Rotarier beklagt schlechte Vorbilder in Politik und Wirtschaft

Mit Kritik an den gesellschaftlichen Eliten haben Mitglieder der Rotary- Organisation auf die Chemnitzer Ereignisse im Herbst 2018 reagiert.

Chemnitz.

Bei einer Tagung des Rotary-Distrikts 1880, dem 3440 Mitglieder in 69 Clubs von Görlitz bis Regensburg angehören, hat der frühere Brigadegeneral Armin Staigis am Samstag in Chemnitz mehr Verantwortungsgefühl in Politik und Wirtschaft angemahnt. Der Politologe Sebastian Liebold forderte einen breiteren gesellschaftlichen Dialog, der nicht wohlsituierte Menschen stärker einbezieht, deren Haltungen und Interessen in maßgeblichen Debatten oft nicht vertreten sind.

Rotary ist eine über 100 Jahre alte, internationale Organisation von Wohltätigkeitsklubs, deren Mitglieder freundschaftliche Beziehungen pflegen und humanitäre Ziele verfolgen. Distriktschef Wilhelm Dietl aus Cham in der Oberpfalz bezeichnete die Chemnitzer Veranstaltung, an der 71 Rotarier teilnahmen, als gelungenes Experiment: "Wir Rotarier sind nicht unpolitisch. Wir sind nur unparteipolitisch!"

Bei der vom früheren Chemnitzer Schauspieldirektor Hartwig Albiro moderierten Veranstaltung wurde die erkrankte Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig von Finanzbürgermeister Sven Schulze vertreten. "Chemnitz ist heute ein Synonym für eine unruhige Stadt, einer kommunalen Stress- und Konfliktsituation par excellence", sagte Schulze. Die Demonstrationen und rechtsnationalen Aufzüge seien "quasi über Nacht" über eine "offene, tolerante und friedliche Stadt" gekommen. "Das Ereignis vom 26. August war für uns wie eine Vollbremsung", sagte Schulze. "Es hätte überall passieren können."

Nicht überall, aber in Städten mit ähnlichen Voraussetzungen, widersprach Frank Asbrock, Sozialpsychologe der Technischen Universität Chemnitz. Er stellte die Ergebnisse einer neuen Studie vor, die nach der Bereitschaft der Chemnitzer fragte, an Demonstrationen teilzunehmen. Etwa 70 Prozent von 500 Befragten erklärten, an Veranstaltungen gegen Fremdenfeindlichkeit nicht teilnehmen zu wollen. Mehr als 80 Prozent würden aber auch nicht gegen Flüchtlinge auf die Straße gehen. Als Auslöser für ein Engagement gegen Migranten machten die Forscher vor allem Bedrohungsgefühle aus. Ein positiver Kontakt zu Migranten und ein hohes subjektives Sicherheitsgefühl wirkten gegen die Ausländerangst.

Der syrische Kurde Younes Bahram, 1985 in die DDR gekommen und in Dresden wohnhaft, forderte auch von den Westeuropäern eine Art Integration: "Die Globalisierung wurde hier ausgelöst, also haben wir auch Pflichten hier." Bahram berichtete von früheren Angeboten aus den kurdischen Gebieten Syriens und des Iraks, den Flüchtlingen vor Ort zu helfen. Das sei damals auf taube Ohren gestoßen. "Viele Menschen, die dann hergekommen sind, wollten eigentlich gar nicht weg."

Der Chemnitzer Finanzbürgermeister berichtete von Initiativen der Stadt für mehr Dialog, mehr Zusammenhalt, mehr Sicherheit. Für ein Fazit sei es zu früh, aber die Zusammenarbeit von Stadt, Land und Polizei funktioniere jetzt besser, wobei Chemnitz nach wie vor eine der sichersten Großstädte sei. Die Zivilgesellschaft sei gut vernetzt, es gebe engagierte Vereine. Die "schweigende Mehrheit" forderte Schulze auf, Gesicht zu zeigen: "Es ist Zeit, die Zuschauerränge zu verlassen und aufs Spielfeld zu gehen!"

Der frühere Kommandeur der Jägerbrigade 37 "Freistaat Sachsen" in Frankenberg, Armin Staigis, rückte dieses Gebot in einen größeren Zusammenhang: Deutschland habe nach dem letzten Krieg eine "zweite Chance auf Freiheit und Demokratie" erhalten, zitierte er den Historiker Fritz Stern. Auf Herausforderungen mit Rückzug, mit nationaler Abgrenzung und Zukunftsangst zu reagieren, sei fatal. Er sehe Anzeichen, dass sich der Kapitalismus der Demokratie entledige. "Im Mittelpunkt der Wirtschaft steht der Mensch. Die Würde des Menschen ist eine zerbrechliche Idee, die geschützt werden muss. Wir müssen die Qualität und Integrität der öffentlichen Debatte wiederherstellen, die durch Häme, Hass und Härte entstellt worden ist. Die Verächtlichmachung der Demokratie darf nie bequemer werden, als für sie einzustehen!"

Der aus Afghanistan stammende, usbekischstämmige Chemnitzer Politologe Shahrukh Belem berichtete, wie er mit 14 Jahren hier ankam und gefördert wurde, aber auch auf Widerstände traf. Als er Abitur machen wollte, sei er von einem Mitarbeiter der Bildungsagentur mit dem Satz abgewimmelt worden: "Sie werden sowieso abgeschoben, warum bleiben Sie nicht zu Hause?" Inzwischen ist Belem deutscher Staatsbürger und arbeitet an seiner Promotion.

Der Chemnitzer Buchhändler, Philosoph und Historiker Klaus Kowalke hatte in der Zeit des Chemnitzer Herbstes in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein viel beachtetes Interview gegeben. Dazu hätten ihn 320 Zuschriften erreicht, alle positiv, berichtete er. In einem Vortrag, der den Weg der menschlichen Gemeinschaft von den Ursprüngen her nachvollzog, charakterisierte er den Nationalstaat als eine nur kurzfristige Menschheitsidee. Politik als "Verwaltung des Zusammenlebens" sei Teil der Kultur, und Demokratie die beste Form der Selbstverwaltung.

"Chemnitz ist nicht im Krieg, aber auch nicht im Frieden" resümierte Wilhelm Dietl, der Chamer Governor des Rotary-Distrikts. Die Organisation werde auch weiterhin politisch "Flagge zeigen".

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