Radikaler Vorschlag: Mehr als jede zweite Klinik soll schließen

Mehr Spezialisierung und größere Krankenhäuser sollen Patienten bessere Behandlungsqualität garantieren. Doch wie ist die Situation in Sachsen?

Berlin/Dresden.

Durch eine Konzentration auf große Kliniken könnte laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung die medizinische Versorgung verbessert werden. Die am Montag veröffentlichte Studie empfiehlt dafür eine drastische Verringerung von aktuell bundesweit 1400 Krankenhäusern der Akutversorgung auf 600. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Konzentration auf weniger, dafür aber besser ausgestattete Kliniken vermeiden, heißt es in der von zehn Gesundheitsexperten erstellten Studie. Viele Krankenhäuser seien zu klein und hätten nicht die nötige Ausstattung, um lebensbedrohliche Notfälle wie Herzinfarkt angemessen zu behandeln. Die Bündelung von medizinischem Personal und Gerät würde zu einer höheren Versorgungsqualität in den verbleibenden Häusern führen, vor allem in der Notfallversorgung und bei planbaren Operationen.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warnte davor, so viele Krankenhäuser "plattzumachen" und die verbleibenden zu Großkliniken auszubauen. Das sei eine "Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß", erklärte DKG-Präsident Gerald Gaß.

Professor Joachim Kugler, Gesundheitswissenschaftler an der Universität Dresden, hält die angestoßene Diskussion dennoch für wichtig. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen mit Fachkräftemangel und begrenzten Ressourcen sei es kaum möglich, an so vielen Standorten wie bisher eine hochqualitative Medizin anzubieten, wie sie der Patient erwarten dürfe. Dies erfordere aber grundsätzliche Reformen. Im bundesweiten Vergleich sei Sachsen dabei sehr gut aufgestellt. "Hier wurden nicht die Fehler der alten Länder mit zu vielen kleinen Kliniken gemacht", so Kugler.

Darauf weist auch der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, Stephan Helm, hin: "Die empfohlene Schließung kleiner Akutkrankenhäuser mit 100 und weniger Betten trifft für Sachsen gar nicht zu - es gibt in Sachsen so kleine Krankenhäuser nicht." Nähme man die Studienautoren beim Wort, wären für Sachsen nur ca. 30 von heute 78 Krankenhäusern notwendig. Rechnet man dies auf Fallzahlen um, müssten ca. 600.000 stationäre Fälle in den verbleibenden 30 Krankenhäusern zusätzlich behandelt werden. Dies würde Investitionen in Milliardenhöhe erfordern, um die verbleibenden 30 Krankenhäuser entsprechend zu vergrößern.

Die Autoren der Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es etwa 50 Unikliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der Krankenhäuser weniger als 100 Betten - vor allem in den alten Bundesländern.

In Sachsen gibt es 78 Krankenhäuser mit 25.547 Betten. Der aktuelle von der Staatsregierung beschlossene Krankenhausplan gilt seit September 2018 und hat eine Laufzeit von zwei Jahren. Der Plan ist die Grundlage für die Investitionsförderung der Krankenhäuser und die Leistungsverhandlungen mit den Krankenkassen. Entgegen ursprünglicher Überlegungen hatte sich die Landesregierung gegen einen Bettenabbau entschieden und dies vor allem mit dem zunehmenden Haus- und Facharztmangel auf dem Land begründet. (mit dpa/epd)

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    0
    Nixnuzz
    16.07.2019

    So kann man soziale Marktwirtschaft auch umdefinieren...Es bleibt die Frage der kurzfristigen Erreichbarkeit im Notfall und bei Aufname für die Angehörigen. Und welchen fachspezifischen Massenbetrieb initiiert man dabei?? Fließbandarbeiten?

  • 14
    1
    Marcs
    15.07.2019

    Welch eine Sommerlochdebatte auf Kosten der Ängste der Bevölkerung! Was ist nur wieder der Sinn dahinter. Oder wovon soll die gesellschaflliche Debatte wieder ablenken. Obacht! Eine der Begründungen für dieses Spar-Vorgehen sind ja die Mindeszahlen zur Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen Behandlung - darauf hat jeder Patient das Recht. Jedoch wir über den Grund für die inadäquate Ausweitung von zum Teil sehr spezialisierten Leistungen in Krankenhäuser der Grundversorgung nicht gespürogen. Die Notwendigkeit in einer marktwirtschaflich geführten Gesundheitswirtschaft Gewinn zu erwirtschaften führte zu diesen unguten Entwicklungen. Die Sicherstellung der medizinischen Basisversorgung kann nie vernünftig und gleichzeitig gewinnbringend sein. Zweiter Grund - DRG. Da eine konservative Therapie - sprich medikamentös, Physio etc. immer schlechter entgolten wird wie eine invasiv geführte Behandlung, muss ein KH um schwarze Zahlen zu schreiben dementprechend handeln und Leitungen anbieten. Nicht umsonst sind in Deutschland invasive Behandlungsmethoden weltweit führend im Vergleich.
    Da die Notfallversorgung - auch die ambulante! - zum Großteil von Notaufnahmen der Krankenhäuser geleistet wird, da eine ambulante Sicherstellung erst recht außerhalb von üblichen Praxiszeiten offensichtlich nicht organisierbar scheint, braucht es die KH im ländlichen Raum noch sehr lange. Erst wenn die ambulante Notfallversorgung radikal besser organisiert ist, ist die Diskussion überhaupt sinnvoll.

  • 15
    1
    franzudo2013
    15.07.2019

    Dümmer geht's immer.
    Gerade in der Medizin ist Quantität nicht Qualität. Mein Gott, wer braucht diese Bertelsmann - Stiftung?
    Siehe den Tageswitz des Postillon - eine Zentralklinik für ganz Deutschland!



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