RKI warnt vor Corona-Wendepunkt - Lockerungen in Gefahr

Ansteckendere Varianten des Coronavirus machen das Eindämmen der Pandemie schwerer als befürchtet - Experten schwant schon ein Ende der jüngsten Entspannung. Was bedeutet das für Ostern?

Berlin (dpa) - Nach monatelangem Corona-Lockdown geraten Hoffnungen auf schnelle weitergehende Öffnungen zusehends in Gefahr. Das Robert Koch-Institut (RKI) warnte am Freitag, dass der seit einigen Wochen erreichte Rückgang der Neuinfektionen auch angesichts ansteckenderer Virus-Varianten wohl ins Stocken komme.

«Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt», sagte Präsident Lothar Wieler in Berlin. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnte erneut zu Vorsicht bei weiteren Lockerungsschritten, bei denen es keinen Automatismus geben könne. Die Impfungen sollen nach Kritik am schleppenden Start weiter Fahrt aufnehmen - auch mit einem neuen Regierungsbeauftragten.

Spahn sagte: «Das Virus gibt nicht einfach auf.» Das Bedürfnis nach einem Ende des Lockdowns sei greifbar. Bei Öffnungen gelte es aber, behutsam vorzugehen, um Erreichtes nicht zu gefährden. Wieler sagte, die Fallzahlen stagnierten, in vielen Bundesländern sei ein Plateau entstanden. Doch das sei zu hoch. «Jede unbedachte Lockerung beschleunigt das Virus und wirft uns zurück. Dann stehen wir in ein paar Wochen genau wieder an dem Punkt, wo wir Weihnachten waren.» Das Virus habe einen Schub («Boost») erhalten, Schutzmaßnahmen wirkten aber auch gegen neue Varianten. Es gebe keinen Grund zur Entmutigung.

Bundesweit lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen nun laut RKI bei 56,8 - und damit geringfügig niedriger als am Vortag (57,1). Schon in den Tagen zuvor hatte es keinen deutlichen Rückgang dieser Sieben-Tage-Inzidenz mehr gegeben. Der Höchststand war kurz vor Weihnachten mit knapp 200. Bund und Länder streben 50 an, weitergehende Öffnungen sollen dann bei stabil weniger als 35 möglich sein. Es gibt beim Niveau aber nach wie vor regionale Unterschiede - von 41 in Baden-Württemberg bis 117 in Thüringen.

Wieler hält niedrige Inzidenzen regional für machbar. «Man kann diese Zahl von 35 erreichen.» Dafür gebe es schon Beispiele in Landkreisen. Auch Spahn verwies auf regionale Konzepte für Lockerungen - oder eben nötige Schutzauflagen. Dabei löse bereits der Beginn von Schulen und Kitas in mehreren Ländern in der kommenden Woche «Mobilität in sehr großem Umfang» aus - mit Millionen Kindern, dazu Eltern, Lehrkräften und Erzieherinnen. Daher sei zu schauen, wie sich dies nach einer Woche oder zehn Tagen im Infektionsgeschehen niederschlage. So gern man ein Vorgehen nach dem Motto «Schritt eins, eine Woche später Schritt zwei» hätte, gehe ein solcher Automatismus aber nicht.

Stagnierende Fallzahlen beobachten auch Wissenschaftler im Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. System-Immunologe Sebastian Binder hält es für möglich, dass sich eine bundesweite 50er-Inzidenz im Moment gar nicht erreichen lässt. «Diese Gefahr ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. Aktuell sehen wir mindestens ein Plateau in der Entwicklung der Fallzahlen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Ein kausaler Zusammenhang mit der Virus-Variante B 1.1.7. lasse sich dabei noch nicht sicher nachweisen. Er liege aber nahe. «Wir müssen damit rechnen, dass die neue Variante sich möglicherweise bereits wieder exponentiell ausbreitet, ähnlich, wie es die alte Variante im Oktober 2020 tat.»

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach von einer Gratwanderung zwischen Sorgen und Wünschen. Gebraucht werde kein «starrer Stufenplan, aber eine Öffnungsmatrix, die ein breites Instrumentarium bietet, um entsprechend zu reagieren». Hierzu zähle ausdrücklich die Option, bei Verschlechterungen schnell zu reagieren. «Ostern ist noch völlig offen. Der Osterurlaub entscheidet sich in den nächsten drei Wochen», sagte Söder nach einer Videokonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und 96 bayerischen Kommunalpolitikern. In Nordrhein-Westfalen sollen an diesem Montag mehrere Lockerungen etwa bei bisherigen Einschränkungen des Freizeitsports kommen.

In die Impfungen komme deutlich mehr Geschwindigkeit hinein, sicherte Spahn zu. Bisher seien fast fünf Millionen Dosen verabreicht worden, bis Ende nächster Woche dürften insgesamt zehn Millionen Dosen an die Bundesländer ausgeliefert worden sein. Daher seien nun Vorbereitungen nötig, die Kapazitäten der regionalen Impfzentren in den Ländern von derzeit bis zu 150 000 Impfungen am Tag in wenigen Wochen mindestens zu verdoppeln. In den Blick kommen soll dann bald auch ein Einbeziehen der normalen Arztpraxen. Spahn stellte aber klar, dass dafür noch kein genaues Datum wie etwa der 1. April zu nennen sei.

Um einen stärkeren Ausbau der Impfstoffproduktion in Deutschland zu unterstützen, setzt die Bundesregierung einen Sonderbeauftragten ein. Die beim Wirtschaftsministerium angesiedelte Koordinierungsaufgabe soll der Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Christoph Krupp, übernehmen, wie Spahn bestätigte. Laut Finanzministerium soll Krupp befristet teils dafür freigestellt werden, eine Arbeitsgruppe zu leiten. Zuerst berichtete das Magazin «Der Spiegel» darüber.

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1212 Kommentare
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  • 5
    5
    743448
    19.02.2021

    @paral: Die Russen können und wollen gerade nicht liefern. Denen fehlen eigene Produktionskapazitäten und die EU kann Russland auch nicht zwingen, ihren Impfstoff in der EU zuzulassen. Das gleiche gilt auch für China.

  • 14
    2
    Mittelständisch
    19.02.2021

    Wieso findet man in der Freien Presse eingetlich kein Wort dazu das Horst Kretzschmar, Sachsens Polizeipräsident, vielleicht angesichts der tief stehenden Sonne ein Erleuchtung hatte und zurück ruderte mit den Worten:

    "Sie dürfen eine Sonnenbrille tragen. Sie dürfen einen Hut tragen. Sie dürfen diese auch in Verbindung mit einer Maske tragen."

    https://www.mdr.de/sachsen/corona-verwirrung-maskenpflicht-fahrzeug-sonnenbrille-kopfbedeckung-erlaubt-100~amp.html

  • 7
    6
    oesil
    19.02.2021

    @872889

    Carl XVI. Gustaf hat das, was unserer Regierung fehlt.

    Einsicht !!!

  • 8
    8
    JochenV
    19.02.2021

    Wende im Corona-Geschehen ? Heißt das, Ihr habt nen gewaltigen Testaufschwung laufen mit anteilig auch mehr Positivtests, die ihr aber dann vom Testanstieg als Ursache lostrennt und als absolute Zahl der Einwohnerschaft unterjubelt gemäß dem Blockbuster-Drehbuch JohnsHopkinsU mit dieser Falschstellung der Inzidenzzahl ? Dabei könntet Ihr doch sehr wohl als Anzeiger der Infektiosität statt dieser falschgestelten Zahl >>> den schnörkellose Transparenz gewährleistenden Quotienten *Positivtests/Gesamtzahl der Tests* verwenden, und schon wäre Schluß mit dem Blockbuster-Hokuspokus. Oder wirken hier fremden Interessen ? Ist nur ne Frage...

  • 18
    20
    872889
    19.02.2021

    @censor: „Ich glaube, wir haben versagt. Viele Menschen sind gestorben und das ist furchtbar. Das schwedische Volk hat enorm gelitten." Zitat Carl XVI. Gustaf, König von Schweden an Weihnachten 2020.

  • 21
    10
    paral
    19.02.2021

    Ein beliebtes Verfahren, wenn man nicht mehr weiter weiß, ist die Bildung eines Arbeitskreises. Man kann auch einen Sonderbeauftagten bennennen. Der Mann kann einem leid tun.Er wird der Prügelknabe der Nation sein, denn alle werden stellvertretend für das Versagen der Politik auf ganzer Linie, auf ihn eindreschen. Er ist kein Zauberer, woher die zusätzlichen Impfdosen? Die Pharmaindustrie verweist auf die geltenden Verträge, unprofessionell ausgehandelt zugunsten der Lieferanten, bei fast freier Preisgestaltung. Russischer Impfstof? Igitt, geht gar nicht. Also wird das Dilemma weiter verwaltet. Ich kann nicht glauben, daß ein Bundesminister sagt: "Das Virus gibt nicht einfach auf." Echt jetzt? Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, das RKI ist eine Bundesbehörde, der Wieler Spahn weist den Wieler an. Da kann man sich eine echte Debatte sparen. Armes Deutschland, es geht immer schneller bergab!

  • 34
    5
    Annett1610
    19.02.2021

    Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass der Lockdown vielleicht bis Juni geht. Dann kommt der Sommer und vielleicht 3 Monate etwas mehr Freiheit. Im Oktober beginnt, wenn wir Pech haben alles von vorn. Es sei denn, es gibt endlich etwas mehr Tempo bei den Impfungen. Hoffentlich.

  • 46
    11
    chemnitzmischa
    19.02.2021

    Der Satz "Das Virus gibt nicht einfach auf" lässt gleich in mehrfacher Hinsicht eine eklatante Amtsinkompetenz des Bankkaufmanns Spahn vermuten.

    Da ist erstens der wissenschaftliche Unsinn der Aussage.

    Zweitens zeigt die Absicht, auf diese Weise Ängste zuerzeugen, seine Führungsunscherheit. Offenbar sieht er sich nicht in der Lage, mit Argumenten und Fakten von seiner Agenda zu überzeugen.

    Und drittens vesucht Spahn, vom eklatanten Versagen der Exekutive abzulenken: peinliche Versäumnisse im Vorfeld (Versorgung mit Schutzausrüstung, Lauterbachsche Fordeungen nach Krankenhausschließungen, Pflegenotstand), organisatorisches und kaufmännisches Chaos (Impforganisation und Beschaffung, Dogitalisierung, Pfusch-App), mangelnde Evidenzbasis durch fehlende Forschung (Infekttionswege, Todesursachen, Schutzwirkung von Maßnahmen, Dunkelziffern, HYgienestrategien in Shculen/Kitas), politisch fragwürdiges Vorgehen (MP-Kanzlerrunde vs. Parlament, Bürgerrechte).

  • 49
    15
    KTreppil
    19.02.2021

    Im November wurden wir in den Lockdown ligth geschickt nur um angeblich die Welle zu brechen. Ich kann mich an Ausführungen von Experten erinnern, die davon sprachen, man müsse so den Anstieg bremsen, um in etwas wie ein Plateau zu kommen. Nun wird so ein Plateau als bedenklich gesehen. Schon klar, aber was nun, was noch? Und welche "alte Variante" wars im Oktober? Also auch schon eine Variante der Variante, vielleicht war es ja auch im Oktober schon eine gefährlichere Mutation, die "deutsche Variante", könnte ja möglich sein. Alles in allem denk ich, wir haben kapiert, Ostern wird nix, müssen schon froh sein, wenn Friseure öffnen dürfen. Was plagt uns mehr, die immer neuen Varianten oder die immer neuen Panikattacken der Experten? Dem Gastwirt u.a. Lockdown Geplagten wird es egal sein warum er aufgeben muss.

  • 43
    27
    marvelino
    19.02.2021

    @censor: Ebenfalls komisch... aktuelle Inzidenz in Schweden: 222,2. Ca. soviel, wie hierzulande zu Weihnachten. Diesbezüglich schau ich mal lieber nicht nach Schweden. Funktionieren ist bei mir etwas anders!

  • 57
    47
    censor
    19.02.2021

    Komisch, dass das RKI immer dann warnt, wenn Lockerungen eigentlich unausweichlich sind. Gebt doch einfach zu, dass ihr nicht lockern wollt.

    Warum, darüber sind Spekulationen keine Grenzen gesetzt, und ich liege wohl nicht falsch, wenn ich vermute, dass man im Berliner Olymp höllische Angst davor hat, den Scherbenhaufen im Ganzen zu sehen, den man mit der Lockdownpolitik erzeugt hat.

    Schaut nach Schweden, dort hat man seine Bevölkerung nicht entmündigt und mit Zwangsmaßnahmen gequält. Man fuhr auch nicht die Wirtschaft an die Wand und erzeugte Milliarden Kollateralschäden.
    Man nahm die Bürger mit ins Boot und behandelte sie wie mündige Menschen. Und es funktionierte.

    Warum glaubt man in Deutschland immer wieder, man könne nur mit Dauerpanik und immer neuer Angsterzeugung eine Pandemie bekämpfen? Angst ist Stress, und Stress macht krank.
    Gebt den Menschen endlich Hoffnung und das zurück, was von ihrem Leben noch übrig ist. Es ist für viele wenig genug.

  • 54
    10
    Chiemsee
    19.02.2021

    "Das Virus gibt nicht einfach auf" - das hat Herr Spahn jetzt nicht wirklich gesagt, oder?