Nach Anschlag in Halle: "Abseits der Sonntagsreden herrscht Schweigen"

Dass ein antisemitisches Attentat in Deutschland geschehen konnte, war nicht überraschend, sagt der Leiter der Recherchestelle Rias, Benjamin Steinitz. Er sieht eine längere Entwicklung.

Schon vor dem Anschlag von Halle haben Juden in Deutschland aus Angst Gottesdienste zu Jom Kippur gemieden, sagt Benjamin Steinitz. Im Interview konstatiert der Geschäftsführer des Bundesverbandes Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) eine wachsende Gewaltbereitschaft gegenüber Juden in Deutschland. Katja Bauer hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Herr Steinitz, der Bundespräsident hat am Donnerstag gesagt, ein Anschlag wie der auf die Synagoge in Halle sei ihm unvorstellbar gewesen. Stimmen Sie ihm zu?

Benjamin Steinitz: Der Anschlag hat mich schockiert, und natürlich hat niemand konkret mit ihm gerechnet. Unvorstellbar war er aber nicht. Erst vergangenen Freitag gab es einen Angriffsversuch auf eine Berliner Synagoge, der viele Jüdinnen und Juden sehr besorgt hat. Einige haben deswegen die Gottesdienste zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, nicht besucht - und das alles vor dem schrecklichen Terroranschlag in Halle. Angesichts der jüngsten Geschichte rechtsextremer Terrorakte in Christchurch, Pittsburgh oder vor einigen Jahren in Norwegen, war es leider immer auch zu erwarten, dass sich so etwas in Deutschland ereignen kann, erst recht vor dem Hintergrund der NSU-Mordserie.

Sie beobachten die Entwicklung des Antisemitismus seit Jahren. Welche Entwicklung machen Sie aus?

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin nimmt seit 2018 eine Zunahme verrohter Formen des Antisemitismus wahr: Antisemitismus äußert sich immer direkter und gewalttätiger. Dieser Trend hat sich im ersten Halbjahr 2019 wieder etwas abgeschwächt, die Zahl antisemitischer Angriffe und Bedrohungen bleibt aber über dem Niveau von 2017. Die Zahl der Vorfälle mit einem rechten Hintergrund blieb ebenfalls auf demselben Niveau - hier haben wir also entgegen dem Trend keinen Rückgang zu verzeichnen. Gleichzeitig haben wir im Bundesgebiet in den vergangenen Monaten Fälle extremer antisemitischer Gewalt registriert - so nennen wir antisemitische Angriffe oder Anschläge, die den Verlust von Menschenleben zur Folge haben können oder tatsächlich hatten.

Nicht nur die Zahl der antisemitischen Straftaten ist gewachsen, sondern auch die Sensibilität der Politik und der Wunsch nach Prävention und Gegenwehr. Mittlerweile gibt es Antisemitismusbeauftragte und ein koordinierteres Vorgehen. Nutzt das alles nichts?

Wir sehen schon erste Erfolge einer höheren Sensibilisierung beispielsweise der Berliner Polizei. Aber Antisemitismus ist in einer postnazistischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik ein weit verbreitetes und vielschichtiges Problem. Die Bekämpfung des Antisemitismus braucht einen langen Atem.

Politiker aller Parteien werfen der AfD vor, Wegbereiter für Antisemitismus und rechte Gewalt zu sein. Wie sehen Sie diese Einschätzung?

Antisemitismus und rechtsextreme Gewalt auch in der Dimension konkreter Vernichtungsabsichten gab es auch schon vor dem Auftreten der AfD. Insofern müssen antisemitische und rechtsextreme Gewalt als Ergebnisse einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung betrachtet werden. Dennoch bin ich der Meinung, dass die AfD insbesondere mit ihren zum Teil die Schoa verharmlosenden Versuchen, sich selbst als marginalisierte politische Minderheit zu inszenieren, dazu beiträgt, dass sich die Debattenkultur in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Die politische Auseinandersetzung ist von einer fortwährenden Feindbildbestimmung gesellschaftlicher Minderheiten geprägt. Diese erschreckende Normalisierungstendenz verrohter Sprache und Stigmatisierung kann sicherlich Terroranschläge wie in Halle begünstigen.

Wie nehmen Sie gegenwärtig die Stimmung innerhalb der jüdischen Community wahr?

Die Stimmung in den Jüdischen Gemeinden hat sich schon 2012 im Zuge der sogenannten Beschneidungsdebatte und nochmals im Sommer 2014 vor dem Hintergrund hunderter zum Teil offen judenfeindlicher Demonstrationen im ganzen Bundesgebiet, dutzenden Angriffen auf Juden und Jüdinnen und Menschen, die sich für das Existenzrecht Israels einsetzten, und eines Brandanschlags auf die Synagoge in Wuppertal massiv verschlechtert. Die damals artikulierten Warnungen, dass Juden und Jüdinnen beginnen, ihre Lebenssituation in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen, wurden von der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft, jenseits von politischen Sonntagsreden, leider viel zu sehr mit Schweigen bedacht. Dass die Situation jetzt besonders gravierende Auswirkungen auf die jüdischen Gemeinden Deutschlands hat, versteht sich von selbst.

Verstehen Sie Juden, die das Gefühl haben, der Schwur vom "nie wieder", der der Bundesrepublik zugrunde liegt, sei brüchig?

Ja.


Benjamin Steinitz 

Mit jüdischenund nichtjüdischen Organisationen gründete er 2015 die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (Rias Berlin). Ziel war es, eine Anlaufstelle zu schaffen, die auch nicht angezeigte antisemitische Vorfälle nach strengen, transparenten Kriterien erfasst. Inzwischen leitet Benjamin Steinitz den daraus hervorgegangenen Bundesverband, der vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung finanziert wird. Auf einem Internetportal können Bürger antisemitische Vorfälle melden. (ktb)

www.report-antisemitism.de

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
6Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    3
    gelöschter Nutzer
    13.10.2019

    @994374: Jedes Jahr finden in Chemnitz die Tage der jüdischen Kultur statt, die FP berichtet regelmäßig. Es gibt eine Synagoge und ein jüdisches Restaurant. Das alles nicht mitbekommen zu wollen, grenzt schon an Ignoranz.

  • 6
    2
    Distelblüte
    13.10.2019

    @994374: Ist das Ignoranz? Gleichgültigkeit? Eine eigene, sehr kleine Welt?

  • 8
    1
    OlafF
    13.10.2019

    Nie wieder, "Nie wieder" Mathias Döpfner hat in seinem WELT-Artikel alles gesagt, dem ich zustimmen kann. Ob israelische Sportler durch linksextrermistische Gewalt bei Olympia in München ums Leben kamen, islamische Morde an Juden überall auf der Welt oder NAZI-Morde in Halle, G E W A L T jegliche Gewaltakte, auch gegen gegen jüdische Mitbürger gerichtet, müssen konsequent benannt und im Keim erstickt werden. Und das gilt nicht nur gegen NAZIS, sondern für alle die ihre politischen Ziele immer mit Gewalt und Hass umsetzen müssen.

  • 5
    5
    994374
    13.10.2019

    Wenn es nicht gelegentlich in den Medien thematisiert werden würde, wüsste man doch gar nicht, dass es hier Juden gibt.
    Wieso sollte man also irgendeine oder gar negative Einstellung zu ihnen haben?
    Nicht viel anders ist es mit Christen, Zeugen Jehovas usw.

  • 9
    7
    Distelblüte
    12.10.2019

    @ChWtr: Zustimmung.

  • 11
    7
    ChWtr
    12.10.2019

    Warum will man nicht verstehen, warum?

    Mich stimmt zuversichtlich, dass es hier im Forum viele emphatische und mitmenschliche User gibt. Der Umgang wird jedoch rauher. Und das Erschreckende ist, dass ich mir nie hätte vorstellen können, dass der weltweite Antisemitismus auch in DE wieder auf fruchtbaren Boden trifft. Die Gedankengeber sprechen es bereits offen aus. Das ist furchtbar und macht betroffen. Ich hoffe nur, das die Anständigen genügend Mut aufbringen. Es darf nicht wieder soweit kommen. Die blinden Mitläufer sind zwar zu bedauern, dafür umso gefährlicher.

    *Negieren / Relativieren*



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...