Ex-Unister-Flugchef: Betrug war kein Geschäftsmodell

Am dritten Verhandlungstag im Unister-Prozess vor der Strafkammer des Leipziger Landgerichts hat der frühere Chef des Flugticketverkaufs erklärt, das er bis heute keine Verfehlung in der praktizierten "Preisoptimierung" sieht.

Leipzig. Was passiert wirklich, wenn ein Kunde auf der Suche nach Flugtickets im Internet den Buchungsbutton einer Webseite drückt? Auf Webseiten wie fluege.de sei dadurch jedenfalls kein Beförderungsvertrag zustande gekommen, erklärte am Donnerstag der ehemals zuständige Unister-Bereichsleiter im Strafgericht. Es sei legal und branchenüblich, die Zeit zwischen der Buchungsanfrage des Kunden und der Ticketausstellung zur "Preisoptimierung" zu nutzen. Das Zeitfenster dafür könne mehrere Stunden betragen.

Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden nennt das "Runterbuchen" allerdings nicht "Preisoptimierung", sondern Computerbetrug in 87.000 Fällen. Sie geht von einem Gesamtschaden für Unister-Kunden in Höhe von mehr als 7,6 Millionen Euro aus. Drei Ex-Manager des Konzerns müssen sich seit Mitte Januar vor der Leipziger Strafkammer dafür verantworten. Zusätzlich wirft die Staatsanwaltschaft ihnen Steuerhinterziehung und unerlaubten Verkauf von Versicherungen vor. Alle drei beteuern ihre Unschuld.

Die Staatsanwaltschaft sieht den Knackpunkt beim "Runterbuchen" in der nachträglichen Änderung des Flugpreises, die bei der internen Verarbeitung der Datensätze ablief und vom einzelnen Kunden nicht bemerkt werden konnte. Unister münzte die auf seinen Seiten generierte Ticket-Nachfrage systematisch in günstigere Angebotspreise um. Den Vorteil hätte Unister den Kunden zukommen lassen müssen, so die Staatsanwaltschaft.

Der angeklagte Bereichsleiter Holger F., der nach wie vor als Berater für Unister tätig ist, sagte am Donnerstag, dass er nicht verstehe, was einen Anspruch des Kunden auf Weitergabe nachträglich erzielter Preisvorteile begründen könnte. Die Preisoptimierung sei ein branchenübliches Verfahren. Sie werde von den großen Reservierungssystemen - etwa Deutschlands Marktführer Amadeus - technisch unterstützt. 

Bei den Airlines liege letztlich die Hoheit über Preise und Buchungsbedingungen im Fluggeschäft. Lufthansa, Easy-Jet, Etihad & Co. steuerten die Verfügbarkeit der Plätze und die Buchungsklassen in ihren Maschinen permament. Sie erstellen Prognosen über die Auslastung von Flügen ein Jahr im Voraus, und fördern die Auslastung über eine Vielzahl von Preisen im Markt. So werden billigere Buchungsklassen nicht angeboten, wenn eine hohe Flugauslastung erwartet wird. Bei erwarteter Unterauslastung gehen Niedrigpreise in den Verkauf. Hinter jeder Buchungsklasse können sich noch weiter aufgefächerte Tarife verbergen. Als Großhändler habe Unister von Konditionen profitiert, die kleineren Agenten nicht zur Verfügung standen.

Den Kunden ist nach Lesart der angeklagten Ex-Manager kein Schaden aus dem Vorgehen entstanden. Jeder Kunde habe immer den Preis gezahlt, der beim Klick des Buchungsbuttons auf der Webseite angezeigt wurde. Holger F. behauptete gestern, dass niemand in der Branche Zeit und Ressourcen hätte, sich mit Reklamationen in größerem Umfang aufzuhalten. Betrug als Geschäftsmodell sei quasi ausgeschlossen.

Nach Lesart der Staatsanwaltschaft war Unister bei den beanstandeten Ticketgeschäften nicht Zwischenhändler, sondern Vermittler. Der Konzern habe Tickets nicht auf eigenes Risiko gekauft, um sie dann weiterzuverkaufen, sondern Angebot und Nachfrage lediglich über die Webseiten zusammengeführt. Das Geschäft kam immer zwischen Kunde und  Flug-Anbieter zustande. Unister hätte Transparenz nach beiden Seiten schaffen und eventuelle Preisvorteile weiterreichen müssen.

Die Reisebranche, behauptete Holger F. am Donnerstag, blicke mit Unverständnis auf das Leipziger Strafverfahren. Es handele sich um einen weltweit einmaligen Fall, bei dem aus "einem Alltagsgeschäft eine Straftat konstruiert" werden solle. Nirgendwo sonst sei das "Runterbuchen" beanstandet worden. Auch Unister-Kunden hätten sich erst betrogen gefühlt, nachdem die Generalstaatsanwalt Dresden sie angeschrieben und entsprechend orientiert hätte.

Früher im Prozess hatten sich die drei Ex-Manager bereits als nicht persönlich zuständig für etwaige Unregelmäßigkeiten bei Unister erklärt. Die Hauptverantwortung für das Geschäftsgebaren schoben sie dem verstorbenen Firmengründer Thomas Wagner zu. Wagner und Mit-Gesellschafter Oliver Schilling kamen im Juli 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben. Das Verfahren gegen Wagner wurde eingestellt.

Nach der Zäsur durch Wagners und Schillings Tod hatten mehrere Unister-Gesellschaften binnen Tagen Insolvenz angemeldet. Die Plattform Preisvergleich.de wurde Ende Januar an das Leipziger Unternehmen Get verkauft. Shopping.de ging im Dezember an Solute, den Betreiber von Billiger.de. Die tschechische Rockaway Capital übernahm am Dienstag dieser Woche den Reisebereich mit Ab-in-den-Urlaub.de, Fluege.de, Reisen.de, Billigfluege.de, Reisegeier.de, Urlaubstours.de, Hotelreservierung.de und Travelviva.

Die neben Holger F. angeklagten Ex-Manager Daniel K. und Thomas G. sind nicht mehr für Unister tätig. Der Prozess wird kommenden Donnerstag fortgesetzt.

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