Wie viel Geld Flüchtlingen zusteht

Alle EU-Staaten müssen Flüchtlingen nach EU-Recht Leistungen für "einen angemessenen Lebensstandard" gewähren. Doch bei dem, was als angemessen gilt, gibt es riesige Spielräume.

Chemnitz.

Chemnitz. Die Angst vor "Wirtschaftsflüchtlingen", die das Sozialsystem ausplündern, ist groß in Deutschland. Doch vor allem in Skandinavien sind die Leistungen großzügiger, wie der Überblick der "Freien Presse" zeigt.
Prinzipiell gilt: Wer es bis nach Europa geschafft hat und als Flüchtling anerkannt worden ist, hat Anspruch auf Sozialleistungen des jeweiligen Landes. Dabei klaffen die die Summen bei den Hilfen für noch nicht anerkannte Asylbewerber beträchtlich auseinander. Das Gefälle bei den Unterstützungsleistungen für anerkannte Flüchtlinge ist allerdings sogar noch größer. Da reicht die Spanne von null Euro bis 1348,18 Euro. Das meiste Geld zahlen Luxemburg und Dänemark. Dort muss allerdings die Sozialhilfe noch versteuert werden. Zudem gibt es manchmal zusätzlich Kleidergeld, manchmal gehört das bereits mit in die Grundversorgung. Das allein zeigt schon, dass ein direkter Vergleich der ausbezahlten Sozialleistungen innerhalb Europas das Bild verfälscht.

Auf den ersten Blick fällt zum Beispiel die Unterstützung in Österreich besonders üppig aus: In der Mindestsicherung in Höhe von 837,76 Euro ist dort aber auch schon ein 25-prozentiger Wohnkostenanteil enthalten. Deutschland liegt mit dem Satz auf Hartz-IV-Niveau von 409 Euro im europäischen Mittelfeld. Allerdings kommt dort noch die komplette Miet- und Heizkostenübernahme für eine Wohnung bis zu einer bestimmten Größe hinzu. Mietet ein anerkannter Flüchtling zum Beispiel eine Wohnung in einem Ballungszentrum für 400 Euro warm, erhöht sich der Unterstützungsbetrag auf 809 Euro. Je nach Wohnkosten kann die Hilfsleistung damit die Sätze anderer Länder, die entweder gar nicht oder nur einen pauschalen Zuschuss für die Unterkunft zahlen, übersteigen.

Ähnlich gute oder bessere Leistungen bieten Länder wie die Niederlande oder Luxemburg. Doch gerade in Luxemburg zeigt sich auch, wie relativ ein augenscheinlich hoher Unterstützungsbetrag sein kann. Dort kostet laut Observatoire de l'Habitat der luxemburgischen Regierung nämlich eine Wohnung mit zwei Zimmern durchschnittlich 1459 Euro. Für günstigere Sozialwohnungen gibt es lange Wartelisten. Ein Großteil der Hilfsleistung frisst daher die Miete auf.

In anderen Ländern gibt es wiederum Leistungen, die Deutschland nicht kennt. So zahlt Holland sogar eine Art Urlaubsgeld an Sozialhilfeempfänger. In Schweden hingegen ist zwar die Grundleistung relativ bescheiden, dafür gibt es aber diverse Extras, sodass der Satz auf mehr als 1000 Euro steigen kann.


So viel Geld steht Flüchtlingen in europäischen Staaten zu (Angaben für erwachsene Singles)

Deutschland:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmeeinrichtung: 143 Euro Taschengeld, Gratis-Verpflegung. Eigene Wohnung: 216 Euro zusätzlich für Essen, Hygiene, Kleidung; Miete übernimmt der Staat, grundsätzlich nur akute medizinische Versorgung, keine Arbeitserlaubnis.

Anerkannte Flüchtlinge - Voraussetzung: länger als 15 Monate im Land. 409 Euro für Essen, Trinken, Kleidung, Strom, Taschengeld plus Übernahme Kosten Ersteinrichtung Wohnung, Miete. Heizkosten, Beiträge Kranken-/Pflegekasse, Deutschkursus.

Dänemark:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum: 321 Euro ohne Verpflegung, 147 Euro mit Verpflegung für Hygiene, Kleidung, Taschengeld.

Anerkannte Flüchtlinge - 797 Euro (netto 450 Euro, da Betrag mit 44 Prozent versteuert werden muss), Krankenversicherung frei, Mietzuschuss möglich. Pflicht zur Teilnahme an einem Integrationsprogramm und Sprachkursus. 200 Euro extra bei bestandenem Sprachtest.

Frankreich:

Asylbewerber im Verfahren - Anspruch auf Leistungen nur bei Aufenthalt in Aufnahmezentren: bei Selbstverpflegung und Unterbringung bei privatem Träger 11,45 Euro pro Tag; bei staatlichem Träger mit Gratis-Verpflegung 91 Euro im Monat. Arbeitserlaubnis erst nach neun Monaten.

Anerkannte Flüchtlinge - Voraussetzung: mindestens 25 Jahre alt, rechtmäßiger Wohnsitz in Frankreich, arbeitsbereit, Pflicht zur Teilnahme an Fortbildungen. Zusätzlicher Miet- und Heizkostenzuschuss ist möglich.

Schweden:

Asylbewerber im Verfahren - 7,71 Euro pro Tag bei dezentraler Unterbringung und Selbstverpflegung, Miete zahlt der Staat. 2,61 Euro pro Tag bei Unterbringung in Aufnahmeeinrichtung mit Verpflegung. Medizinische Notversorgung, sofortige Arbeitserlaubnis auch außerhalb des Unterkunftsortes.

Anerkannte Flüchtlinge - 423 Euro für Verpflegung, Hygiene, Taschengeld. Gemeinde kann zusätzlich einen Zuschuss zur Miete, für Strom, den Kauf von Haushaltsgeräten und Möbeln, Fahrten zur Ausbildung oder Versicherungsbeiträgen gewähren.

Ungarn:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum: Unterkunft und Verpflegung frei, 9,50 Euro Taschengeld plus 5 Euro im Monat für Hygiene. Asylbewerber in Privatunterkünften erhalten nichts.

Anerkannte Flüchtlinge - Asylanträge bei Einreise durch einen sicheren Drittstaat wie Serbien werden pauschal abgelehnt. Deshalb gibt es nur wenige anerkannte Asylbewerber in Ungarn. Wer Sozialhilfe will, muss im Vorjahr zudem mindestens 30 Tage erwerbstätig gewesen sein.

Österreich:

Asylbewerber im Verfahren - Privatunterkunft: 120 Euro für Miete, 200 Euro für Verpflegung. Sammelunterkunft mit Verpflegung: 40 Euro Taschengeld. Zudem pro Jahr 150 Euro für Bekleidung und 200 Euro für Schulbedarf

Anerkannte Flüchtlinge - In den 837,76 Euro ist schon ein Mietzuschuss in Höhe von 25 Prozent enthalten. Überschreiten die tatsächlichen Wohnkosten diesen Betrag, ist ein höherer Zuschuss möglich. Zumutbare Arbeit muss angenommen werden.

Belgien:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum: Verpflegung, medizinische Versorgung, Übersetzungs- und Rechtsbeistand frei plus 29,60 Euro Taschengeld. Privatunterkunft: 29,60 Euro Taschengeld, 300 Euro für Verpflegung plus Mietzuschuss

Anerkannte Flüchtlinge - 833,31 Euro für Miete, Verpflegung, Strom, Kleidung. Zusätzlicher Miet- und Heizkostenzuschuss möglich, freiwillige Krankenversicherung kostenlos. Voraussetzungen: erkennbare Arbeits- und Weiterbildungsbereitschaft.

Italien:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum: Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Wäsche und Hygieneartikel frei plus 2,50 Euro Taschengeld pro Tag. Unterstützung nur bei Aufenthalt in einem Aufnahmezentrum.

Anerkannte Flüchtlinge - Sozialhilfe gibt es in Italien praktisch nicht. Um Anspruch auf Sozialhilfe zu haben, muss man zudem die vergangenen zehn Jahre in Italien verbracht haben. Allerdings wird eine Arbeitserlaubnis zwei Monate nach Asylantragsstellung erteilt.

Luxemburg:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum mit Verpflegung: 25 Euro Taschengeld; ohne Verpflegung: Wertgutscheine für 225 Euro. Zudem Tickets für Bus und Bahn und Krankenversicherung.

Anerkannte Flüchtlinge - Zu versteuernde 1348,18 Euro abzüglich Sozialabgaben für Pflege- und Krankenversicherung, bis 400 Euro Hinzuverdienst frei, zusätzlich Mietzuschuss möglich. Voraussetzung: mindestens 25 Jahre alt; Pflicht zur Fortbildung oder Arbeitsaufnahme.

Niederlande:

Asylbewerber im Verfahren - Aufnahmezentrum mit kompletter Selbstversorgung wöchentlich 45,36 Euro, zudem 12,95 Euro pro Woche für Kleidung und Sonstiges. Arbeitserlaubnis für 24 Wochen im Jahr. Krankenversichert.

Anerkannte Flüchtlinge - 972,70 für Verpflegung, Miete, Kleidung und Sonstiges. Voraussetzung: mindestens 18 Jahre alt, Pflicht zu Spracherwerb, zu Fortbildung, Annahme zumutbarer Arbeit. Mietzuschuss möglich. Abgelehnte Bewerber erhalten nur 28 Tage lang Bett und Frühstück.

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