"Konzept des friedlichen Protests gescheitert"

Blockupy-Expertin: Eine solche Großdemonstration überfordert das Organisationsteam - EZB ist für Kritiker Symbol der Sparpolitik

Chemnitz.

Nicole Deitelhoff, Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien Globaler Ordnungen an der Uni Frankfurt, glaubt nicht an eine Renaissance linksextremistischer Gewalt. Mit ihr sprach Stephan Lorenz.

Freie Presse: Blockupy, Attac oder Occupy: Worin unterscheiden sich diese Gruppen eigentlich voneinander?

Nicole Deitelhoff: Blockupy hat sich zu einem gewissen Teil aus der Occupy-Bewegung ergeben, die schon 2011 mit ihren Protesten vor der alten EZB-Zentrale begonnen hatten. Das hängt schon alles miteinander zusammen. Blockupy ist ein europäisches Netzwerk von unterschiedlichen linken und vor allem kapitalismuskritischen Gruppierungen. Attac ist dabei, die Grüne Jugend, aber auch die Interventionistische Linke, ein Zusammenschluss von radikalen linken Gruppierungen, oder die griechische Syriza.

Diskreditiert die Gewalt nicht den ganzen Protest? Mit dabei waren schließlich auch Autonome aus dem Schwarzen Block.

Der Schwarze Block ist keine Gruppe, sondern eine Aktionsform. Dazu gehört jeder, der sich schwarz kleidet und sich dem Block anschließt. Er ist nicht Teil von Blockupy. Die Bewegung hatte im Vorfeld einen Aktionskonsens beschlossen. Darin hieß es, man wolle blockieren und zivilen Ungehorsam leisten, aber keine Gewalt anwenden. Das Konzept ist gescheitert, aber noch ist unklar, wer die Gewalttäter eigentlich waren. Blockupy hat sich gestern von diesen gewaltsamen Ausschreitungen distanziert. Bei einer solchen Demonstration ist es einem so lockeren Organisationsnetzwerk gar nicht möglich, alles zu kontrollieren. Daher sollte man nicht wegen der Ausschreitungen über den Protest an sich urteilen.

Wie muss man sich denn eine solche Demonstration vorstellen?

Man zieht nicht mehr wie früher etwa bei den Ostermärschen einer nach dem anderen durch die Straßen. Heute sind es phantasievolle Züge, die mit unterschiedlichen Aktionsformen Aufmerksamkeit erzeugen wollen. Es wird versucht, dem ernsten Thema mit bunten Kostümierungen, Straßentheater und Humor zu begegnen. Das wurde von den Ausschreitungen überschattet.

Gibt es eine Renaissance der linksextremistischen Szene?

Das sehe ich nicht. Aus Sicht von Blockupy ist es schon ein großer Erfolg, dass es überhaupt gelungen ist, so heterogene, linke Gruppen zusammenzubringen. Das war gerade im Spektrum der deutschen radikalen Linken lange undenkbar. Die hatten sich bislang aus unterschiedlichen Gründen gegen jede Form von Netzwerken ausgesprochen.

Was könnten die Krawalle von Frankfurt für den G7-Gipfel Anfang Juni auf Schloss Elmau in Bayern bedeuten?

Das ist schwer zu sagen. Blockupy und Frankfurt - das ist auch eine besondere Geschichte der Konfrontation mit der Polizei. Die Erfahrungen der Gewalt prägen die Proteste mit: Besondere Vorkommnisse sind hier eher die Regel.

Ist die EZB die richtige Adresse für den Protest?

Blockupy ist sich bewusst, dass die Europäische Zentralbank auch vieles getan hat, um die Schocks der Finanzkrise für die europäischen Gesellschaften abzufedern. Das änderte aber aus Sicht der Kritiker nichts an der Tatsache, dass die EZB für das System der europäischen Finanzpolitik steht. Gegen die Sparpolitik wenden sich die Proteste.

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