Seltsames Sterben von Zeugen im Umfeld des NSU geht weiter

Jetzt gibt es den sechsten Todesfall bei Zeugen, die die NSU-Verbindung nach Baden-Württemberg und so zum Polizistinnen-Mord schildern sollten.

Ludwigsburg/Chemnitz.

Das Sterben von Zeugen im Umfeld der mutmaßlichen Rechtsterroristen des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU) geht weiter. Vor anderthalb Wochen kam es zum sechsten Todesfall. Es traf Corinna B. aus Ludwigsburg, die in den 1990er-Jahren einer Gruppe Neonazis angehört hatte. Diese pflegte sowohl mit den Jenaern Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt Kontakt, als auch mit Chemnitzer Rechtsextremisten, die dem Trio nach dem Abtauchen Unterschlupf gewährten. Zeitweise war die jetzt Verstorbene mit einem aus Thüringen stammenden, über Chemnitz nach Baden-Württemberg gekommenen Veranstalter von Skin-Konzerten im Umfeld der Band "Noie Werte" liiert. Mit Liedern dieser Band hatte der NSU Vorgänger-Versionen seines Bekenner-Videos zur Mordserie vertont.

Dass die Achse Chemnitz - Baden-Württemberg (besonders der Raum Ludwigsburg, Stuttgart, Heilbronn) für die NSU-Vernetzung steht, ist den Aufklärern in Untersuchungsausschüssen längst klar. Der Baden-Württemberger Ausschuss soll diese Verbindungen beleuchten, um den undurchsichtigsten aller NSU-Morde zu enträtseln: Den Überfall auf eine Polizeistreife in Heilbronn im April 2007. Dabei wurden die 22-jährige Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen und deren Kollege schwer verletzt.

Zwei Polizisten aus Kiesewetters Einheit, darunter der Einsatzleiter am Tag ihres Todes, waren zeitweise Angehörige eines Ablegers der rassistischen Bruderschaft Ku Klux Klan. Dessen baden-württembergischer Ableger war von einem Rechtsextremisten gegründet worden, der auch seit den 1990er-Jahren Kontakt zur Chemnitzer Neonazi-Szene hatte. Pikanterweise entpuppte sich später nicht nur Klan-Gründer Achim S. als V-Mann des Verfassungsschutzes, sondern noch ein weiterer Angehöriger seiner Gruppe: der Hallenser Thomas Richter, mit Tarn-Namen "Corelli". Er schien so gut vernetzt wie kaum ein zweiter. Bereits auf einer 1998 in Jena beschlagnahmten Telefonliste von Uwe Mundlos war er aufgetaucht, dann wieder in Zusammenhang mit dem Neonazi-Magazin "Weißer Wolf", das vom NSU lang vor dessen Auffliegen finanziell unterstützt worden war. Die Klan-Bruderschaft lieferte zuletzt Bezug zu den Kollegen eines NSU-Mordopfers. Nach seiner Enttarnung als Spitzel des Bundesamtes für Verfassungsschutz konnte "Corelli" 2012 nicht mehr in Halle bleiben. Unter einem Pseudonym brachte man ihn in Westfalen unter. Als das BKA ihn im März 2014 zu den NSU-Bezügen befragen wollte, fand man ihn tot in seiner Wohnung. Es hieß, er sei einer unerkannten Diabetes-Erkrankung erlegen.

Ein halbes Jahr zuvor war in Baden-Württemberg bereits ein anderer Zeuge ums Leben gekommen - am Tag seiner geplanten Vernehmung. Florian H. verbrannte auf der Zufahrt eines Stuttgarter Campingplatzes in seinem abgestellten Auto. Zunächst hatte man den Zeugen aus der rechten Szene nicht wirklich ernst genommen, der behauptete, am Kiesewetter-Mord seien noch ganz andere Leute beteiligt gewesen. Er hatte von eine Gruppe namens "Neo-Schutzstaffel" (NSS) berichtet, die mit dem NSU kooperiere. Hielt man das zunächst für Schaumschlägerei, so wollte das LKA Florian H. dazu erneut vernehmen. Sein Tod kam dazwischen. Suizid lautete die schnelle Diagnose der Polizei, an der Florian H.s Eltern bis heute zweifeln. Glaubt man den offiziellen Versionen, war Florian H.s "Selbstverbrennung" im Umfeld des Heilbronner Polizisten-Mordes nicht die erste. Schon 2009 hatte man in einem Waldstück den brennenden Körper des 18-jährigen Arthur C. gefunden. Auch dieser junge Mann war zuvor in den Fokus der Ermittler des Kiesewetter-Mordes geraten. Bis aufs Haar hatte er einem erstellten Phantombild geglichen. Zwei weitere Todesfälle trafen eine Freundin des Zeugen Florian H. und deren Lebensgefährten. Im Unterschied zu H. war Melisa M. aber bereits vom Untersuchungsausschuss vernommen worden, als sie starb. Die Motorradsportlerin sei an einem durch Sturz verursachten Blutgerinnsel gestorben, das eine Lungenembolie ausgelöst habe, hieß es. Ihr Freund Sascha W. verübte danach angeblich Selbstmord.

Als Baden-Württembergs Untersuchungsausschuss jetzt die Zeugin Corinna B. laden wollte, bekam er vom Meldeamt den Hinweis, sie sei am 2. Februar verstorben. Es gebe keine Hinweise auf Fremdverschulden, teilte der Ausschuss mit. Wegen der Häufung von Todesfällen habe man aber, um Beweise zu sichern, gegen die vorgesehene Einäscherung des Leichnams intervenieren wollen, sagt Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler. Man kam zu spät. Die Leiche war schon verbrannt.

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8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    maxmeiner
    13.02.2017

    @SimpleMan: aber nach (halb)staatlicher Säuberung, vielleicht könnte jemand Ross und Reiter nennen? Das Celler Loch kam auch nicht vom Mottenfraß.

  • 3
    2
    SimpleMan
    13.02.2017

    @maxmeiner "...Nach rechtsextremistischer Säuberungsaktion hört sich das nicht gerade an." Nach linksextremister Säuberungsaktion aber auch nicht. Schon sehr merkwürdig ...

  • 6
    0
    Nixnuzz
    13.02.2017

    Das wird langsam unheimlich. Vielleicht sollte sich mal dieses Triumphirat aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR mal intsiv mit diesem Phänomen beschäftigen?! Oder ist hier eine BND-Stasi-Connection am Werk??

  • 6
    1
    Freigeist14
    13.02.2017

    Der Tod von "Corelli"war schon mehr als dubios.Warum gibt es keine so intensiven Recherchen wie sonst bei vermeintlichen Stasi-Geschichten aus dem Unrechtstaat,die nicht finster genug sein können?
    Vermutlich stellte sich Beate Zschäpe ,weil sie selber gefährdet war.

  • 7
    0
    BlackSheep
    13.02.2017

    Nicht das das seltsame Sterben weitergeht, wenn einer versucht das aufzuklären.

  • 3
    3
    Blackadder
    13.02.2017

    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in diesem Land keinen engagierten und fähigen Journalisten gibt, der hier mal wirklich intensivst recherchiert und Licht ins Dunkel bringt. Das wäre doch ein Knaller, z.B. für den Spiegel, wenn hier mal jemand wirklich etwas aufklären würde.

  • 7
    0
    Dorpat
    13.02.2017

    Siehe auch die fast identische Überschrift vor knapp zwei Jahren. Wer hier noch an plötzliche Krankheiten und Selbstmorde glaubt ist wohl selbst daran schuld. http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/DEUTSCHLAND/Seltsames-Zeugensterben-im-Mordfall-Kiesewetter-artikel9156103.php

  • 7
    0
    maxmeiner
    12.02.2017

    Tod durch Selbstverbrennung, Tod durch unerkannte Diabetis, Tod durch Lungenembolie, und das alles in kurzer Zeit unter Zeugen, die aussagen sollten. Da läßt aber jemand gründlich aufräumen. Nach rechtsextremistischer Säuberungsaktion hört sich das nicht gerade an.



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