Im Rausch der Revolution

Berlin erlebt am Wochenende Party und Gedenken. Zehntausende kommen, um an das epochale Ereignis zu erinnern. Auch Plauen und Mödlareuth auf den Herbst 1989 zurück.

Berlin.

Der Fall der Berliner Mauer hat die Welt verändert. Nichts liegt daher näher, als dass die Welt mitfeiert, wenn sich dieses Ereignis zum 30. Mal jährt. Wer am vergangenen Wochenende zwischen Brandenburger Tor, Alexanderplatz, Checkpoint Charlie und Bernauer Straße unterwegs ist, kann erkennen, wie sehr dieses Kapitel deutscher Geschichte Besucher aus Asien, Amerika und Europa fasziniert, bewegt, ja, beglückt. Rund 100.000 Menschen tanzen, singen und feiern am Samstag bis in die Nacht ausgelassen vor dem Brandenburger Tor. Es ist gewissermaßen die Fanmeile der Friedlichen Revolution.

Über den Feiernden schwebt auf der Straße des 17. Juni die "Freiheitswolke", eine 150 Meter lange, bunt angestrahlte Kunstinstallation aus rund 30.000 herabhängenden Bändern, auf die Menschen ihre Wünsche, Hoffnungen und Ideen geschrieben haben. Es soll an die Transparente auf den Demonstrationen im Herbst 1989 erinnern. Die Bühne steht direkt vor dem Brandenburger Tor, also auf jenem Gelände, auf dem einst unmittelbar die Berliner Mauer verlief und das 28 Jahre lang nur von DDR-Grenzwächtern betreten werden durfte. Jetzt ist hier Party angesagt, sogar mit sächsischer Note.

Der in Karl-Marx-Stadt aufgewachsene Hip-Hopper Trettmann singt seine Songs "Grauer Beton" und "Stolpersteine". Die Bässe wummern durch den Tiergarten. Der ebenfalls aus der Stadt stammende Sänger Dirk Michaelis spielt vor der Menge eine Klavierversion seines Hits "Als ich fortging". Zudem hat die Dresdner "Banda Internationale" einen Auftritt an diesem Abend, durch den die einstige Sängerin der DDR-Rockband "Silly", Anna Loos, führt. Programm gibt es rund um den Jahrestag auch an vielen anderen Orten der Hauptstadt. Auf dem Alexanderplatz wird eine monumentale filmische Collage mit entscheidenden Szenen aus dem Herbst 1989 an die Fassaden projiziert. Im einstigen Haus der Statistik zeigt die Zwickauer Künstlerin Henrike Naumann eine ihrer beklemmenden Installationen aus Möbeln der Wendezeit. Und im Nebenraum lassen der Dramaturg Aljoscha Begrich und Regisseurin Lola Arias im Rahmen eines Kunstprojekts die Massendemonstration auf dem Alex am 4. November 1989 von Laien nachspielen.

Bereits am Samstagnachmittag versammeln sich am Brandenburger Tor die Gäste für den Abend. Die Eingangskontrollen sind streng, es bilden sich lange Warteschlangen. Anna ist extra für dieses Wochenende mit ihren Kindern aus Stralsund angereist. "Ich will, dass sie das sehen und verstehen, was damals passiert ist", sagt die 38-jährige Psychotherapeutin. Auch Kristina aus dem polnischen Bydgoszcz, auf deutsch Bromberg, ist trotz des Nieselregens gekommen. Die 66-jährige sagt: "Was damals passiert ist, geht uns alle an. Es hat so vieles verändert, nicht nur in Deutschland, auch in Polen und vielen anderen Ländern in Osteuropa."

Das offizielle Gedenken beginnt bereits am Samstagvormittag in der Berliner Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Auch Schüler aus Polen, Tschechien, Ungarn, Norwegen und der Slowakei sind gekommen. Sie wünschen sich, dass nie mehr Mauern die Menschen trennen. "Wir wollen uns für Europa einsetzen", sagt eine junge Tschechin. Sie wird später wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rose in die Hinterlandmauer stecken, im Gedenken an die mindestens 140 Mauertoten.

An der Bernauer Straße spielten sich nach der Errichtung der Mauer am 13. August 1961 dramatische Szenen ab. Die Häuser gehörten nun zum Osten, der Bürgersteig zum Westen. Menschen versuchten in den ersten Tagen noch, aus den Fenstern in den Westen zu springen. Dann wurde die Fassaden komplett zugemauert. "Zu viele Menschen wurden Opfer der SED-Diktatur. Wir werden sie nicht vergessen", sagt Merkel in ihrer Ansprache in der Kapelle der Versöhnung. Der Bau steht auf dem einstigen Todesstreifen an der Stelle der 1985 gesprengten Versöhnungskirche. Merkel nennt diese Zerstörung einen "Akt der Menschenverachtung. Denn die Kirche stand einem freien Schussfeld im Weg". Es sollten Bürger ins Visier genommen werden, "die lediglich eines suchten: die Freiheit". Zugleich erinnert Merkel an die Widersprüchlichkeit des 9. November. "Es ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte", sagt sie. Denn es ist nicht nur jener Tag, an dem die Deutschen wieder zueinander kamen, sondern auch einer, an dem im Jahr 1938 mit der Reichspogromnacht eine brutale Ausgrenzung von Millionen Deutschen jüdischen Glaubens vollzogen wurde. "Was darauf folgte, war das Menschheitsverbrechen des Zivilisationsbruchs der Shoa", sagt Merkel. Jener Tag, der "sowohl die fürchterlichen als auch die glücklichen Momente unserer Geschichte widerspiegelt, ermahnt uns, dass wir Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegentreten müssen".

Steinmeier nennt in seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Abend des 9. November 1989 "die Nacht der Nächte", nach der nichts mehr gewesen sei wie zuvor. "Wie gerne wäre ich dabei gewesen. Wie gerne hätte ich diese ungeheure Kraft gespürt." Die Bilder und Filmaufnahmen jagten ihm "noch heute Schauer über den Rücken". Die mutigen Menschen, die die Mauer zum Einsturz brachten, hätten Freiheit und Demokratie erkämpft. "Welch ein großartiges, welch ein stolzes Erbe. Machen wir was draus!"

Die frühere DDR-Oppositionelle und spätere Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, schlägt in ihrer Ansprache einen mahnenden Bogen ins Heute. "Wer seinem Hass freien Lauf lässt und Menschen bedroht, ist nicht besser als die Stasi", sagt sie mit Blick auf extremistische Gewalttaten. Und wer glaube, aufgrund seiner Hautfarbe mehr wert zu sein und mehr Rechte zu haben, "verrät die Werte der Friedlichen Revolution". Zehntausende spenden Beifall.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...