Russenmafia: Die unheimliche Bruderschaft der Diebe

Das Bundeskriminalamt warnte im Sommer vor einer Ausbreitung der Russenmafia. Am Mittwoch gab es Razzien in drei Bundesländern. Eine Gruppe gilt als besonders gefährlich.

Dresden.

Ein Dieb geht keiner Arbeit nach und gründet keine Familie. Von Eltern und Geschwistern sagt er sich los. Ein Dieb hält Versprechen gegen andere Diebe ein und trinkt nie bis zur Besinnungslosigkeit. Mit der Obshyak, der Schwarzkasse, in die sie alle einzahlen, stehen Diebe füreinander ein.

Nach solchen Regeln verfährt die geheime Bruderschaft der "Diebe im Gesetz", die Holger Münch, der Chef des Bundeskriminalamtes (BKA), zu den gefährlichsten Gruppierungen der Organisierten Kriminalität in Deutschland zählt. Die "Diebe" stammen aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Ihre Zahl hierzulande wird auf mehr als 10.000 geschätzt. Vor fünf Jahren urteilte der Bundesgerichtshof über eine von der Polizei ausgehobene "Diebes"-Struktur, es handele sich um eine kriminelle Vereinigung im Sinne des Strafgesetzbuches.

Dass die von der Polizei so genannte "Russisch-eurasische Organisierte Kriminalität" (REOK) gerade verstärkt in den Westen expandiert, hatte BKA-Chef Münch im Juli der "Welt am Sonntag" gesagt. Ebenfalls im Juli veröffentlichte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages eine Studie zur REOK in Gestalt der "Diebe im Gesetz". Kriminalisten vergleichen die Organisationsstrukturen der "Diebe" mit jenen der italienischen Mafia. Sie sind straff und hermetisch strukturiert. Der Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen, Tom Bernhardt, betont den hierarchischen Aspekt: "Die ,Diebe' sind die Oberen in der kriminellen Hierarchie, so eine Art Paten."

Als Operationsbasis dienen den "Dieben" vor allem Haftanstalten, auch in Deutschland. Acht bis zehn Prozent der derzeitigen Insassen, rund 5000 Personen, sind laut BKA-Chef Münch russischsprachig oder russischstämmig. Nicht alle seien der REOK und den "Dieben im Gesetz" zuzurechnen, doch zeige sich ein großes Rekrutierungspotenzial.

Die Wurzeln der Gruppe sollen bis in die russische Zarenzeit zurückreichen. Andere bringen die Entstehung der "Diebe" mit Lenins Neuer Ökonomischer Politik ab 1921 in Verbindung, die im jungen Sowjetreich zu einem Aufblühen der Schattenwirtschaft führte. In den Lagern der Stalinzeit perfektionierten die "Diebe" ihr System.

Eine Generation von "Modernisierern" erschloss den "Dieben" in den 1980er-Jahren neue illegale und auch zunehmend legale Geschäfte. 15 russischsprachige "Diebe im Gesetz" sollen sich 1997 in Deutschland aufgehalten haben, schreibt der Wissenschaftliche Dienst. Die Vernetzung von russisch-eurasischen mafiaähnlichen Strukturen innerhalb und außerhalb des Strafvollzuges habe deutschen Ermittlungsbehörden spätestens um das Jahr 2000 herum als Faktum gegolten.

Die gestrige Razzia sollte der REOK und den "Dieben" auch ein Signal senden, dass die Polizei sie in Zeiten der Terrorgefahr im Auge behält. "Wir werden ihnen keine Freiräume zur Entfaltung lassen", sagte Jörg Michaelis, Präsident des Sächsischen Landeskriminalamtes.


Polizei, Spezialkräfte, GSG 9: Razzia gegen Ost-Mafia

Nach sächsischen Ermittlungen haben am Mittwoch Polizei und Spezialkräfte in drei Bundesländern zehn Männer dingfest gemacht. Der Schlag galt einer brutalen Erpressertruppe.

Sie sollen Landsleute aus Osteuropa mit massiven Drohungen und roher Gewalt um viel Geld erpresst haben, um damit die Kasse ihrer Bande zu füllen und ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten: 16 Tatverdächtige, von denen zehn am Mittwoch festgenommen wurden. Vom Landeskriminalamt Sachsen werden sie der Russisch-Eurasischen Organisierten Kriminalität (REOK) zugerechnet.

An 22 Orten in Sachsen, Thüringen und Rheinland-Pfalz griffen die Einsatzkräfte ab sechs Uhr morgens zu. In Dresden wurden zehn Objekte durchsucht, in Leipzig fünf, in Pirna und Radeberg je zwei. Zeitgleich erfolgten Zugriffe in Gotha und Konz bei Trier.

Elf der 16 tatverdächtigen Männer zwischen 21 und 48 Jahren sind Tschetschenen. Zwei sind Russlanddeutsche, einer Ukrainer, einer Armenier, einer Kasache. Bei der Durchsuchung von Wohnungen, einiger Nebengelasse und auch zweier Asylbewerberheime stellte die Polizei mehrere Computer, Tablets und Notebooks sicher, außerdem Datenträger, Handys, Unterlagen und Akten, diverse Waffen, fünf Fahrzeuge und mehrere Tausend Euro Bargeld. Von den vorliegenden zehn Haftbefehlen wurden neun realisiert. Die ersten Vorführungen beim Haftrichter fanden am Mittwoch statt.

An der Razzia waren Sondereinsatzkräfte von vier Länderpolizeien und der Bundespolizei - die GSG 9 - beteiligt. Innenminister Markus Ulbig (CDU) nannte den gestrigen Zugriff einen Beleg für den konsequenten Kampf des Freistaats Sachsen gegen Organisierte Kriminalität und für die bundesweit funktionierende Kooperation der Sicherheitsbehörden.

Die Zuordnung der Tatverdächtigen zur Russisch-Eurasischen Organisierten Kriminalität ergibt sich nach Angaben des Landeskriminalamtes aus den Gesamtumständen. Nach Auskunft von LKA-Sprecherin Kathlen Zink finden Einsätze dieser Größenordnung mehrmals im Jahr statt. Wie aus dem kürzlich veröffentlichten "Bundeslagebild Organisierte Kriminalität" des Bundeskriminalamtes (BKA) für das Jahr 2015 hervorgeht, waren knapp sechs Prozent aller OK-Ermittlungsverfahren der REOK gewidmet. Bundesweit gab es 33 derartige Verfahren. Der Schaden durch die REOK wurde auf 424 Millionen Euro beziffert.

Das wahre Ausmaß der Organisierten Kriminalität, auch der aus dem russisch-eurasischen Raum, liegt im Dunkeln. Für 2015 geht das BKA von 14 russisch dominierten OK-Gruppierungen in Deutschland aus. Den Gruppen gehören in der Regel Personen unterschiedlicher Staatsangehörigkeiten an. BKA-Chef Holger Münch warnte im Sommer öffentlich vor einer Expansion der "Russenmafia" im Westen. Der Zeitung "Die Welt" sagte Münch, dass sich die Organisation auf Kriminalitätsfelder werfe, die bisher für die Organisierte Kriminalität eher untypisch gewesen seien. Stünden bisher Drogen- und Eigentumsdelikte im Vordergrund, komme es nun auch zu massenhaft verübten Wohnungseinbrüchen und Ladendiebstählen.

Die am Mittwoch Festgenommenen halten sich mehrheitlich als Asylbewerber in Deutschland auf. Gegen sie besteht der Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung, gemeinschaftlicher räuberischer Erpressungen, Bedrohungen, Freiheitsberaubungen und Körperverletzungen.

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3Kommentare
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  • 1
    0
    BlackSheep
    04.11.2016

    @Katracer, man sollte Themen die nicht zusammengehören auch nicht vermengen.

  • 4
    0
    saxon1965
    03.11.2016

    Es wäre interessant, wenn die FP berichten würde was aus den neun, dem Haftrichter vorgeführten, Asylsuchenden wird.
    Ob es unser Rechtssystem zulässt, dass diese automatisch ihr Recht auf Asyl verlieren?
    Ob diese Kriminellen, nach evtl. Verbüßung ihrer Strafe, konsequent abgeschoben werden und mit einem Wiedereinreiseverbot belegt werden?
    Wer die für den deutschen Staat entstandenen Kosten trägt und ob die Geschädigten entschädigt werden?

  • 4
    2
    kartracer
    03.11.2016

    Da gerne zwischen den "bösen" Russen und der
    "guten" Ukraine differenziert wird, sollte das doch bitte auch
    in der Kriminalität geschehen!
    Wo landet das meiste Diebesgut, insbesondere Autos,
    in der Ukraine und in Litauen, mit der Brücke über Polen.
    Korrekt geht anders!



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