbesserte, tiefergehende Darstellung? Oder wird per "(a)social media" Informationen "gepostet", die mehr ins Reich von Märchen und Sagen gehören aber einen informellen Flächenbrand auslösen? Ab wann entglitten die Nachrichtenempfänger dann den üblichen Medien? Ab wann trennten sich Bürger, Medien und Politiker voneinander?? Was wurde aus dem Besuch von Gabriel bei der Pegida und seinem Gesprächsversuch alles draus gebastelt? Und was an "vor Ort-Informationen" bei den Regionalblättern kommt dann in die "Meinungsbildner" der Großmedien?? Wieviel Vertrauen muss von der "Thumpheit" vor Ort neu gebildet werden? Und welcher Nachrichtenempfänger ist dann noch bereit, seine Meinung oder Vorwissen infrage zu stellen...

  • 22
    4
    Noergelchen
    22.07.2017

    Nicht nur die undifferenzierte Berichterstattung durch die Massenmedien, sondern auch die Tatsache, dass alle Kritiker als ?rechtsorientiert, Nazis? o.ä diffamiert werden, vergiftet das gesellschaftliche Klima in Deutschland.



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