Schule ohne Zensuren - Hessen startet Pilotprojekt

Heute werden in Sachsen die Halbjahreszeugnisse verteilt. Hier stehen darauf ab der zweiten Klasse Noten. Doch diese haben viele Kritiker.

Dresden/Radeberg.

Ein Versuch mit Sprengkraft: Ab dem nächsten Schuljahr gibt es an einigen Schulen in Hessen keine Zensuren mehr. Statt von Eins bis Sechs wird dann mit Worten bewertet - diese schriftlichen Bewertungen sollen eine individuellere Förderung ermöglichen und den Leistungsdruck entschärfen. Damit wird eine Forderung der Grünen umgesetzt. Zunächst werden 30 Schulen pro Jahr in das Projekt aufgenommen, in dieser Legislaturperiode also höchstens 150. Die neue schwarz-grüne Landesregierung geht damit einen Schritt, der von vielen Organisationen schon seit langem gefordert wird. Denn auch wenn sie zum Unterricht gehören wie das Brot zur Butter - umstritten sind Zensuren allemal.

"Noten sind nicht in der behaupteten Weise für das Lernen nützlich - und sie sind erst recht nicht nötig." Zu diesem Ergebnis kam der Grundschulverband, der größte Fachverband von Grundschullehrern in Deutschland, schon im Jahr 2006, als er sich in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Thema auseinandersetzte. Gründe zählt der Verband viele auf, zum Beispiel mangelnde Vergleichbarkeit, ungerechte Bewertung und fehlende Objektivität. Seitdem flammt die Kritik an Schulnoten immer wieder auf, etwa als 2017 die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) deren Abschaffung forderte.

Doch längst nicht jeder sieht das so. Für René Michel, Oberschullehrer in Radeberg, bieten Noten durchaus die Möglichkeit, etwas über die Lernfähigkeit der Schüler auszusagen. "Ich kann mit einer Note messen, ob der Schüler meine vorher definierten Anforderungen erfüllen kann", meint er. Unterstützung bekommt der Lehrer vom sächsischen Kultusministerium. "Wer Noten abschafft, der schafft auch das Leistungsprinzip von Schule ab", sagt Susann Meerheim, Sprecherin des Ministeriums. Auf die Kritik, Noten seien ungerecht und nicht objektiv, verweist das Kultusministerium auf die Verantwortung der Schulleiter. Diese seien für die Einhaltung der allgemeinen Grundsätze der Notengebung verantwortlich. Bei Unklarheiten in der Notengebung sei außerdem immer ein Gespräch zwischen Schülern beziehungsweise Eltern und Lehrer möglich.

Doch dass eine gute Organisation allein eine ungerechte Bewertung nicht verhindern kann, das will eine Studie aus dem Jahr 2011 herausgefunden haben. Unterschiede in der Benotung werden demnach zwar am stärksten durch die Leistung beeinflusst. Sowohl der soziale Status als auch der Bildungsstand der Eltern spielten dabei aber auch eine große Rolle. Kinder aus bessergestellten Familien bekommen mitunter bei gleichen Leistungen bessere Noten. Allerdings gilt diese Untersuchung nur für schriftliche Tests. Mündliche Kontrollen oder die Benotung von Hausaufgaben wurden in der Studie nicht berücksichtigt.

Viele Lehrer haben deshalb Methoden entwickelt, um solche Effekte zu verhindern. René Michel versuchte in seinem Referendariat, die Arbeiten anonymisiert zu bewerten. Seine Schüler sollten sich Zahlenkombinationen ausdenken und nur diese auf die Arbeiten schreiben. Heute macht er das nicht mehr. "In der Routine, wenn ich 27 Aufsätze hintereinander korrigiere, schaue ich ohnehin nicht mehr auf die Namen", sagt er. Außerdem versucht er bei der Korrektur verschiedene Fächer abwechselnd zu bearbeiten.

Ob und wie Unterricht ohne Zensuren geht, das wird jetzt in Hessen getestet. Aber auch in anderen Bundesländern gibt es solche Methoden bereits. Gerade an Schulen von privaten Trägern werden häufig alternative Lern- und Benotungsmodelle eingesetzt. Doch ohne Probleme sind auch diese Methoden nicht, meint René Michel. Gerade die schriftliche Beurteilung von Stärken und Schwächen sei zwar eine gute Sache, in der Praxis aber kaum umsetzbar. "Im laufenden Geschäft ist das schon rein zeitlich nicht möglich", sagt der Lehrer. Um eine schriftliche Beurteilung richtig zu machen, müsste er Lerntagebücher für alle Schüler schreiben - am besten wöchentlich. Und dass es nicht ganz ohne Noten geht, das ist auch der Hessischen Landesregierung bewusst. Deshalb bekommt bei dem Pilotprojekt jeder Schüler mindestens einmal in der Schullaufbahn Zensuren - auf dem Abschlusszeugnis. Das benötigen sie schließlich für Bewerbungen bei Unternehmen und an Universitäten.

Bewertung des Artikels: Ø 3 Sterne bei 1 Bewertung
13Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 7
    3
    BlackSheep
    15.02.2019

    Mal wird sich beschwert das die Schüler die von der Schule kommen den Druck des Arbeitslebens oft nicht standhalten, dann versucht man in der Schule möglichst viel Druck von den Kindern zu nehmen, wiederspricht sich für mich schon. Wie soll man lernen mit Druck umzugehen wenn man nie Druck aushalten musste?

  • 5
    2
    Freigeist14
    15.02.2019

    Wer sich über kleine Fehler lustig machen will sollte zumindest die Komma- Regeln beherrschen .

  • 4
    4
    acals
    15.02.2019

    Rechtschreibung zu beherrschen ist ein hohes Gut. Unsere Kinder lernen das heute schon in der Grundschule. Davon zerren, eh sorry, zehren sie ein Leben lang. Wenn man ueber eigene Fehler und Manko noch reflektieren kann, ist Hopfen und Malz noch nicht verloren. Wer das nicht kann, der allerdings auch.

  • 10
    2
    Freigeist14
    15.02.2019

    Die ganz Gescheiten im Forum schimpfen mal wieder auf sozialistische Experimente ,wobei davon kein Wort fiel -alte Reflexe funktionieren und nicht zur Kenntnis genommen werden will,von welchen Pädagogen mit welcher Ausbildung und Erfahrung im Osten seit 29 gezerrt wird . Da hilft auch keine Abwerbung und Verbeamtung . Ich bin froh, daß die Klassenlehrerin meines Kindes in der Grundschule schon zu den reiferen Semestern -kurz vor der Rente - zählte .

  • 5
    15
    hartmann856
    15.02.2019

    @Blackadder: So sind sie die, neuen selbsternannten „Freigeister“ und „Hinterfrager“. Von nix eine Ahnung aber zu allem eine Meinung. Warum sachlich und fundiert diskutieren, wenn man doch so schön nach unten treten und nach oben nörgeln kann? Früher war doch alles besser. ;) Statt Verantwortung zu übernehmen und sich in der Gestaltung der Zukunft konstruktiv einzubringen, kann man sich doch so schön in der Opferrolle zurücklehnen und dem Zynismus frönen.
    Offensichtlich hat nicht nur „Lesemuffel“ den Artikel nicht gelesen? Es geht doch den Kritikern gar nicht darum, Bewertungen oder eine Leistungsorientierung abzuschaffen, sondern darum den Schülern differenzierter Rückmeldung zu geben, schwache Schüler besser zu fördern und soziale Ungerechtigkeiten besser zu erkennen und auszugleichen. Es ist doch nicht weniger Arbeit oder Engagement erforderlich, wenn der Schüler eine differenzierte textuelle Bewertung statt einer Zahl zwischen 1 und 6 erhält. Das Rad wäre heute noch nicht erfunden, wenn nicht die bewährten Transportvehikel hinterfragt worden wären.

  • 9
    5
    Franziskamarcus
    15.02.2019

    Na da wird Hessen im Bildungsmonitor die grün-sozialistisch geführten Bundesländer bald eingeholt haben. Überholen statt einzuholen, und das sogar im Rückwärtsgang. Glück auf,genossen!

  • 7
    5
    Lesemuffel
    15.02.2019

    Das Schöne an so einem Forum ist die freie Meinungsäußerung. Leider kommt es manchmal zu Fake News. Macht nichts. Wer zweifelt, kann im Net nachprüfen. In finnischen Schulen gibt es von Kl. 1-4 verbale Bewertungen, von Kl. 5-7 können Zensuren erteilt werden, ab Kl. 8 erfolgt die Leistungsbewertung generell durch Benotung.

  • 5
    18
    Blackadder
    15.02.2019

    @Freigeist14: Der ging leider nach hinten los:

    "In Finnland, dem Land, das nach wie vor an der Spitze der Leistungsvergleiche steht, legen die Schüler die ersten verbindlichen Tests erst mit 16 Jahren ab. "

    https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2014-02/schulnoten-bildung-leistungsbeurteilung/seite-2

    Ansonsten wie so oft hier im Kommentarbereich: viel viel Meinung, ganz wenig Ahnung. Und schon gar keine eigene Erfahrung.

  • 15
    8
    Freigeist14
    15.02.2019

    Finnland kann bei solchen Neuerfindungen des Rades nur die Stirn runzeln. Arbeitet man doch mit einem erfolgreichen Bildungssystem. Woher kam gleich die Idee dafür......?

  • 23
    2
    Tauchsieder
    15.02.2019

    Quatsch "233213", besser ohne Lehrer.
    Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Lehrermangel geklärt und das andere Experiment auch.

  • 18
    5
    Lesemuffel
    15.02.2019

    Schulen waren einst ein Hort der Zuverlässigkeit, der Stabilität. Heute leider nicht mehr, Experimentieren auf Teufel komm raus. Schulen sollten auf das Leben vorbereiten und das wird nicht dadurch geschehen, indem man "die Kleinen nicht überfordert".

  • 18
    5
    Hinterfragt
    15.02.2019

    So will man wahrscheinlich den sogenannten "Fachkräftemangel" abbauen ...

  • 27
    5
    233213
    15.02.2019

    Und welches Experiment kommt als nächstes, etwa “Schule ohne Unterricht”?



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