Wissenschaftler sprechen sich für Verkehrswende aus

Die Bundesregierung wollte den Streit um Grenzwerte für Luftschadstoffe schlichten und hat die Wissenschaftsakademie Leopoldina um Hilfe gebeten. Nun ist die Stellungnahme der Experten da - und die Politiker ziehen bereits Schlüsse daraus.

Berlin (dpa) - Führende Wissenschaftler halten begrenzte Diesel-Fahrverbote auf einzelnen Straßen für wenig hilfreich, um die Luft in den Städten zu verbessern. Sie sprechen von «kurzfristigem Aktionismus».

Die Experten der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina empfehlen stattdessen eine umfassende Strategie und eine grundlegende Verkehrswende - mit einem Ausbau vor allem des öffentlichen Nahverkehrs.

Die Wissenschaftler sehen es nicht als vordringlich an, Stickstoffdioxid-Grenzwerte zu verschärfen, die in vielen Städten vor allem durch Diesel-Abgase überschritten werden. Grundsätzlich aber müsse mehr getan werden, um den Ausstoß von Schadstoffen zu verringern. Das gelte auch für Feinstaub und Treibhausgase.

Vor allem der EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft war in die Kritik geraten, nachdem eine Gruppe von 107 Lungenärzten den gesundheitlichen Nutzen angezweifelt hatte. Um Klarheit zu schaffen, hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Leopoldina um eine Stellungnahme gebeten. Der Arbeitsgruppe gehörten 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten an.

Da der NO2-Grenzwert in vielen deutschen Städten überschritten wird, könnte es zu mehr Fahrverboten für ältere Diesel kommen. Bisher sind in Hamburg zwei Straßenabschnitte gesperrt, in Stuttgart ein großer Teil des Stadtgebiets.

Die Wissenschaftler kritisieren in ihrer Stellungnahme eine Verengung der Debatte auf NO2 als «nicht zielführend». Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Er könne die Sterblichkeit erhöhen und Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems oder auch Lungenkrebs verursachen. Die Politik solle prüfen, ob die Grenzwerte verschärft werden sollten. Feinstaub stammt etwa aus Dieselruß, Reifenabrieb oder Abgasen von Industrie, Kraftwerken und Heizungen.

Die Experten bestätigten aber auch die Gesundheitsgefahr von Stickoxiden (NOx). Sie könnten Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und trügen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Damit wurde die Kritik der 107 Lungenärzte in zentralen Punkten zurückgewiesen. Der Autor des Papiers, Dieter Köhler, hatte Rechenfehler eingeräumt, war aber dabei geblieben, dass Risiken und die Grenzwerte wissenschaftlich nicht hinreichend belegt seien. Martin Lohse, Vize-Präsident der Leopoldina, sagte, Köhler habe sich «vergaloppiert», obwohl er einen Finger in die Wunde gelegt habe.

Weder für Stickstoffdioxid noch für Feinstaub lässt sich den Wissenschaftlern der Leopoldina zufolge ein exakter Wert nennen, unterhalb dessen keine Gesundheitsfolgen zu erwarten seien. Am Ende seien Grenzwerte eine Entscheidung der Politik.

Um die Luftqualität nachhaltig zu verbessern, seien «lokale Maßnahmen und kurzfristiger Aktionismus» wenig hilfreich - etwa «kleinräumige und kurzfristige Beschränkungen», die sich gegen einzelne Verursacher der NO2-Belastungen richteten. «Dies gilt unter anderem für Straßensperrungen und isolierte Fahrverbote, die zu einer Verkehrsverlagerung in andere Stadtgebiete führen», hieß es.

Zudem mahnte die Gruppe, der Kampf gegen NO2 dürfe nicht dazu führen, dass klimaschädliche CO2-Emissionen stiegen. Ein kompletter Austausch der Dieselflotte durch Benziner gleicher Gewichtsklasse und gleicher Motorleistung sei nicht empfehlenswert. Diesel stoßen bei gleicher Motorenleistung mehr Stickstoffoxid aus, aber weniger CO2. Vielmehr seien «neue Mobilitätskonzepte vor allem in städtischen Ballungsräumen» notwendig, so die Experten.

Sie sprachen sich generell für eine Verkehrswende aus. Dazu zählten alternative Antriebe wie Elektromotoren, ein besseres Verkehrsmanagement und Geschwindigkeitsbeschränkungen auf städtischen Autobahnen sowie ein Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Der Klimaexperte Ottmar Edenhofer sagte, die Verkehrswende senke beim Feinstaub die Risiken für die Gesundheit der Menschen und beim CO2 die Risiken der globalen Erwärmung.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sagte, die Leopoldina bestätige seine Strategie. Das zwei Milliarden-Paket für saubere Luft etwa zur Umrüstung von Diesel-Bussen und Ausbau der E-Mobilität sei wirksam. Streckenbezogene Fahrverbote seien der falsche Weg. Scheuer forderte außerdem erneut eine Debatte über Schadstoff-Grenzwerte, sie dürften nicht «politisch-ideologisch festgesetzt» sein.

Auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) fühlte sich bestätigt. Der Bericht zeige, dass Luftschadstoffe im Vergleich mit anderen Umweltfaktoren am stärksten die Gesundheit gefährden könnten; damit sei der Fokus auf Luftqualität «zwingend notwendig». Die Leopoldina empfehle, den NO2-Grenzwert beizubehalten und die Grenzwerte für Feinstaub zu verschärfen. Da es keinen Schwellenwert für die Gesundheitsgefahr gebe, erscheine es umso wichtiger, sich «eher an schärferen als an schwächeren Grenzwerte zu orientieren».

Das Umweltbundesamt (UBA) schloss sich der Einschätzung an, dass kleinräumige Fahrverbote auf einzelne Straßen nicht der richtige Weg seien, und empfahl stattdessen «weiträumige Umweltzonen», die die gesamten Kerngebiete der Innenstädte umfassten.

Die Bundesregierung dankte der Leopoldina für die erbetene Stellungnahme zu diesem Thema, das viele Bürger beschäftige. Die Ergebnisse würden nun im Einzelnen geprüft, sagte eine Regierungssprecherin.

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8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    3
    Nixnuzz
    12.04.2019

    @Deluxe: Vielleicht weil die Lebensmittel dank Kühlschrank länger haltbar sind? Die Qualität der Lebensmittel zugenommen hat? Die Medizin auch schlauer geworden ist und die Kräuterhexen jetzt studiert haben müssen, um Ihnen die Pülverchen zielgerichtet und wohl dosiert zu verabreichen? Vielleicht auch weil wir diese dolle EU haben, in der wir mit unseren historischen Erzfeinden friedlich gemeinsame Sache versuchen zu machen? Vielleicht viele einen geschützten Arbeitsplatz vor lebensfeindlichen Tätigkeiten oder Stoffen hatten? Vielleicht weil zentrale Heizanlagen die Schwefelkohle aus der "Küchenhexe" oder dem Kachelofen verbannt haben? Weil unsere Raumtemperatur dank Heizanlagen nicht mehr sämtliche Maxima durchlebt und Ihnen dann das Kondenswasser auf dem alten Kalkputz bunte Schimmelpilze produziert? Der Kaminreiniger zu Ihrer Freude nach einem Wust von Vorschriften einen geregelten und kontrollierten Abzug der Heizgase verordnet? Und weil - hier könnten Sie noch eigene Vorschläge hineinschreiben... Aber noch können Sie mit den Wetterbedingungen gut über das Jahr kommen. Noch hat man die Flüchtlinge aus den afrik. Trockenzonen halbwegs im Griff. Noch stehen die Niederländer nicht mehr als üblich mit Gummistiefeln vor der Haustür. Nur unsere Natur wie unsere Bäume passen irgendwie nicht mehr in dieses Klima. Die Forstwirtschaft testet jetzt andere Bäume aus verschiedenen Regionen der Welt auf Wärmeverträglichkeit und den wechselnden Wasserverhältnissen. Noch stehen keine emigrierten Eisbären vor unseren Lebensmittel-Kühlhäusern und bitten um Einlass....Noch haben sich nicht die Enkel aus den ehemaligen samoamischen Inseln oder Tongo als "deutsch-kaiserliche Umwelt-Flüchtlinge" mit deutschen Wurzeln hier in den Aufnahmestellen gemeldet - aber was nicht ist kann ja noch werden....

  • 7
    3
    Deluxe
    12.04.2019

    Wenn das alles so gefährlich und unsere Luft so lebensbedrohlich schlecht ist...

    Warum steigt dann die Lebenserwartung seit Jahrzehnten immer weiter und weiter?
    Warum gibt es heute soviele 100jährige wie nie zuvor?

    Kann ja wohl nicht nur an besserer Medizin und ausreichend vorhandener Ernährung liegen...

  • 4
    6
    Blackadder
    12.04.2019

    @Malleo: "Versprühen Sie weiter Ihr Gift!"

    Wenn ich Sie damit so ärgere, gerne doch! :-)

  • 5
    5
    Malleo
    11.04.2019

    black...
    Nur was vom Netzspeicher Baerbock kommt oder E- Leistung Özdemir Gigabyte ist die rein Leere( bewußter Fehler).
    Ich habe in ersten Geschäften schon Speicherkabel gefunden.
    Früher waren das Ladekabel...
    Versprühen Sie weiter Ihr Gift!

  • 4
    5
    Blackadder
    10.04.2019

    Zumal man bei der Leopoldina mit bedenken muss, dass sie Gelder von der VW Stiftung erhält.

    https://www.leopoldina.org/ueber-uns/kooperationen/volkswagenstiftung/

  • 4
    2
    Täglichleser
    10.04.2019

    Was die Leopoldina gesagt hat ist wenig
    aufgebracht, aber eindeutig:
    Die Abgase sind nicht als Gesundheitsvorsorge zu empfehlen. Der
    Feinstaub wird in seiner Gefährlichkeit
    höher bewertet. Aber weder die Gefährlichkeit von CO2, noch des Stickstoffs für die Menschheit ist zu vernachlässigen. Also ist die Überschrift
    korrekt, dass wir eine Verkehrswende brauchen.

  • 5
    2
    Zeitungss
    10.04.2019

    Eigentlich ist die Überschrift schon lächerlich , das BVM müsste komplett NEU besetzt werden, um erst einmal einen Anfang in Aussicht zu stellen. Über den gegenwärtigen Zustand lacht die Welt.

  • 9
    0
    Nixnuzz
    10.04.2019

    So - nachdem also genügend wissenschaftlicher "Feinstaub" aufgewirbelt wurde, beruhigen wir uns erstmal wieder. Jeder der einbezogenen Politiker fühlt sich jetzt bestätigt und wird explizit in seinem Fachbereich an irgendwelchen Einzelschrauben drehen - damit das Gesamtsystem unbeschadet weiterfunktionieren kann. Elektrischer ÖPNV - hört sich z.B. gut an. Wenn diese Fahrzeuge in genügender Anzahl morgen ohne heute noch erforderlichen biologischen Führer fahren würden - Klasse! Kleinbusse "on demand" - allein die Kosten zur Behandlung von dann einsetzenden Vandalismusschäden - unbezahlbar: also nich anpakken..Beim Diesel haben uns die Großen schon veräppelt - jetzt wollen die eine gemeinsame Batteriefabrik aufbauen! Ä - wann? Und was meint die oberste Kartellbehörde? Ne Leute - setzen wir uns wieder hin, lesen den Bericht und machen dann damit den offenen Kamin an...



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