Neue bunte Welt

30 Jahre Mauerfall: Was faszinierte die DDR-Bürger am Westen? Ein Hobbyfotograf aus Zwickau hielt es mit der Kamera fest. Er sagt: Es war ein Kulturschock.

Warum fotografieren Sie denn hier?" Die Passantin an der Fuhlsbüttler Straße im Norden Hamburgs war irritiert, als sie Karl Wolf dort im März 1987 mit seiner Pentacon Six hantieren sah. Die Frau, so erinnert er sich, sei der Meinung gewesen, es gäbe an der Vorstadtstraße nichts Besonderes zu sehen. Der Zwickauer aber sah das völlig anders. "Ich komme aus der DDR", sagte er ihr. "Für mich ist hier alles interessant."

Es war der Zeitungsladen, der Karl Wolf damals so faszinierte. Schon bei der Ankunft im Bahnhof Barmbek war er völlig baff angesichts der Flut der Presseerzeugnisse: "Der Kiosk dort war voller Zeitungen und Illustrierten", erzählt er. Damals habe er gedacht: "So viel kann doch kein Mensch lesen."

Millionen DDR-Bürgern ging es ähnlich, als sie zum ersten Mal "rüber" kamen. Sie waren erschlagen von der neuen bunten Welt. Karl Wolf hat diese Welt mit der Kamera festgehalten. Über 1000 Fotos machte er Ende der Achtzigerjahre in Hamburg. Sie stecken in Dia-Schubern, die sich in seinem Haus in Zwickau-Marienthal stapeln - ein Schatz, der zeigt, mit welchen Augen die Menschen aus dem Osten einst den Westen sahen.

Karl Wolfs Mutter lebte in Hamburg. Bereits zweieinhalb Jahre vor dem Mauerfall durfte er sie zum ersten Mal besuchen. Der Mitarbeiter der Zwickauer Energieversorgung, der nebenher als Fotograf für die Betriebszeitung arbeitete, bekam plötzlich Motive vor die Linse, von denen er vorher nicht zu träumen wagte: Gut sortierte Plattenläden, Sportgeschäfte voller Turnschuhe, frische Schnittblumen an der Straße, ein überbordendes Angebot an Obst und Gemüse. Er fotografierte einen Rolls Royce an einer Tankstelle, aber auch - in der DDR ebenso undenkbar - Straßenmusiker, Graffiti und besetzte Häuser im Viertel um die Hafenstraße. Schließlich die sündige Meile Reeperbahn. "Ich war in der Peepshow und ich war im Radiant", berichtet der Besucher aus dem Osten über das einst legendäre Sex-Kino. Karl Wolf sagt: "Alles glitzerte, alles war bunt." Vor einem McDonald's-Restaurant ließ er sich selbst ablichten - das sei quasi "Westen hoch drei" gewesen. Die Bilderflut überstieg für ihn alles bisher Dagewesene: "Ich konnte nicht schlafen, ich hatte Kopfschmerzen."

Nach den Westbesuchen 1987 und 1988 ließ er die belichteten Filme noch über Freunde zurück in die DDR schmuggeln. Seine Dia-Abende in der Heimat waren damals so gut besucht wie nie zuvor.

Als der 9. November 1989 kam, hatte Karl Wolf für einen Besuch bei seiner Mutter gerade wieder ein Ausreisevisum bekommen und die Bahnfahrkarte bereits gekauft. Auf einmal war die Grenze offen - doch die Züge, so befürchtete der Zwickauer, würden brechend voll sein.

So machte er sich drei Tage nach dem Mauerfall mit seiner Frau im Wartburg auf den Weg. "19 Uhr Fahrtbeginn nach Hamburg", schrieb er in seinen Kalender aus dem "Neuen Deutschland", den er noch immer aufbewahrt. Den Grenzübertritt schildert er, als sei es gestern gewesen. "Die Zäune hörten auf, alles war frei - und dann fiel es von mir ab. Ich habe gejubelt, als wäre das Fernsehen da." In Hamburg, wo eine weitere Fototour begann, parkte Karl Wolf seinen Wartburg in der Großen Freiheit - mehr Kontrast ging nicht.

Bis heute genießt der 70-Jährige die damals errungene Freiheit. Er sagt: "Es war die verrückteste Zeit meines Lebens."

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