Chancen verspielt: RKI rät zu härterem Lockdown

An mehreren Tagen zeigt die Statistik derzeit mehr als 1000 Corona-Tote in Deutschland. Das liegt auch daran, dass die Regeln im zweiten Corona-Lockdown weitaus halbherziger befolgt werden als im ersten. Die Kanzlerin drängt auf Beratungen schon kommende Woche.

Berlin (dpa) - Es reicht einfach nicht. Das Verhalten der Bundesbürger im zweiten Corona-Lockdown ist nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts weiterhin zu inkonsequent, um die Pandemie zeitnah in den Griff zu bekommen. Auch die bisherigen Pandemie-Regeln gehen dem Bundesinstitut nicht weit genug.

«Diese Maßnahmen, die wir jetzt machen - für mich ist das kein vollständiger Lockdown», sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag. «Es gibt immer noch zu viele Ausnahmen und es wird nicht stringent durchgeführt.» Mit Blick auf ansteckendere Mutationen des Coronavirus ergänzte er: «Es besteht die Möglichkeit, dass sich die Lage noch verschlimmert.»

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte am Abend deutlich, dass sie sich schon kommende Woche und nicht erst wie geplant am 25. Januar mit den Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie beraten will. Es gebe derzeit keinen Spielraum für Öffnungen, sagte sie nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur von mehreren Teilnehmern in der Online-Sitzung des CDU-Präsidiums zur Vorbereitung des Wahlparteitags der CDU am Freitag und Samstag. Einen Termin für die nächste Runde mit den Regierungschefs der Länder nannte Merkel demnach nicht, Montag oder Dienstag sind den Angaben zufolge im Gespräch. Einen Bericht der «Bild»-Zeitung, wonach im Kanzleramt über die Einstellung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs nachgedacht werde, wies Merkel nach Angaben mehrerer Teilnehmer zurück.

Bisher ist es nach der RKI-Statistik nicht gelungen, die Infektionsraten in Deutschland massiv zu drücken. Mehr als 25.000 neue Covid-Fälle meldete das Institut am Donnerstag. Damit bleibt es trotz kleiner Lichtblicke, die noch keinen Trend belegen, bei einem viel zu hohen Plateau. Die Quittung für die seit Wochen hohen Infektionszahlen gibt es jeden Tag in Alten- und Pflegeheimen, auf den Intensivstationen und beim Blick auf Todesfallzahlen. Mit 1244 Menschen sind am Donnerstag so viele Tote innerhalb von 24 Stunden gemeldet worden wie noch nie seit Beginn der Pandemie.

Das RKI hält deshalb auf der Basis von Rechenmodellen einen strengeren Lockdown für sinnvoll. Regeln, die zu weniger Kontakten führten, müssten verschärft werden, sagte Epidemiologe Dirk Brockmann. «Alle Modelle sind sich einig, dass das massiver und effektiver passieren muss.» Deutschland müsse in einer Phase kommen, in der die Inzidenz substanziell und schnell heruntergehe. So wie im Frühjahr.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will sich bereits für «weitere und schärfere Maßnahmen» einsetzen, kündigte er an. Er würde ein früheres Treffen der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Merkel befürworten.

«Der Aspekt mit den Toten bedrückt mich enorm», sagte RKI-Präsident Wieler. Sehr viele finden wir in Pflege- und Altenheimen.» Die Einrichtungen müssten besser geschützt werden. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, findet deutlichere Worte. «Die vielen Infektionen und hohen Todesraten unter den 900.000 Pflegeheimbewohnern sind vor allem auf mangelnde Hygiene zurückzuführen», kritisierte er. Es gebe kaum noch externe Kontrollen durch die Gesundheitsämter und weiterhin keine verpflichtenden Tests vor jedem Dienstbeginn und Besuch. «Das ist die toxische Mischung.» Bisher versagten Bund, Länder, Gemeinden und auch die Einrichtungen vor Ort bei dieser lebensentscheidenden Aufgabe.

Inkonsequenz beim Befolgen der Pandemie-Regeln in Deutschland kann für Wieler viele Gesichter haben: Firmen zum Beispiel, die gute Hygienekonzept für ihre Büros haben - doch dann treffen sich große Gruppen von Kollegen zum Mittagessen in der Kantine. «Es braucht mehr verantwortungsvolle Arbeitgeber», mahnte er. Und Homeoffice, wo es geht.

Es braucht aber wohl auch mehr verantwortungsvolle Bürger. Die Sonntagsausflüge im Dezember nahmen nach der RKI-Mobilitätsanalyse zum Beispiel kaum ab - ganz anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr. Weihnachten gab es weniger weite Reisen, doch insgesamt ging die Mobilität nach Brockmanns Analyse im Vergleich zum Vorjahr nur um 10 bis 15 Prozent zurück. Das reiche nicht.

«In allen Bereichen gibt es Luft nach oben», bilanzierte Wieler. Er zeichnet ein Bild für das Verhalten im Land: «Das ist, als ob Sie im Regen stehen, den Schirm nicht aufspannen und dann hinterher sagen, der Schirm funktioniert nicht.»

Im Moment ist zudem laut Wieler die Mutations-Situation in Deutschland noch nicht abschätzbar. Doch klar sei: Die ansteckenderen Virusvarianten hätten Reisende aus Großbritannien und Südafrika mitgebracht. Bislang gebe es rund 20 Belege in Deutschland. Deshalb Wielers Appell: Bitte wenn möglich nicht reisen!

Zum Schutz aller geht es darüber hinaus um Regeln, die der RKI-Chef seit Wochen gebetsmühlenartig wiederholt: möglichst wenige Menschen treffen, und wenn, dann am besten draußen. Abstand halten, Masken tragen, Händewaschen. Zu Hause bleiben und zu Hause arbeiten, wo und wann immer das möglich ist.

Doch die Realität sieht oft anders aus: Wenn die 83-Jährige im Supermarkt um 1,5 Meter Abstand an der Kasse bittet, wird sie in Berlin von anderen Kunden angeblafft - man trage doch schließlich Masken!

Das Impfen als Weg aus der Pandemie wird dauern. Mit 840 000 Menschen sei nun rund ein Prozent der Bevölkerung geimpft, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Damit habe der Weg heraus aus der Pandemie begonnen. Jeder muss jedoch zweimal geimpft werden. «Gleichzeitig sind wir noch in der schwersten Phase der Pandemie», sagte Spahn. Die Zahl der Infektionen und Toten sei sehr betrüblich. Wieler versuchte, es positiv zu formulieren: «Am Ende dieses Jahres werden wir die Pandemie kontrolliert haben.» Das sind noch elfeinhalb Monate - und wie viele Tote?

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1010 Kommentare
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  • 4
    2
    ralf66
    vor 10 Stunden

    @neuhier, ich unterstelle der Regierung auch Leben erhalten zu wollen, sehe genau wie Sie, dass dieser Virus nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, er zu langwierigen Gesundheitsschäden führen kann und viele Menschen verlieren durch Corona ihr Leben.
    Trotzdem kann man nicht ewig rumexperimentieren um die Fallzahlen zu senken!
    Wir hatten im Frühjahr einschränkende Maßnahmen die die Fallzahlen zum stehen brachten und fallen ließen, dass hielt dann vom Frühjahr bis in den Herbst hinein, seit November haben wir es wieder mit Einschränkungen in immer steigenden Maße zu tun, trotzdem steigen die Fallzahlen ständig, halten kurz, fallen leicht oder steigen dann wieder. Da sich nichts grundlegendes ändert, gehören die Maßnahmen auf den Prüfstand mit harter Analyse warum die getroffenen Maßnahmen nicht wirken, man kann nicht Maßnahmen ewig durchziehen die nichts bringen nicht helfen, denn die erheblichen Nebenwirkung dieser Maßnahmen sind ja auch unbedingt im Auge zu behalten.

  • 5
    0
    JochenV
    vor 10 Stunden

    Die Krux liegt wohl schon bei der "Inzidenzzahl". Die ist wohl einfach dysfunktional aufgestellt, also außerhalb ihres tatsächlichen Funktionszusammenhangs indiziert: Während die Inzidenzen (wenn es denn wegen des Fähigkeit/Nichtfähigkeit des PCR-Tests überhaupt welche sind) tatsächlich als Teilmenge der Testanzahl entdeckt werden und folglich in der Proportion zu der Testanzahl wiedergegeben werden müßten, erfolgt nun völlig außerhalb der Funktionalität der Sprung zur Einwohnerzahl... Klar, mehr Testen bringt anteilig auch höhere 'Positiv'zahl, und ohne dass auf die zugrunde liegende Steigerung der Testanzahl verwiesen wird, kommen dann diese davon künstlich isolierten Absolutwerte als Schocker "Inzidenzzahlen" daher ...Komisch, oder ?

  • 4
    3
    Echo1
    vor 12 Stunden

    @neuhier ich hätte Ihre Frage gern beantwortet

  • 3
    9
    neuhier
    vor 14 Stunden

    @Echo: Ich verstehe echt nicht die Frage, wie man daran Freude haben kann? Wenn ich eine Krebserkrankung habe, dann muss ich auch zur Chemo, obwohl da viele sicher keinen Spaß dran haben und auch drunter leiden, aber man muss es machen, wenn man leben will.

    Ich frage mich in diesen Zeiten oft, ob ich selbst in der Lage wäre, solche Entscheidungen zu treffen, die die Politik jetzt treffen muss. Und ich gebe offen zu: nein, das könnte ich nicht. Ich bin kein Virologe und kein Wirtschaftswissenschaftler, kein Psychologe und kein Arzt. Und viele in der Politik sind das auch nicht.

    Dies ist die erste Pandemie in diesem Ausmaß für uns alle. Alle fahren auf Sicht und viele getroffene Entscheidungen wird man nun mal leider erst im Nachhinein in richtig oder falsch einordnen können. Was man tun kann als Bürger, ist der Poltik zu unterstellen, im Grunde etwas Gutes erreichen zu wollen. Nämlich Leben zu retten und das Gesundheitssystem zu schützen. Das tue ich auf jeden Fall.

  • 12
    6
    Echo1
    vor 15 Stunden

    Es fand von Anfang an nie eine richtige demokratische Auseinandersetzung zu Covid19 statt. Nicht zwischen den Wissenschaftlern, nicht in den Medien, kaum zwischen den Politikern. Und es geht
    weiter. Es wird geschraubt und geschraubt
    an der der Einschränkung. Viele verstehen das nicht mehr. Viele ziehen nur den Kopf ein und wollen nichts mehr wissen und laufen und laufen. Zum Test und zur Impfbank. Und dann gibt es noch welche, die hinterfragen: Warum?
    Wem das alles gefällt, der hebe die Hand.
    Wie kann man an so etwas Freude haben.
    Unvorstellbar, dass es trotzdem einige wenige Gewinner der menschenverachten Krise gibt.

  • 5
    3
    vonVorn
    vor 17 Stunden

    Die Chance mit einem Lockdown etwas zu erreichen wurde verspielt. Ein härterer Lockdown jetzt ist nur ein Sargnagel für noch mehr Existensen. NIcht das Verhalten der Leute ist Inkonsequent, sondern diese monatelange Lockdownlight war Inkonsequent

  • 25
    10
    Echo1
    14.01.2021

    @Ralf die Fallzahlen. Was sagen uns die?
    Der Trainer von Dynamo Dresden und ein Spieler wurden positiv getestet. Keine Symptome. Die mussten sich testen lassen. Aber symptomlos. Allerhöchswahrscheinlich nicht krank.
    Viele müssen sich wiederholt testen lassen. Dann sind immer positiv getestete dabei.
    Und dann lassen sich viele testen aus Angst. Freiwillig. Vorsichtshalber, warum auch immer. Wie eine Nachbarin. Die ist nicht krank. Ist im Homeoffice. Und dann wird vielleicht auch die positiv getestet. Das potenziert sich. So erkläre ich mir das.
    Mit jeder Erkältungskrankheit wären vor einem Jahr bestimmt nicht jeder zum Arzt gegangen. Heute gehen Sie zum Test.

  • 29
    12
    censor
    14.01.2021

    Wenn der Patient bereits viel Blut verloren hat und hochgradig anämisch ist, dann muss man ihm eben noch einen Aderlass verordnen. Das nenne ich ärztliche Kunst in ihrer höchsten Form! Satire aus.

  • 50
    7
    typewriter
    14.01.2021

    Die Gleichung ist recht simpel: Je länger dieser Irrsinn anhält, umso weniger Leute halten sich an die Regeln.

  • 50
    4
    ralf66
    14.01.2021

    Erst Lockdown light, dann Lockdown, jetzt Lockdownverschärfungen- und Verlängerung und nichts ändert sich großartig an den Fallzahlen. Jetzt ist es aber mal an der Zeit eine richtige und vollständige Analyse zu treffen warum sich an den Fallzahlen nichts ändert, hier muss ehrlich und schonungslos analysiert werden oder man muss sich um der Wahrheit gerecht zu werden eingestehen, dass es mit den Lockdowns in dieser Form so nichts mehr wird, weiter rumexperimentieren was nun fruchtet und was nicht das geht nicht ewig so weiter.