Thorsten Schäfer-Gümbel: Chef-Genosse im Sturm

Der SPD-Interimsvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel versteigt sich in einen Vergleich von Grünen und AfD. Später versucht er zurückzurudern. Doch es klappt nicht recht.

Berlin.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte sich Thorsten Schäfer-Gümbel die Wirkung seiner Worte anders vorgestellt. Seit dem Rücktritt von SPD-Chefin Andrea Nahles vor rund zwei Wochen ist der Hesse einer von drei kommissarischen Bundesvorsitzenden der Partei. Die Sozialdemokraten befinden sich derzeit in einer äußerst schwierigen Lage. Sie suchen den personellen, inhaltlichen und strategischen Neuanfang nach ihrem verheerenden Ergebnis bei der Europawahl. Insofern sollten die Äußerungen des Interimschefs im "Tagesspiegel"-Interview samt seiner harschen Kritik an der derzeit erfolgreicheren politischen Konkurrenz von Grünen und AfD wohl dazu dienen, Zuversicht bei den Genossen zu verbreiten. Doch so viel steht fest: Der Versuch ist gehörig schief gegangen. Denn die Angriffe des Parteivorsitzenden auf die politischen Gegner geraten zu einer Gleichsetzung von AfD und Grünen.

Das Wort "Populismus" nimmt Schäfer-Gümbel in seinen Ausführungen zwar nicht in den Mund. Doch als er nach den Gründen für den derzeitigen Erfolg der Grünen gefragt wird, beschreibt er populistischen Methoden und zieht dabei einen direkten Vergleich zur AfD. Die Grünen versuchten, "alles Elend dieser Welt zu reduzieren auf die Frage des Klimawandels", die AfD erkläre die Migrationsfrage "zum Übel der Welt". Beides halte er für falsch, "beides verkürzt Politik in grotesker Weise". Die Grünen präsentierten sich zwar als eine fortschrittliche Kraft. Er erlebe die Partei in politischen Prozessen jedoch "eher als autoritär".

Kaum waren diese Worte in der Welt, schwappte eine Welle der Empörung über den SPD-Übergangschef hinweg. "Der Vergleich mit der AfD ist schlicht unterirdisch", schrieb Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner auf Twitter und fügte, an Schäfer-Gümbel gewandt, hinzu: "Meinst du, so ein plumper Angriff hilft euch weiter?" Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin nannte die Äußerungen des SPD-Interimschefs "faktenfreies Gelaber". "Grotesk ist aktuell doch nur die verzweifelte Suche der SPD nach einem Ausweg aus der selbst verschuldeten Misere."

Kellner lud Schäfer-Gümbel zum Gespräch. Der nahm die Einladung an, versuchte aber zugleich, seine Worte richtigzustellen. Manchmal sei man am Morgen nach einem Interview "erschrocken über die Überschrift und die Kritik daran", teilte der SPD-Chef mit. Zugleich bestritt er, Parallelen zwischen AfD und Grünen gezogen zu haben. Es sei ihm darum gegangen, klar zu machen, dass "die Komplexität unserer Zeit durch Verkürzungen auf ein Thema nicht gelöst wird".

Die Grünen, die Schäfer-Gümbel zuvor noch kräftig angegangen war, lobt er kurz darauf in auffallender Weise. Die Grünen seien "eine wichtige politische Kraft" und "eine Stütze unserer Demokratie". Die Partei bereichere den Staat durch gute Vorschläge, "die AfD ist das absolute Gegenteil". Er habe ausdrücken wollen, dass man "nicht nur über den Klimawandel" diskutieren könne. "Genauso wenig, wie es klug war, in den vergangenen Jahren nur über Migration zu diskutieren."

Aus der bundespolitisch ersten Reihe der AfD meldete sich niemand in der Debatte zu Wort. Lediglich der AfD-Fraktionschef im Landtag von Rheinland-Pfalz, Uwe Junge, schrieb auf Twitter, seine Partei spreche wichtige Probleme an. "Die verfehlte Migrationspolitik ist die größte Herausforderung unserer Zeit"; mit Populismus habe das nichts zu tun.

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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    Tauchsieder
    15.06.2019

    Um es mal mit den Worten von George Orwell zu sagen: - Meinungsfreiheit ist die, jemanden anderen das zu sagen, was er nicht hören will.
    Hier haben die "Grünen" wahrscheinlich noch einen großen Nachholbedarf.

  • 1
    0
    Täglichleser
    15.06.2019

    Der Schäfer-G.! Da ist schon etwas dran.
    Bei der AfD sowieso. Populismus hoch 3.
    Und die Grünen machen es sich auch etwas einfach. Es reicht nicht nur Probleme
    zu benennen. Hier der Klimawandel und dort die Flüchtlinge. Sondern die Ursachen zu benennen und Wege der Bekämpfung
    aufzuzeigen. Das war ein Wespennest.
    Denn wir sind ja die Guten. Wir haben die beste Verfassung der Welt. Aber nicht nach
    Ursachen fragen und die Gesellschaft auf den Prüfstand stellen. Das macht die SPD kaum und die CDU erst recht nicht. Herr Schäfer wenn die jetzt zurückkeulen.
    Trotzdem Herr Gümbel das kurze Zündeln war gut. Für ihn Daumen hoch.



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