Winfried Freudenberg - Das letzte Maueropfer

Im März vor 30 Jahren starb Winfried Freudenberg. Mit einem Ballon wollte er aus der DDR flüchten - doch er stürzte in die Tiefe. Nur vier Monate später öffnete Ungarn seine Grenzen.

Berlin.

Es war ein Abschied für immer. Innerhalb von vielleicht einer Minute mussten Winfried und Sabine Freudenberg eine Lebensentscheidung treffen. Die über Wochen sorgfältig aus Frühbeetfolien gebaute Ballonhülle war noch nicht vollständig mit Gas gefüllt. Da näherte sich ein Streifenwagen der DDR-Volkspolizei der Erdgas-Reglerstation im Norden Ost-Berlins.

Das Ehepaar, gerade mal ein halbes Jahr verheiratet, befürchtete, dass ein Aufstieg zu zweit nicht möglich ist. So blieb die junge Frau am Boden. Und der bärtige Mann kappte das Halteseil. Hilflosigkeit und Zweifel sah die 25-jährige Chemikerin beim letzten Blick in den Augen ihres Mannes, wie sie sich später erinnerte. Beim Aufstieg streiften Ballastbeutel eine Starkstromleitung, Funken sprühten.

Die verdutzten Vopos trauten sich nicht auf den Ballon zu schießen - aus Angst, er könnte explodieren. Im Protokoll notierten sie, dass der "Republikflüchtling" bei der Kollision "offenbar tödlich verletzt wurde". Das stimmte nicht ganz. Freudenberg starb nicht an jenem frühen Morgen des 8. März 1989, sondern erst gut fünf Stunden später, als sein Körper in die Tiefe stürzte. Beim Aufschlag in einem Garten war er sofort tot. Die leere Hülle des Ballons verfing sich in einem Baum an der Potsdamer Chaussee.

Eigentlich war die Flucht perfekt vorbereitet. Der damals 32-jährige Diplom-Elektroingenieur hatte schon als Schüler gern experimentiert. Aufgewachsen war er in Lüttgenrode (Sachsen-Anhalt), im abgeschirmten Grenzgebiet zur Bundesrepublik, in das Besucher nur mit Sondergenehmigung gelangten. Das niedersächsische Okertal war zum Greifen nahe, und doch nicht erreichbar. Das Leben im Schatten des Todesstreifens hatte ihn geprägt. Freudenberg holte nach seiner Elektrikerlehre das Abitur nach. Während des Studiums lernte er seine Frau kennen. Sie träumten von einem gemeinsamen Leben, von Reisen und Kongressen, von Forschungsmöglichkeiten weltweit. Ein Leben, das ihnen die DDR nicht ermöglichte. Seine erste genehmigte Westreise zum 75. Geburtstag seiner Tante in Bad Pyrmont (Niedersachsen) nutzte Freudenberg, um mehrere Elektro-Betriebe zu besuchen.

Danach war für ihn das Ziel klar, während seine spätere Frau immer wieder mit der waghalsigen Fluchtidee haderte. Nach der Hochzeit nahm der Gasballon-Plan dann Fahrt auf. Freudenberg fand eine Stelle beim VEB Energiekombinat in Ost-Berlin in der Sparte Gasversorgung. Das Paar zog in eine Wohnung im Prenzlauer Berg, kaufte in unauffälligen Kleinmengen Folie, Klebeband und Verpackungsschnüre. Abend für Abend entstand eine 13 Meter lange Hülle mit einem Durchmesser von elf Metern.

Die beiden Naturwissenschaftler fielen nicht weiter auf. Sie hatten keinen Kontakt zu den sich vor 30 Jahren vor ihrer Haustür formierenden Oppositionsgruppen, auch nicht zur Ausreisebewegung.

Als sämtliche Vorbereitungen abgeschlossen waren und Freudenberg den Schlüssel für die Reglerstation in der Tasche hatte, fehlte nur noch ein leichter Wind aus Nordost. Die Gasstation nahe des S-Bahnhofs Blankenburg lag fast zehn Kilometer von der Mauer entfernt, die damals die Bezirke Pankow (Ost) und Reinickendorf (West) trennte. Kurz nach Mitternacht hatte das Paar mit seinem Trabant Hülle und Gepäck zur Station gebracht.

Es sei wie eine Befreiung gewesen, erinnerte sich Sabine Freudenberg, "nach all den Monaten der Angst davor, entdeckt zu werden". Ihr Mann füllte das Erdgas in die Hülle, der Ballon richtete sich langsam, aber in der klaren Nacht gut sichtbar auf. Ein Kellner auf dem Nachhauseweg alarmierte gegen 1.30 Uhr die Polizei.

"Auf tragische Weise verunglückt" steht auf seinem Grabstein in Lüttgenrode. Winfried Freudenberg war vor 30 Jahren das letzte Opfer der Mauer. Knapp vier Monate nach seinem Tod öffnete Ungarn seine Grenzen für hunderttausende flüchtende DDR-Bürger.

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