Verräter, Zweifler, Helden

Vor 70 Jahren hatten Offiziere um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Umsturz geplant. Morgen wird des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 gedacht. Das Erinnern an den Widerstand hat vielfältige Facetten.

Chemnitz.

Der Attentatsversuch der Verschwörer um Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944 wandelte im geteilten Deutschland jahrzehntelang zwischen Heldenmythos und Diffamierung. Für einige waren die Menschen im Widerstand Vorkämpfer für die Demokratie, für andere "Vaterlandsverräter". Der "20. Juli", schrieb der Publizist Joachim Fest einst, sei ein "Gedenktag zweiter Klasse". Morgen wird der 70. Jahrestag des Umsturzversuchs feierlich begangen - erster Klasse.

Es war ein langer Weg, bis die Deutschen den Widerstand gegen die Nazis nicht nur in seiner Breite und Vielfalt, sondern auch in seiner Widersprüchlichkeit akzeptiert hatten. DDR-Historiker und auch die West-Alliierten sahen in der Auflehnung der Offiziere und nationalkonservativ gesinnten Männer gegen Hitler den Versuch, vor der absehbaren militärischen Niederlage die eigene Haut zu retten. Schon Stauffenberg war sich dieses Dilemmas bewusst. "Es ist Zeit, dass etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird", schrieb der führende Kopf des Aufstandes gegen Hitler im Frühjahr 1944.

Der Historiker Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte München sagte: "Dieser Teil der Geschichte war bis zur deutschen Einheit sehr stark von historischen Identitätsbedürfnissen geprägt. Es ging ja schließlich um die Wahrnehmung des Widerstandes in einem gespaltenen Deutschland."

In der alten Bundesrepublik war der Braunschweiger Remer-Prozess 1952 der Durchbruch für die späte und posthume Rehabilitation der Attentäter. Der ehemalige Generalmajor Otto Ernst Remer betätigte sich nach dem Krieg als rechtsextremer Aktivist und hatte in einer Rede für die Sozialistische Reichspartei (SRP), die später verboten wurde, die Akteure des "20. Juli" als Landesverräter beschimpft. Daraufhin hatten Angehörige und Überlebende des Widerstandes wegen Verunglimpfung geklagt und recht bekommen. Zarusky: "Es war eine wichtige Auseinandersetzung. Um die Anerkennung des Widerstands musste in der alten Bundesrepublik erbittert gekämpft werden." Der "20. Juli" etablierte sich schließlich neben der "Weißen Rose" als beispielhaft für den deutschen Widerstand gegen das NS-Regime.

In der DDR hatte man eine spiegelbildliche Wahrnehmung. Der "20. Juli" wurde bis 1964 überhaupt nicht registriert. Interessanterweise kam die vorsichtige Anerkennung aus der Sowjetunion: Damals wurde das Buch "20. Juli 1944. Legende und Wirklichkeit" des sowjetischen Historikers Daniil Melnikow in deutscher Sprache in der DDR veröffentlicht. Im Gegensatz zu früheren Auffassungen wertete Melnikow den "20. Juli" als bedeutenden Teil des antifaschistischen Widerstandes in Deutschland. Damit begann auch in der DDR die Auseinandersetzung mit Stauffenberg. 1967 brachte Kurt Finker eine Stauffenberg-Biografie heraus. "Der Leitstern des Finker-Buches war natürlich der kommunistische Widerstand. Und in der Tat kam die größte Anzahl der Widerstandskämpfer aus den Reihen der Kommunistischen Partei. Ein Fakt, der wiederum im Westen erst sehr spät anerkannt wurde", so Zarusky.

Viele Formen des Widerstandes seien im Westen wie im Osten lange Zeit übersehen worden. Besonders der sogenannte "Rettungswiderstand", die Hilfe Einzelner für verfolgte Juden, rückte erst sehr spät in das Blickfeld. Als dieses Suchen nach dem Nonkonformen im NS-Alltag seine Blüte erlebte, kam die Wende zur Täterforschung. Schließlich konnten nicht alle Deutschen Opfer und Verschwörer gewesen sein. Die Debatte über das Buch des US-Historikers Daniel Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") stand in den 1990er-Jahren beispielhaft für Studien, die zeigten wie ganz gewöhnliche Deutsche aller Schichten und Milieus in das NS-Regime verstrickt waren.

"Der deutsche Widerstand war in der Tat eine Minderheit. Er setzte aktives politisches Engagement des Einzelnen voraus und damit eine Haltung, die selbst unter demokratischen Bedingungen nicht allgemein üblich ist. Dennoch waren es einige Zehntausend, die sich auf die eine oder andere Weise am Widerstand beteiligt hatten", so Zarusky.

Bei der Bewertung des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 gibt Zarusky zu Bedenken, dass selbst Stauffenberg und sein vielleicht engster Vertrauter Henning von Tresckow, damals in Stab der Heeresgruppe Mitte, das Gefühl hatten, ihr Attentat auf Hitler sei nur noch ein Zeichen, dass den Lauf der Dinge nicht mehr ändern könne. "Das Attentat muss erfolgen. (...) Denn es kommt nicht nur auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat", ließ von Tresckow kurz vor dem Attentat dem zweifelnden Stauffenberg mitteilen. Das ist vielleicht bis heute das Wichtigste am "20. Juli": Es hat auch ein anderes Deutschland gegeben.

Laut Zarusky war der Umsturzversuch sogar wichtiger, als es den Akteuren damals selbst bewusst war. "Was ist nach dem Juli 1944 noch alles passiert? Die Schlachten im letzten Jahr des Krieges haben noch immense Opfer gefordert, Juden wurden in die Vernichtungslager geschickt, am Ende gab es noch die Todesmärsche. Es wären viele Leben gerettet worden, wenn Stauffenberg und seine Gefährten im Juli 1944 erfolgreich gewesen wären."

20. Juli 1944

Mit einer Bombe versuchten Offiziere um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944, Adolf Hitler zu töten. Das Attentat während einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" im heutigen Polen scheiterte. Stauffenberg und drei seiner Mitverschwörer wurden noch in der Nacht im Bendlerblock, dem damaligen Sitz des Allgemeinen Heeresamtes im Oberkommandos des Heeres, erschossen.

Das Attentat sollte Auftakt der "Operation Walküre" sein, mit der die Verschwörer das NS-Regime stürzen, eine neue Regierung einsetzen und den aussichtslos gewordenen Krieg beenden wollten.

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