Wer ist anfällig für Terrorismus und warum?

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Der Verfassungsschutz will auf wissenschaftlicher Basis neue Erkenntnisse sammeln

Mit einer Konferenz zum Thema "Extremismus und Sozialisation" ist ein vom Bundesamt für Verfassungsschutz gegründetes neues Zentrum für Analyse und Forschung (ZAF) erstmals öffentlich in Erscheinung getreten. Die Forschungsstelle, die einer Verbesserung der Analysefähigkeit des Inlandsgeheimdienstes dienen soll, ist noch im Aufbau.

Dem Verfassungsschutz zufolge soll es für das ZAF einen unabhängigen wissenschaftlichen Beirat geben. Außerdem wurden Leitlinien für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen festgelegt. Das ist insofern bedeutend, weil die Arbeit des Verfassungsschutzes größtenteils im Verborgenen stattfindet.

Bei der Konferenz, an der Forscher verschiedener Hochschulen teilnehmen, geht es vor allem um Rechtsextremisten und Islamisten und konkret darum, welche Faktoren eine Radikalisierung begünstigen. Aus Gesprächen mit verurteilten islamistischen Terroristen habe er festgestellt, dass die "Angst vor der Hölle" bei einigen von ihnen ein Antriebsfaktor gewesen sei, berichtete ein Vortragender. Michaela Pfundmair von der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung betonte, das Gefühl, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu sein, spiele bei radikalen Islamisten ebenso wie bei Rechtsextremisten eine Rolle.

Anfang September hatten einige Wissenschaftler das Konzept kritisiert. In einem von ihnen veröffentlichten Papier mit dem Titel "Einspruch", heißt es, Kooperationspartner liefen Gefahr, als Zulieferer "für behördlich vorgegebene Ziele eingesetzt zu werden, ohne die Gesamtheit der Datenerhebungen, Publikationen und Interpretationen gleichberechtigt mitbestimmen zu können". Außerdem sei zu erwarten, "dass die Entgrenzung zwischen behördlich kontrollierter und freier wissenschaftlicher Recherche und Dokumentation bei einem Teil der beforschten Individuen und Gruppen erhebliches Misstrauen hervorrufen und die Auskunftsbereitschaft seitens der Beforschten mindern wird". Zu den Unterzeichnern zählen auch Rechtsextremismusforscher Matthias Quent und Heike Radvan von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, die sich unter anderem mit Rechtsextremismusprävention beschäftigt.

Jérôme Endrass, Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, hat in der Kooperation mit Sicherheitsbehörden nach eigener Angabe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Er hat an der Entwicklung eines Analysewerkzeugs des Bundeskriminalamtes (BKA) zur Risikoeinschätzung islamistischer Terror-Gefährder (Radar-ITE) mitgewirkt. Endrass sagte, die Zusammenarbeit mit einer solchen Behörde eröffne Forschenden die Möglichkeit, "sich an etwas zu beteiligen, was eine hohe praktische Relevanz hat". Das sei ihm persönlich sehr wichtig, zumal es auch darum gehe, Menschen, bei denen es unwahrscheinlich sei, dass sie Straftaten begehen, aus dem System "herauszufiltern". Außerdem erhielten die an solchen Projekten beteiligten Wissenschaftler eine gute Datengrundlage für ihre Forschung.

Der Nachteil? "Man kann seine Ergebnisse nicht so publizieren, wie man möchte", sagt Endrass. Beispielsweise ist darüber, welche biografischen Daten und persönlichen Erfahrungen bei Islamisten dazu führen können, dass sie von Radar-ITE als Hochrisiko-Person identifiziert werden, öffentlich praktisch nichts bekannt. (dpa)

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