Ost-AfD im Steigflug - und viele Westdeutsche am Schalthebel

Die AfD im Osten ist selbstbewusst wie nie. Starke Stimmenzuwächse bei der Europawahl und zwei Mal stärkste Kraft in einem Bundesland lassen die Rechtspopulisten von der Macht träumen - auch in Görlitz.

Berlin/Görlitz (dpa) - Spricht man in diesen Tagen mit AfD- Funktionären aus den östlichen Bundesländern, ist die Laune meist blendend. Die Landes- und Fraktionschefs strotzen mit Blick auf die im Herbst anstehenden Wahlen nur so vor Optimismus und Selbstbewusstsein.

«Wir werden stärkste Kraft und stellen die Regierung», sagt beispielsweise Sachsens AfD-Chef Jörg Urban mit Blick auf die Landtagswahl am 1. September im Freistaat.

Tatsache ist: Im Osten ist die AfD zurzeit viel erfolgreicher als im Westen. Das hat sich bei der Europawahl im Mai wieder gezeigt: In Sachsen und Brandenburg wurde sie stärkste Kraft. CDU und SPD schwant für die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen im September und Oktober Schreckliches - auch wenn das keiner vor der Kamera sagen mag.

Am Sonntag könnte es für die AfD mit dem nächsten Coup klappen - mit dem Chefsessel im Rathaus von Görlitz. Es wäre das erste Mal, dass die AfD einen Oberbürgermeister stellt. Kandidat Sebastian Wippel, von Haus aus Polizeioberkommissar, lag in der ersten Wahlrunde Ende Mai mit 36,4 Prozent der Stimmen vorn und konnte seinen Kontrahenten von der CDU, Octavian Ursu (30,3 Prozent), auf Distanz gehalten. Da die beiden Bewerberinnen von Linkspartei und Grünen in der zweiten Runde nicht mehr antreten, wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet.

«Die Fehler der CDU haben die AfD stark gemacht», meint Wippel, der aus Görlitz stammt und früher bei den Liberalen war. Wippel sieht sich nicht als Hardliner und verortet sich eher in der gemäßigten AfD-Strömung Alternative Mitte. «Ich mache mir keine Sorgen, dass die AfD auf einen Weg geraten könnte, den ich unter keinen Umständen mehr mittragen kann», sagt der 36-Jährige. Besondere Sympathien für AfD-Rechtsaußen Björn Höcke lässt er freilich nicht erkennen.

Ohnehin gibt sich die AfD in Sachsen moderat. Nicht erst seit der Europawahl, wo sie genau wie in Brandenburg stärkste Kraft wurde, träumen die Rechtspopulisten von der Macht. Schon bei der Bundestagswahl 2017 hatte man im Freistaat die erfolgsverwöhnte Union hinter sich gelassen - allerdings nur knapp.

Jetzt fiel der Abstand mit 2,3 Prozentpunkten schon etwas deutlicher aus. Die Union hält man in der sächsischen AfD-Spitze für den geeigneten Koalitionspartner. Allerdings nur, wenn sie sich unterordne, sagt Landesparteichef Urban. Die CDU-Spitze schließt ein Bündnis mit der AfD aber kategorisch aus.

Spätestens wenn beim Bundesparteitag Ende November die Parteispitze neu gewählt wird, dürften die Ost-Verbände ihre Wahlerfolge auch in Parteiposten umwandeln wollen. Zwei Namen waren zuletzt häufiger zu hören, wenn es um die Frage ging, wer Parteichef Alexander Gauland vielleicht ersetzen könnte: Andreas Kalbitz, Landes- und Fraktionschef in Brandenburg, und der sächsische Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla, der sein Mandat in Görlitz errang.

Ein AfD-Vorsitzender Kalbitz wäre für einige Mitglieder allerdings schwer zu verdauen, da er zu den bekanntesten Mitgliedern des rechtsnationalen Flügels zählt. Im aktuellen Parteivorstand ist er Beisitzer.

«Ich glaube, es wäre schön, wenn an der Spitze der AfD Ostdeutschland gut repräsentiert wäre, und Herr Chrupalla als Sachse ist da bestimmt sicher nicht die schlechteste Wahl», sagte Urban unlängst bei einer Pressekonferenz in Berlin, als er auf Chrupalla angesprochen wurde.

Was steckt hinter dem AfD-Hype im Osten? Manche Beobachter meinen, ehemalige DDR-Bürger, die schon einen Systemwechsel hinter sich haben, seien vielleicht eher bereit, auch einmal Grundlegendes infrage zu stellen. Allerdings: Die Mehrheit der tonangebenden AfD-Funktionäre im Osten stammt gar nicht von dort. Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke hat seine Kindheit und Jugend in Rheinland-Pfalz verbracht, Sachsen-Anhalts AfD-Chef Martin Reichardt wuchs im niedersächsischen Goslar auf. Kalbitz ist gebürtiger Bayer.

Muss man denn selbst aus dem Osten kommen, um die Leute in den neuen Bundesländern richtig anzusprechen? «Es ist dienlich», meint Jürgen Pohl. Der gebürtige Magdeburger ist Bundestagsabgeordneter mit Wahlkreis in Thüringen und ostpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. Kalbitz, der wie er zum rechtsnationalen Flügel von Höcke gehört, nimmt er aber in Schutz: «Kalbitz hat da einen ganz guten Riecher, um zu sehen, wo die Probleme im Osten liegen. Er ist lang genug hier.»

Für Urban spielt es keine Rolle, «woher aus Deutschland jemand stammt, wenn er sich für Sachsen begeistert und genauso begeistert AfD-Politik für Sachsen macht». Er wünscht sich nur noch mehr Frauen in der Partei.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 1 Bewertung
8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    Blackadder
    17.06.2019

    @ralf: Das ist keine Antwort auf meine Frage.

  • 1
    5
    ralf66
    16.06.2019

    @Blackadder, ich war nach der Wende CDU-Wähler, weil ich der Meinung war, dass damals die CDU nicht in allen Punkten, aber noch bei vielen politischen Themen die Partei ist, der ich zugetraut habe das Land ordentlich zu regieren. Das ist gegessen, die CDU hat sich völlig verändert und hat mit Angela Merkel eine völlig andere Richtung eingeschlagen, die nicht nur nach meiner Meinung, sondern auch nach Meinung vieler Menschen im Land falsch ist. Ich werde nämlich spätestens dann stutzig, wenn Akademiker und Experten, die jahrelang, ich sag es mal so, eine gewisse Staatstreue bewiesen haben, jetzt an dieser Politik Zweifel hegen und zu vielen politischen Themen, zu einer anderen Ansicht kommen.

  • 3
    3
    Blackadder
    15.06.2019

    @ralf: Wieso gegen Sie davon aus, dass Sie besser wissen, was "richtige Entscheidungen" sind?

  • 3
    4
    ralf66
    15.06.2019

    @SimpleMan, Entscheidungen können gerne von der Mehrheit getroffen werden, aber die Mehrheit muss sich auch endlich einmal fragen, ob ihre Entscheidungen noch richtig sind. Richtige Entscheidungen wären mit nämlich lieber, wie die ständigen Hinweise, dass die Altparteien in der Mehrheit sind.

  • 1
    3
    Freigeist14
    15.06.2019

    SimpleMan@ Der Autor setzte die Wähler mit der Partei gleich . Schreibt ,man solle die Wähler ernst nehmen um im gleichen Atemzug zu betonen ,das die Menschen in ihrer Minorität herzlich egal sind . Der Verweis auf den "Rost Belt" des Mittelwestens der USA zeigt nur, das man dort wie hier auch an keiner Ursachenforschung interessiert ist .Bei einem unerwünschten Wahlverhalten z.B.in NRW käme niemand ernsthaft auf die Idee zu titeln : "Ignoriert den Westen !"

  • 4
    3
    SimpleMan
    14.06.2019

    @Freigeist Ich habe auch den Artikel in der "Zeit" gelesen und fand ihn richtig gut. Es geht doch nicht gegen Ostdeutsche, sondern das eine laute Minderheit sich wichtiger machen will, als sie ist. Entscheidungen sollten doch immer noch von der Mehrheit getroffen werden und nicht von den Leuten, die am lautesten sind, oder?

  • 7
    5
    Interessierte
    14.06.2019

    Im Osten - sind doch `überall` , und vor allem in all den anderen Parteien , die Westdeutschen am Schalthebel , warum denn da nicht auch bei der AfD , wo doch gerade dort ´auch` sehr intelligente Menschen sitzen ...

    Wie steht denn eigentlich die AfD im Westen da ? , vor allem in Bayern + RhPfalz ???

  • 11
    3
    Freigeist14
    14.06.2019

    Leider sind aber auch Westdeutsche in Redaktionsstuben am Schalthebel ,wo Ursachenforschung vermieden wird und Überschriften wie "Ignoriert den Osten !" (Zeit-online) aufgemacht werden oder die TAZ den Wählern ein " Nachtrauern der kommoden Diktatur " unterstellen . Wahlwerbung für die Rechtspopulisten statt die Gründe für dieses Wahlverhalten zu analysieren .



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