Wie sich Deutschland in vier Jahren veränderte

Chemnitz. Am Sonntag wählen 61,5 Millionen Bundesbürger einen neuen Bundestag. Es steht eine Zäsur in der deutschen Politik bevor: Erstmals seit den Fünfzigerjahren werden wohl wieder sechs Parteien ins Parlament in Berlin einziehen.
Die Wahl soll Anlass sein, zurückzuschauen auf die zu Ende gehende Legislaturperiode und die Zeit der Großen Koalition unter Kanzlerin Merkel: Flüchtlinge, Mindestlohn, aber auch der Dieselskandal und die Konfrontation mit Russland prägten die Jahre 2013 bis 2017. "Freie Presse"-Redakteur Oliver Hach fragte Menschen aus Sachsen: Was ist in unserem Land anders geworden - und wie hat sich ihr Leben dadurch verändert?

Die Grafik in hoher Auflösung

Aufschwung: André Langs Firma boomt - trotz Russland-Embargo

Mildenau. 30 Millionen Euro hat der Vliesstoffhersteller Norafin vergangenes Jahr umgesetzt, 175 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen im erzgebirgischen Mildenau. Vor vier Jahren waren es nur 120 Mitarbeiter, auch der Umsatz war geringer. Als "sehr positiv" beurteilt Geschäftsführer André Lang die Lage seiner Firma. Auch insgesamt gehe es der Region wirtschaftlich besser. "Sachsen hat profitiert", sagt der Norafin-Chef. Gerade der Erzgebirgskreis, wo die Arbeitslosigkeit einst so hoch war wie nirgendwo im Freistaat, sei heute vorne dran. "Die regionale Wirtschaftsförderung ist komplett anders aufgestellt. Da wird richtig Gas gegeben."

Norafin fertigt Vliesstoffe, die in Schutzbekleidung ebenso eingesetzt werden können wie in der Automobilindustrie. 75 Prozent der Produktion gehen in den Export. Beim weltweiten Freihandel, so hat André Lang festgestellt, haben sich die Bedingungen für die deutsche Wirtschaft jedoch verändert. "Regionalitäten spielen wieder eine größere Rolle", sagt er. In der Industrie habe Individualisierung Einzug gehalten, aber auch politisch bedingte Abschottung.

Besonders folgenreich waren die Sanktionsbeschlüsse der Europäischen Union gegen Russland nach der Annexion der Krim 2014. In Sachsen brachen die Exporte nach Russland um 50 Prozent ein. Auch Norafin wollte auf den russischen Markt. Auf einer Messe in Moskau habe man einen Handel angebahnt, berichtet der Geschäftsführer. Doch Norafins Komponenten für Schutzbekleidung, etwa für Feuerwehrleute und Monteure, können auch militärisch genutzt werden. Der Export nach Russland ist also verboten. Norafin steuerte um, peilt nun Weißrussland an. In Russland, sagt André Lang, habe derweil die US-Konkurrenz massiv Einzug gehalten. Es sei schon richtig, wenn sich Deutschland und die EU in Krim- und Ukraine-Krise klar positionieren. "Es muss aber über Sinn und Unsinn der Sanktionen nachgedacht werden."

Kalter Krieg: Sebastian Grünberg soll Litauen vor Russland beschützen

Rukla. Es war Ende Juni auf dem Marienberger Marktplatz, als Sebastian Grünberg die Rede seines Dienstherrn hörte. Ruprecht von Butler, Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 37, sagte: "Als ich vor zweieinhalb Jahren Brigadegeneral wurde, habe ich mir kaum träumen lassen, einmal in Marienberg zu stehen und ein Kontingent nach Litauen zu verabschieden." Die Zeiten haben sich geändert: Seit der Annexion der Krim und dem Beginn der Kämpfe in der Ostukraine ist Russland vom Partner zum Feind des Westens geworden. Und Sebastian Grünberg aus Chemnitz steckt nun mittendrin in diesem neuen Kalten Krieg. Im August wurde der 30-jährige Oberleutnant zusammen mit 450 anderen Bundeswehrsoldaten, in die litauische Kleinstadt Rukla geschickt. Die Deutschen stellen dort den größten Anteil einer 1000 Mann starken Nato-Kampfgruppe. Ihr Auftrag: Abschreckung Russlands. Auch für Sebastian Grünberg kam dieser Einsatz unerwartet. "Als ich 2015 das erste Mal in Litauen zusammen mit unseren Nato-Partnern übte, war nicht absehbar, dass ich zwei Jahre später im Rahmen einer einsatzgleichen Verpflichtung der Nato zurückkehren würde", schreibt er aus Rukla. Sein Alltag als Presseoffizier besteht nun darin, Berichte und Bildmaterial von der Ostflanke des westlichen Verteidigungsbündnisses zu erstellen und internationale Pressevertreter zu begleiten. Die Kompanien üben indes auf ihren Kampf- und Schützenpanzern im Gelände, wie Grünberg berichtet. Am Wochenende geht es zum Sightseeing nach Vilnius, Kaunas oder Klaipeda. Der Soldat aus Sachsen berichtet, die litauische Bevölkerung sei dankbar für die Präsenz der Nato, die offiziell als rotierender Einsatz mit wechselnden Kontingenten gilt, de facto aber einer Stationierung bis mindestens 2020 gleichkommt. In Gesprächen mit gleichaltrigen Litauern, so Grünberg, erlebe er, "dass sie so leben wie wir in Deutschland". Dies wollten sie aber ohne das Gefühl einer Bedrohung durch Russland tun. Erst am Mittwoch endete in der Gegend eine große russisch-weißrussische Militärübung mit dem Titel ("Sapad" - "Westen").

Menschlichkeit: Iris Mayer hilft Flüchtlingen bei der Integration

Freiberg. Muslime gab es früher wenige in Freiberg, allenfalls einige arabische Studenten an der Bergakademie. Heute ist das anders, man begegnet Frauen mit Kopftüchern, die Kinderwagen über den Obermarkt schieben. "Man sieht in Freiberg jetzt viel mehr unterschiedliche Kulturen", sagt Iris Mayer. Bei Teilen der Bevölkerung löst das Vorbehalte aus, Iris Mayer aber sagt: "Mir persönlich gefällt das, weil es Weltoffenheit ausdrückt." Freiberg mit seinen gut 40.000 Einwohnern nahm wie viele Städte in Sachsen in den Jahren 2015 und 2016 eine große Anzahl Flüchtlinge auf. "Das waren wilde Jahre", sagt Iris Mayer. Die gelernte Erzieherin mit Wahlfach Ausländerpädagogik engagierte sich schon früh als Flüchtlingshelferin, organisierte Spielgruppen für Kinder. "Ich habe Familien gesehen, in denen Kinder sichtbar traumatisiert waren", erzählt sie.

Das Asylheim, in dem Iris Mayer die Kinderbetreuung aufbaute, ist heute geschlossen. Es kommen nur noch wenige Flüchtlinge - viele wandern auch in den Westen ab. Aber es gibt auch Familien, die in Freiberg bleiben möchten, weil ihnen die Kleinstadt mit der Nähe zu Dresden und Chemnitz gefällt. Die Flüchtlingshelferin unterstützt nun Menschen im Alltag bei Behörden - halb ehrenamtlich und halb hauptamtlich dank eines Minijobs über einen kirchennahen Verein. Bei der Integration sei viel zu tun, "vor allem im Bildungsbereich gibt es wahnsinnig große Herausvorderungen". Aber sie sehe Fortschritte, sagt Iris Mayer. Vier Kindergärten in Freiberg bekommen aus dem Bundesprogramm Sprachkitas eine zusätzliche halbe Stelle. "Davon werden auch deutsche Kinder mit Sprachdefiziten profitieren", sagt Iris Mayer. Für sie ist diese Entwicklung eine Bereicherung: "Weil wir über den eigenen Tellerrand schauen!"

Ehe für alle: Tom Haus heiratet seinen Lebensgefährten

Chemnitz. Auf dem Parksommer-Festival in Chemnitz machte Tom Haus seinem Mann einen Antrag - öffentlich, auf einer Bühne. "Nächstes Jahr werden wir heiraten", sagt der 58-Jährige. Dank der "Ehe für alle".

Es war die wohl überraschendste Gesetzesreform in der zu Ende gehenden Legislaturperiode des Deutschen Bundestages: Am 30. Juni 2017 stimmten 393 Abgeordnete für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. 226 waren dagegen, vier enthielten sich. Vorausgegangen war eine ebenso überraschende Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Auf einer Veranstaltung mit der Zeitschrift "Brigitte" in Berlin sagte die CDU-Vorsitzende, sie wünsche sich bei der "Ehe für alle" eine Diskussion, die "eher in Richtung einer Gewissensentscheidung geht". Damit war der Weg frei; auch 75 Abgeordnete von CDU und CSU stimmten mit SPD, Linken und Grünen. Tom Haus erlebte die Worte Merkels und die Folgen wie die legendäre Pressekonferenz mit SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November 1989 in der DDR: "Es war wie beim Mauerfall."

Erst mit 40 Jahren hatte Tom Haus sein Coming-out. Bis dahin arbeitete er als Gemeindehelfer in evangelikalen christlichen Kirchgemeinden in Dresden und im Erzgebirge. "Ich habe gegen Schwule und Lesben gepredigt", berichtet er. Als er sich offen zu seiner sexuellen Orientierung bekannte, wurde er verstoßen, wurde beschimpft, erhielt Morddrohungen. Heute ist er Aktivist beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD).

Mit der "Ehe für alle", sagt Tom Haus, habe sich Deutschland wirklich zum Positiven verändert. Doch das Gesetz allein genüge nicht. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen und Lesben sei gesunken. "Es gibt viel Hetze und auch Angriffe", berichtet der LSVD-Aktivist. "Da müssen wir noch einiges tun."

Arbeit für alle: Sabine Horx von der Arbeitsagentur in Chemnitz hat jetzt mehr Zeit für schwer vermittelbare Arbeitslose

Chemnitz. Es ist ruhig geworden auf den Gängen der Arbeitsagentur in Chemnitz. Im Jahr 2005, als die Hartz-IV-Reform in Kraft trat, kamen in Sachsen 44 Arbeitslose auf eine Stelle, jetzt sind es nur noch vier. Sabine Horx hat mehr Zeit für die Kunden. Anfangs musste sie 500 Menschen betreuen, dann 200 und seit 2013 nur noch 70 - in einer ganzheitlichen Integrationsberatung. Sabine Horx leitet ein fünfköpfiges Team, das sich um schwer vermittelbare Arbeitssuchende kümmert. "Ich quetsche den Kunden aus", sagt sie und meint das freundlich. So gelinge es, auch Menschen mit gesundheitlichen und persönlichen Beeinträchtigungen in Arbeit zu bringen.

Angefangen hat Sabine Horx 2005 mit der Betreuung vieler arbeitsloser Jugendlicher. Frustrierend sei für sie gewesen, wenn sie junge Leute nicht vermitteln konnte, obwohl diese Dutzende Bewerbungen geschrieben hatten. "Man leidet mit", sagt sie.

Für die Jobvermittlerin ist es Motivation, wenn sie helfen kann, etwa wenn der Beschäftigte aus dem Einzelhandel zum Logistiker umschult. Am meisten Perspektiven bieten sich momentan in der Altenpflege: Es gibt in Chemnitz 100 offene Stellen, aber nur 20 arbeitslose Fachkräfte. "Wir finanzieren inzwischen die dreijährige Ausbildung", berichtet Sabine Horx.

Auch die Digitalisierung hat die Arbeitsagentur verändert. Anträge auf Arbeitslosengeld werden online gestellt. Und seit dem Sommer ist Sachsen das erste Bundesland mit flächendeckender elektronischer Akte.

Lohn zum Leben: Paul Gruber profitierte vom Mindestlohn - Doch der reicht nicht für eine Rente über der Grundsicherung

Annaberg-Buchholz. Brot, Brötchen, Kuchen - und jetzt auch wieder Stollen, das ganze Programm: Paul Gruber arbeitet bei der Annaberger Backwaren GmbH, und das abends und nachts. Der 33-Jährige ist gelernter Konditor und einer von rund 250.000 Arbeitnehmern in Sachsen, die von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns Anfang 2015 profitierten. Es sind vor allem Menschen in Niedriglohnbereichen wie in der Gastronomie, aber auch Floristen und Wachschützer.

Bei den Annaberger Backwaren galt vor 2015 ein Tariflohn von 8 Euro für gelernte Beschäftigte. Mit dem Mindestlohn bekamen nun die Ungelernten schon 8,50 Euro. "Die machten einen Sprung von über
20 Prozent", berichtet Gruber. Sein Arbeitgeber und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) handelten daraufhin einen neuen Tarifvertrag aus. Fachkräfte erhalten jetzt 9,50 Euro - der gesetzliche Mindestlohn ist aber auch auf
8,84 Euro gestiegen.

Sein Lohn, sagt Paul Gruber, reiche zum Leben - "mit Einschränkungen". 11,68 Euro pro Stunde müsste er jedoch verdienen, um später einmal eine Rente oberhalb der Grundsicherung zu bekommen. Das haben Experten ausgerechnet.
Dabei geht es vielen Beschäftigten in der Branche finanziell noch schlechter. Die Annaberger Backwaren sind nach Angaben der Gewerkschaft NGG der einzige Bäckereibetrieb mit Sitz in Sachsen, der überhaupt Tariflöhne zahlt.

Wut: Jens Döbel kam mit einem Galgen zur Pegida-Demo

Schwarzenberg. Die Holzkonstruktion, die ihn berühmt machte, kann man als Miniatur in seinem Werkzeuggeschäft kaufen: Es war an einem Montag im Oktober 2015, als Jens Döbel mit einem Galgen nach Dresden fuhr. Er stellte sich mitten in die Masse der Pegida-Demonstranten und hielt sein Hinrichtungsinstrument in die Höhe - am Querbalken zwei Schlingen mit den Aufschriften "Reserviert - Sigmar ,Das Pack‘ Gabriel" und für "Angela ,Mutti‘ Merkel".

Der "Galgenmann" ging durch die Weltpresse, Jens Döbel aus Bermsgrün, Stadt Schwarzenberg im Erzgebirge, sah sich auf TV-Bildschirmen, bekam Anrufe aus Thailand und Russland. Es gab staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, die eingestellt wurden.

Warum tat er das? Weil etwas falsch laufe in Deutschland, sagt der 41-jährige Erzgebirger. "Das deutsche Volk wurde belogen und betrogen." Wie fühlt er sich dabei? "Man kann das schon als Wut bezeichnen." Die Menschen hätten sich voneinander entfremdet, es gebe keine Kollektive mehr wie in der DDR. Und die Politik habe viele Fehler gemacht, die Flüchtlinge an der Grenze nicht registriert, "damit sie nicht fünfmal Geld abfassen". Jens Döbel wollte selbst Schutzsuchende nach Deutschland holen, seine ukrainischen Schwiegereltern, aus dem Krieg im Donbass. "Auf der Ausländerbehörde sagten sie mir: Die haben die falsche Hautfarbe." Sie seien hellhäutig, nicht wie die Syrer. Hat das seine Wut ausgelöst oder nur verstärkt? Er erklärt es nicht genau.

Jens Döbel ist heute stellvertretender Vorsitzender des "Freigeist e. V.". Der Verein organisierte Anti-Asyl-Demos und holte den rechtsextremen Liedermacher Frank Rennicke nach Schwarzenberg. Jens Döbel sagt, er wisse nicht, wen er am Sonntag wählen solle. Aber er hat den Wahl-O-Mat befragt. Ergebnis: 64 Prozent NPD.

Alternative Fakten: Polizist Olaf Hoppe kämpft gegen Hetze im Netz

Leipzig. "Stammtischgespräche landen jetzt auf der Straße", sagt Olaf Hoppe. "Und jeder ist eine Informationsquelle." Der öffentliche Diskurs in Deutschland habe sich weg vom Faktischen und hin zum Emotionalen entwickelt - "zu einem gespaltenen Land". Der 40-Jährige arbeitet als Koordinator beim Social-Media-Team der Sächsischen Polizei. Die Einheit wurde 2014 gegründet, um der Polizei im Netz eine Stimme zu geben - um zu informieren, aufzuklären, aber auch um Spekulationen zu begegnen.
Olaf Hoppe und seine beiden Kollegen in Leipzig sind von 7 bis 22 Uhr auf Facebook und Twitter unterwegs. Über ihre Accounts liefen vergangenes Jahr 70.000 Kommentare: viele wohlwollend, etliche kritisch, manche menschenverachtend. "Wir hatten schon Volksverhetzung auf unserer Seite", berichtet Hoppe. Darauf folgte eine Anzeige. Hetze auf anderen Internetseiten zu verfolgen, ist indes nicht Aufgabe des Teams.

Zum Alltag gehören Fälle wie der eines Kindes, das Ende August in Delitzsch von einem Zug erfasst wurde. Es gab ein großes Medienecho, obwohl sich herausstellte, dass es sich um einen Suizid handelte, über den die Presse wegen der Nachahmungsgefahr üblicherweise nicht berichtet. "Offensichtlich aber führte ein unstillbarer Durst nach der schnellsten Information zu Spekulationen", kritisierte Hoppe auf Facebook.

Über ihre Social-Media-Kanäle erreichen die Polizei auch Hinweise zu Straftaten, die Hoppe nicht immer für hilfreich hält. Anonymität fördere das Denunziantentum, sagt er. Der Polizei würden "ein paar Brocken hingeworfen", die nicht immer sachdienlich für ein Strafverfahren seien.

Die Glaubwürdigkeit der Polizei im Netz, so der Social-Media-Chef, sei groß. Aber es gebe auch eine Gruppe, die gegen Fakten resistent sei. "Da ist Hopfen und Malz verloren."

Betrug: Wolfgang Kloth ärgert sich über den Dieselskandal

Zwickau. Wolfgang Kloth und seine Frau lieben klassische Musik. Deshalb besitzen sie ein Anrecht für die Konzerte im Gewandhaus in Leipzig. Als die Stadt Leipzig vor einigen Jahren die Umweltzone einführte, kamen sie mit ihrem Auto nicht mehr in die Innenstadt. Also gab das Zwickauer Ehepaar sein Fahrzeug bei einem VW-Händler in Zahlung und kaufte sich einen neuen Wagen. Der Passat 2.0 TDI, so hieß es, sei umweltfreundlich und erfülle die Euro-4-Norm. Heute weiß Wolfgang Kloth: "Wir wurden betrogen."

Es war am 18. September 2015, als die US-Umweltbehörde eine folgenschwere Mitteilung machte: Die Volkswagen AG hatte eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendet, um die US-amerikanischen Abgasnormen zu umgehen. Der Abgasskandal, von dem weltweit elf Millionen Fahrzeuge des Konzerns betroffen sein sollen, erreichte auch Deutschland. Doch anders als in den USA, wo VW 2,8 Milliarden Dollar Strafe zahlte und Sammelklagen drohen, blieb es hier bei einem Software-Update. Bei Wolfgang Kloth dauerte das in der Werkstatt eine halbe Stunde, dann bekam er ein Schriftstück, in dem der Eingriff bestätigt wird. Mehr nicht. "Jetzt sollen wir von VW ein neues Auto mit Euro-6-Norm kaufen, um den Absatz zu steigern", klagt der 78-Jährige. Dabei bleibe trotz Prämie ein materieller Verlust. Daher werde er jetzt erst einmal abwarten.

Der Abgasskandal - er hat das Vertrauen der Verbraucher in deutsche Wertarbeit massiv erschüttert. Und er ist noch lange nicht aufgearbeitet. Womöglich muss das Zwickauer Ehepaar auch mit seinem "umweltfreundlichen" Passat bangen, künftig nach Leipzig gelassen zu werden. "Ich bin total enttäuscht von der Verhaltensweise der Politik und der Automobilindustrie", sagt Wolfgang Kloth. Man habe sich auf Qualität Made in Germany verlassen. "Leider war es nicht so."

Teure Pflege: Jutta Sehrig vertritt die Bewohner eines Seniorenheims

Freiberg. Es war Anfang 2014, die aktuelle Bundesregierung neu im Amt, als Jutta Sehrig ihre Mutter ins Pflegeheim brachte. "Mit ihrer Gesundheit ging es rapide abwärts. Wir hatten Angst, dass ihr allein zuhause etwas passiert", berichtet sie. Damals kostete der Platz im Seniorenheim "Johannishof" in Freiberg 2050 Euro im Monat. Jetzt sind es 3000 Euro.

Deutschland wird immer älter, besonders in Sachsen. Bei 44 Jahren und drei Monaten lag 2015 bundesweit das Durchschnittsalter, in Sachsen waren es 46,6 Jahre. Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt Jahr für Jahr (siehe Grafik) - und mit ihr der Betreuungsaufwand. "Ich sehe im Heim immer mehr Rollstuhlfahrer", sagt Jutta Sehrig. Ihre Mutter ist jetzt 89, sie muss per Lift aus dem Bett geholt werden.

Jutta Sehrig (67) wohnt bei Hohenstein-Ernstthal, ihre Schwester in Dresden. Man habe überlegt, die Mutter nach dem Tod des Vaters selbst zu versorgen. Doch das Haus ist nicht altersgerecht. Und die Mutter, inzwischen dement, sollte in ihrer Heimat bleiben. Im Seniorenheim vertritt Jutta Sehrig die Interessen der Bewohner, wird als Erste informiert, wenn Änderungen im Haus anstehen.

Anfang 2017 traten neue Pflegegesetze in Kraft. Es gibt jetzt statt drei Pflegestufen fünf Pflegegrade. Die Heime bekamen auch mehr Geld für Personal - im "Johannishof" mit 90 Bewohnern und 60 Mitarbeitern (inklusive Schüler und Praktikanten) kamen 2,4 Vollzeitstellen hinzu. Jutta Sehrig hat davon nichts bemerkt. Bisher ist sie mit der Betreuung ihrer Mutter zufrieden, Beschwerden gab es bei ihr noch keine. Sie sagt aber auch: "Für das Personal ist es nicht einfach."
Dank der Witwenrente kann ihre Mutter den Pflegeheimplatz immer noch selbst bezahlen, obwohl der Eigenanteil seit 2014 von 1025 auf 1300 Euro stieg. Viele Senioren können das nicht mehr, das Sozialamt oder Angehörige müssen einspringen. Im "Johannishof" betrifft das schon 24 Prozent der Bewohner, 2013 waren es noch 22 Prozent. Jutta Sehrig erinnert an Frauen, die zu DDR-Zeiten geschieden wurden. "Für die ist das hart". Die Pflege bleibt ein Topthema im Land.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...