Ost und West nähern sich an - bei Armut und Wohlstand

Laut einer Studie befinden sich inzwischen die am stärksten abgehängten Regionen Deutschlands im Westen. Der Osten legt dagegen zu, doch längst nicht überall.

Berlin.

Als vor fast 30 Jahren die Mauer fiel, war die innerdeutsche Grenze zwar weg. Doch wirtschaftlich markierte der Verlauf der einstigen Grenzlinie auch weiterhin die Trennung zwischen Wohlstands- und Armutsregionen in Deutschland. Lange Zeit lag die Arbeitslosigkeit im Osten höher, die Wirtschaftsdaten waren schlechter. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat die Entwicklung in Ost wie West eine andere Richtung genommen. Während Teile von Rheinland-Pfalz, des Saarlandes, Nordrhein-Westfalens und auch Regionen nahe der Nordseeküste deutlich zurückfallen, haben einige Landstriche im Osten weit aufgeholt und überholen sogar West-Regionen. Das zeigt eine am Freitag vorgestellte bundesweite Vergleichsstudie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die sich mit der Zukunftsfähigkeit der 16 Bundesländer befasst.

Vor allem Sachsen zählt demnach zu den Bundesländern, die in den vergangenen Jahren am stärksten aufgeholt haben. Der Freistaat sei "in vielerlei Hinsicht auf der Überholspur und der eigentliche Gewinner seit der Wiedervereinigung", heißt es in der Untersuchung. Als Kriterien zogen die Wissenschaftler jeweils die Entwicklung in Wirtschaft, Bildung, Demografie und Familienfreundlichkeit heran. Sachsen landet in dieser Gesamtwertung auf Platz acht bundesweit und damit direkt hinter Thüringen, das noch ein wenig besser abschneidet. Bestnoten erhalten Baden-Württemberg, Hamburg und Bayern. Schlusslichter sind das Saarland und Sachsen-Anhalt.

Nach denselben vier Kriterien betrachteten die Wissenschaftler auch die 401 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Spitzenreiter in Sachsen ist hierbei die Landeshauptstadt Dresden. Leipzig liegt vor allem wegen seines Bevölkerungszuwachses weit vorn. Es sei "die am schnellsten wachsende Stadt der Republik". Bis ins Jahr 2035 sei mit einem weiteren Einwohnerplus der Messestadt von rund 16 Prozent zu rechnen. Zu weiteren Leuchttürmen in den ostdeutschen Flächenländern zählten Potsdam, Erfurt, Jena, Rostock und Halle.

Südwestsachsen liegt insgesamt im unteren Mittelfeld, wobei der Raum Chemnitz in puncto Zukunftsfähigkeit führt in der Region. Die anderen Kreise und Städte schneiden schlechter ab. Hauptgrund seien vor allem der hohe Altersdurchschnitt der Bevölkerung und ein geringer Zuzug jüngerer Menschen. Dies wirkte sich negativ auf Prognosen zur Dynamik dieser Regionen aus und führe somit zu einer schlechteren Gesamtbewertung. Insgesamt hätten Abwanderung und niedrige Geburtenzahlen in den 90er-Jahren den Freistaat auch "zum Pionier in Sachen Alterung gemacht", schreiben die Forscher.

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land dürften sich künftig sogar noch verstärken. Wachstum und Schrumpfung lägen dicht beieinander, sagte Manuel Slupina, Mitautor der Studie. Regionale Verwerfungen zwischen prosperierenden Großstädten und strukturschwachen Regionen werde es bis ins Jahr 2035 nicht nur im Osten, sondern in ganz Deutschland geben.

Im bundesweiten Ranking der zukunftsfähigsten Kreise und Großstädte liegen auf den ersten 14 Plätzen ausschließlich Regionen in Bayern und Baden-Württemberg. Auf Platz 15 folgt Dresden als einzige Ost-Gemeinde. Schlusslichter in ganz Deutschland sind der Studie zufolge die Stadt Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen und Pirmasens in Rheinland-Pfalz. Schlechteste Kreise im Osten sind Stendal und Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt und der Kreis Uckermark in Brandenburg. Sächsische Landkreise finden sich keine unter den bundesweiten Schlusslichtern.


"Keine blühenden Landschaften in der Fläche" 

Forscher sieht im Aufholprozess Ostdeutschlands große Erfolge, sie betreffen aber vor allem die Städte 

Der Berliner Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz hat die neue Studie zur Zukunftsfähigkeit der Bundesländer geleitet. Alessandro Peduto hat mit ihm gesprochen.

Freie Presse: Welche Veränderungen lassen sich in der Entwicklung Ostdeutschlands feststellen?

Reiner Klingholz: In den 90er-Jahren gab es dort zwei Entwicklungen, deren Auswirkungen jetzt durchschlagen. Das waren der Geburteneinbruch sowie die Abwanderung von 1,8 Millionen Menschen, viele davon jung, qualifiziert und überwiegend weiblich. Damit ist demografisches Potenzial abgewandert. Sehr wenige sind zurückgekommen. Der Geburteneinbruch führte dazu, dass im Osten Schüler fehlten, später Auszubildende und Studierende. Heute fehlten diese jungen Leute bei der Familiengründung. Damit kann demografisch nicht so viel nachwachsen, wie nötig wäre.

Inwiefern haben sich die Problemlagen des Ostens verändert?

Die zwei Billionen Euro Transfers für den Aufbau Ost haben zwar nicht in der Fläche zu blühenden Landschaften geführt, aber es gibt durchaus große Erfolge. Vor allem die mittleren und größeren Städte stehen heute gut da. Es sind neue, innovative Arbeitsplätze entstanden. Das zieht junge Menschen an, sie gründen dort Familien. Die Bevölkerungszahl in vielen ostdeutschen Städten ist daher nicht nur stabil, sondern wächst. Das ist das Positive.

Aber?

Wegen der massiven Abwanderung in den 90er-Jahren sind es trotzdem zu wenige. Jetzt gibt es zwar wieder Jobs, aber die ostdeutschen Unternehmen bekommen immer mehr Probleme dabei, Bewerber zu finden.

Das wäre ein Plädoyer für Zuwanderung. Genau das sehen viele Bürger im Osten jedoch kritisch.

Die meisten wirtschaftlich entwickelten Länder setzen auf Zuwanderung und sehen das als nützlich und sinnvoll an. Im Osten Deutschlands gibt es da, vorsichtig formuliert, einen Erkenntnisprozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Der Weltmarkt für qualifizierte Einwanderer wird enger, der internationale Wettbewerb um diese Köpfe wächst. Jedoch sind die Nachrichten aus Ostdeutschland nicht so, dass jeder indische Software-Entwickler unbedingt dorthin will.

In vielen Köpfen dominiert das Bild vom armen Osten und dem reichen Westen. Entspricht das eigentlich noch der Wirklichkeit?

Nein. Vor 20 Jahren lagen die ärmsten Regionen und die mit der höchsten Arbeitslosigkeit im Osten. Das hat sich gewandelt. Die großen strukturschwachen Regionen liegen heute beispielsweise im Ruhrgebiet oder im Saarland. Dort sind die Einkommen mitunter niedriger als in den östlichen Bundesländern. Man kann sagen: Die Wirtschaft ist das Problem der strukturschwachen West-Gebiete, die Folgen der Demografie treffen dagegen vor allem den Osten.


Studie: Kluft zwischen Stadt und Land wird immer größer 

In keinem anderen Bundesland hat sich die Lebensqualität so gut entwickelt wie in Sachsen. Doch das betrifft vor allem die Metropolen. 

Bevölkerungsforscher prognostizieren für Deutschland bis 2035 eine wachsende Stadt-Land- und Nord-Süd-Kluft. Die günstige Entwicklung betreffe vor allem die großen ostdeutschen Städte. Für viele ländliche Regionen gelte hingegen weiterhin das Gegenteil, heißt es in einer am Freitag vorgestellten Demografie-Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Leipzig ist demnach die am stärksten wachsende Stadt Deutschlands und lockt vor allem junge Leute an. Dresden wiederum schafft es als einzige ostdeutsche Kommune unter die Top 15 im gesamtdeutschen Städtevergleich.

In der Studie "Die demografische Lage der Nation" hat das Berlin-Institut erstmals eine eigene regionale Bevölkerungsprognose für alle 401Landkreise und kreisfreien Städte berechnen lassen. Demnach liegt durch die Zuwanderung und leicht gestiegene Geburtenzahlen die Einwohnerzahl in Deutschland derzeit bei rund 83 Millionen. Auch in den nächsten Jahren dürfte die Bevölkerungsanzahl laut Prognose kaum sinken und 2035 bei etwa 82,3 Millionen Menschen liegen.

Allerdings erwarten die Wissenschaftler bundesweit ein stärkeres Stadt-Land-Gefälle. "Die regionalen Verwerfungen zwischen den prosperierenden Großstädten und den entlegenen, strukturschwachen Regionen werden sich verschärfen", prognostiziert Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz. Die fünf ostdeutschen Flächenländer würden bis 2035 weiter schrumpfen. Besonders düster sieht die Prognose für Sachsen-Anhalt mit fast 16 Prozent Bevölkerungsschwund aus. Für Sachsen rechnet die Studie mit einem durchschnittlichen Rückgang von knapp unter zehn Prozent.

Dabei habe sich die Lebensqualität in den zurückliegenden drei Jahrzehnten nirgends so stark verbessert wie in Sachsen, betont Studienautor Reiner Klingholz. Die Geburtenziffern liegen mit durchschnittlich 1,6Kindern pro Frau im Osten heute sogar höher als im Westen (1,58). Den bundesweiten Rekord hält der Landkreis Bautzen mit 1,98 Kindern pro Frau. Und die ärmsten Bundesbürger - auf das Haushaltseinkommen gerechnet - leben nicht mehr im Osten, sondern im Ruhrgebiet. (mit dpa/epd)

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2Kommentare
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  • 1
    2
    Interessierte
    13.04.2019

    Hier sieht die Karte bißchen anders aus ..
    https://www.welt.de/wirtschaft/article191421081/Aufschwung-Ost-Das-Ruhrgebiet-ist-das-neue-Armenhaus-Deutschlands.html?utm_source=pocket-newtab

    Vorletzter Abschnitt :
    So wird die erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland weiter schrumpfen, und das wird besonders Ostdeutschland treffen, wo nach der Wende viele junge Menschen in den Westen ´gezogen` sind - und die Geburtenraten in den Keller sackten.

    ( in den Westen geholt / abgeworben wurden , weil man hier die Unternehmen / Fabriken dicht gemacht hatte - und gleich die Kinder / Enkel noch mit zu sich geholt hat .... man sollte immer bei der Wahrheit bleiben ...

  • 2
    5
    Interessierte
    08.04.2019

    Wer ist denn von dem Wohlstand hier im Osten betroffen , die Westler , die sich hier die best` bezahlten Jobs genommen haben und nun auch hier an der neuerlichen Seenlandschaft mit ihren Eigenheimen und Jachten leben ?
    Und die Ostler nähern sich immer mehr der Armut der Masse im Westen , ist das so gemeint ?



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