"Mister Europa" wird Berliner

Der Sozialdemokrat Martin Schulz verlässt die Brüsseler Bühne. Spekulationen über seine Zukunft gibt es seit Wochen. Gegner wie Weggefährten bescheinigen ihm Durchsetzungskraft und Authentizität. Beste Voraussetzungen für eine politische Karriere in Berlin.

Chemnitz.

Die Menschen kennen Martin Schulz als leidenschaftlichen Europäer. Doch die Krise der Europäischen Union konnte man auch im Gesicht des Sozialdemokraten ablesen, wenn er vor laufenden Kameras den Brexit, das Versagen bei der Flüchtlingsverteilung oder rechtspopulistische Erfolge erklären sollte. Der sonst so kämpferische Schulz schien, noch während er sprach, verzweifelt nach Erklärungen und Lösungen zu suchen.

Jetzt wird er in die Bundespolitik wechseln, soll bei der nächsten Bundestagswahl auf Platz 1 in Nordrhein-Westfalen antreten. "Mister Europa" wird ein "Berliner". Die Spekulationen über seine Zukunft in der SPD schießen seit Wochen ins Kraut. Wird er Außenminister oder gar Kanzlerkandidat der SPD?

Schulz verlässt Brüssel nicht ohne Bauchschmerzen. 2004 hatte Schulz den Fraktionsvorsitz der Sozialisten übernommen, 2012 wurde er Präsident des Europaparlaments und 2014 wiedergewählt. Damals verständigte man sich darauf, dass Schulz nach der Hälfte der Legislaturperiode von einem konservativen Politiker abgelöst werden sollte. Auf diese Vereinbarung pochte die christdemokratische EVP. Wochenlang hatte Schulz versucht, eine Mehrheit auch ohne die EVP hinzubekommen. Klappte aber nicht.

Der sächsische Europaabgeordnete Peter Jahr (CDU) bezeichnet Schulz als "politisches Ausnahmetalent, das bei Reden Probleme auf den Punkt bringen" kann. Er habe auch das EU-Parlament in seiner Amtszeit nach vorn gerückt. Aber, so Jahr weiter: "Er hat dabei auch nie vergessen, sich selbst darzustellen. Das hatte sich in den vergangenen Monaten noch verstärkt." Manfred Weber, Chef der christdemokratischen EVP-Mehrheitsfraktion, spricht von "großem Respekt gegenüber Martin Schulz". Er habe "herausragende Arbeit" geleistet. Udo Bullmann, Vorsitzender der SPD-Europa-Abgeordneten, sieht eine "große Lücke", die Schulz hinterlassen werde. Offizielle Erklärungen für einen Mann, der im Brüsseler Politikbetrieb allgegenwärtig war. Einige Krokodilstränen dürften dabei sein.

Doch was ist Schulz für ein Mensch? Er kommt auf jeden Fall impulsiver und volksnäher rüber als viele seiner Kollegen. Er gilt als Strippenzieher, ihm wird aber von Gegnern mangelnde Diplomatie vorgeworfen. Während die Medien-Öffentlichkeit Schulz' pointierte Aussagen gegen die Türkei, gegen Israel oder gegen den künftigen US-Präsidenten Donald Trump lobte, hielten ihm viele Parlamentarier offene Selbstdarstellung vor. Da steht Peter Jahr aus Burgstädt mit seiner Meinung nicht allein.

Kein geringerer als Italiens einstige "Skandalnudel" und Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi machte Schulz 2003 europaweit bekannt, als er ihn mit einem Kapo (Aufseher) in einem NS-Konzentrationslager verglich. Berlusconi war sauer, weil ihm Schulz Verstöße gegen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vorgehalten hatte. Sein Vergleich aber hinkte in jeder Beziehung und rückte den deutschen Sozialdemokraten in ein absurdes Licht.

Schulz wurde 1955 als jüngstes von fünf Kindern in Eschweiler-Hehlrath bei Aachen (Nordrhein-Westfalen) geboren. Wie viele andere wollte auch er als junger Mann Fußballstar werden, eine schwere Verletzung zerstörte seinen Traum. Zwischen 1975 und 1977 absolvierte Schulz dann eine Lehre als Buchhändler, später machte er sich selbstständig. 1974 trat er in die SPD ein.

Mit Anfang 20 war Schulz arbeitslos, begann zu trinken. Seine Familie wandte sich von ihm ab. Damals rappelte er sich aber wieder auf und wurde schließlich mit 31 Jahren Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen bei Aachen. Damals der jüngste in NRW. Bei der Europawahl im Juni 1994 kam Schulz als Abgeordneter der SPD ins Europäische Parlament. Sein Lebensweg macht ihn für viele seiner Freunde und politischen Weggefährten authentisch. Schulz ist einer, der es trotz schwieriger Umstände geschafft hat.

Er ist zwar viel unterwegs, aber seiner Heimatstadt Würselen ist er stets treu geblieben. Dort lebt der zweifache Familienvater mit Frau Inge, einer Landschaftsarchitektin. Aus seinem früheren Leben - vor Brüssel - ist ihm die Leidenschaft für Bücher und für den Fußball geblieben. Als Anhänger des 1.FC Köln hat er zurzeit viel Freude beim Blick auf die Bundesligatabelle.

Einer seiner langjährigen Weggefährten seit Juso-Zeiten ist Stefan Mix, heute Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Städteregion Aachen. "Schulz ist durchsetzungsstark, und er kann Menschen von dem, was er für richtig hält, überzeugen. Natürlich ist er hin und wieder auch impulsiv", sagt Mix mit hörbarer Hochachtung. Schulz' Heimat im Dreiländereck von Deutschland, Belgien und den Niederlanden ist durch und durch europäisch geprägt. Mix: "In seiner Heimatregion ist er immer präsent geblieben, auch als EU-Parlamentspräsident. Sein Wohnort Würselen ist ja auch nur 150 Kilometer von Brüssel entfernt. Er weiß, wo er herkommt." Berlin ist von Brüssel weiter weg. Über 600 Kilometer. Schulz wird auch diese Distanz meistern - politisch und organisatorisch.

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