Willy Brandt am Fenster

Vor 50 Jahren trafen sich ein Bundeskanzler (West) und ein Regierungschef (Ost) in Erfurt zum ersten deutsch-deutschen Gipfel. Ergebnisse hatte der Meinungsaustausch nicht. Doch seine Signalwirkung war ungeheuerlich.

Erfurt Ein Fenster hat, so man es bei Lichte bedenkt, einen Symbolgehalt, der über seinen eigentlichen Zweck weit hinausreicht. Eigentlich lässt ein Fenster Licht in einen dunklen Raum. Und, so es jemand öffnet, Luft in einen geschlossenen. Für sich gesehen. Diese Funktionen aber genügen, den an und für sich alltäglichen Gegenstand, der auf seine Art das Drinnen mit dem Draußen verbindet, mit einem Sinngehalt aufzuladen. So bietet das Fenster Einblicke in verschlossene Welten. Und Ausblicke aus eben solchen. Man kann sich sprichwörtlich zu weit aus dem Fenster lehnen, auf die Gefahr hin, irgendwann weg vom Fenster zu sein. Als Demonstranten in Plauen, Leipzig, Dresden, Berlin im Herbst 1989 den politischen Umbruch eingeläutet hatten, sagte der aus Chemnitz stammende Schriftsteller Stephan Heym, ihm sei, "als habe jemand ein Fenster aufgestoßen". Und bezeichnenderweise heißt einer der sehnsuchtsvollsten und gleichzeitig erfolgreichsten Pop-Songs der DDR-Geschichte "Am Fenster".

Das Fenster, das in diesem Text eine bedeutende Rolle spielt, hat an einem Stückchen deutsch-deutsche Geschichte mitgeschrieben. Es ist das Fenster des einstigen traditionsreichen Hotels "Erfurter Hof" in Erfurt, gleich gegenüber dem Hauptbahnhof. Das einstige Interhotel ist heute Bürohaus, und wenn die Sonne untergeht, dann leuchtet hinter der Gardine in diesem Fenster noch Licht. Als ob dort jemand arbeitet, Akten wälzt bis spät in die Nacht. Zu diesem Fenster, und dem was sich dort abspielte vor 50 Jahren, haben die Menschen in Erfurt noch heute eine emotionale Beziehung.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass die tausenden von Menschen, die am 19. März 1970 auf dem Bahnhofsvorplatz in Erfurt in Sprechchören lautstark forderten, Willy Brandt möge ans Fenster kommen, dabei solche Gedankenspiele hatten. Sie wollten nur einen Blick auf ihn erhaschen, den neuen Bundeskanzler. Und doch: als der Bundeskanzler endlich ans Fenster kam, und das öffnete, brandete ein Jubel auf, der in Erfurt noch heute nachhallt. Er hatte, auch ohne das zu ahnen, ein Fenster aufgemacht, das in die Zukunft wies.

Es war der 19. März 1970. Thomas Ruben war damals zwölf Jahre alt, und er war, wie die halbe Stadt, elektrisiert. Er sollte eigentlich bis Nachmittag in der Schule bleiben, das war so angeordnet, doch in der Schule hielt ihn nichts. Mit Freunden stahl er sich davon. So ein Ereignis, das durfte nicht ohne ihn stattfinden. Das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen stand an. In Erfurt. Willy Brandt, neuer Bundeskanzler, stellte die Ostpolitik der Bundesrepublik auf neue Füße. Bislang beharrte die Bundesrepublik auf den Alleinvertretungsanspruch. Doch nun wurde Wandel durch Annäherung zum Schlagwort. Zwar hütete sich auch Brandt davor, die DDR als normalen Staat wie jeden anderen auch zu betrachten, doch anders als seine Vorgänger setzte er auf Beziehungen auf Augenhöhe. Auf kleine Schritte, die die realen Bedingungen für die Menschen verbessern helfen sollten. Die Rechten in der Bundesrepublik schäumten darüber, warfen Brandt Vaterlandsverrat vor. Und auch für die DDR-Führung war der Richtungswechsel ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hoffte man auf staatliche Anerkennung der DDR, auf den Aufstieg in die Völkergemeinschaft. Andererseits war man sich auch bewusst, dass zu viel deutsch-deutsche Annäherung die knapp zehn Jahre nach dem Mauerfall vermeintlich konsolidierten Verhältnisse wieder ins Wanken bringen könnte.

Deshalb, so hat es beispielsweise der Erfurter Historiker Steffen Raßloff erforscht, hat der Staat rund um dieses Treffen nichts dem Zufall überlassen. Und dennoch habe das Land in Erfurt "einen Kontrollverlust erlebt, so umfassend wie seit dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 nicht mehr - und dann bis 1989 auch nicht wieder", sagt Raßloff. Und sein Ton verrät, dass ihn das heute noch diebisch freut. Auch wenn er damals nur als Kind dabei war und keine eigenen Erinnerungen mehr hat.

Warum aber Erfurt? Eigentlich war ein Treffen in Ost-Berlin angedacht, aber die Delegation aus Westdeutschland wollte über den Westteil der Stadt einreisen. Das aber kam für den Osten überhaupt nicht infrage, galt doch West-Berlin hier als Drei-Mächte-Stadt und eben nicht als Teil der Bundesrepublik. Das Treffen drohte bereits zu scheitern, da rückte eine Bezirkshauptstadt in den Blick: Grenznah gelegen, mit der Bahn von der Grenze leicht zu erreichen, und mit dem Thüringer Hof gab es noch ein geeignetes Bahnhofshotel genau gegenüber dem Hauptbahnhof.

Am 12. März erfuhren Sicherheitskräfte und Partei vor Ort, dass das Treffen der beiden Regierungschefs in Erfurt stattfinden sollte. Hastig ließen die Verantwortlichen den Bereich um den Bahnhof auf Vordermann bringen. Feuerwehrleute und Soldaten der Nationalen Volksarmee fegten und spülten den winterlichen Dreck von den Straßen. Die Bahnhofsfassade wurde mit Sandstrahl gereinigt, innen polierten Putzkommandos die Fliesen. Auch links und rechts der Bahnstrecke von Grenzbahnhof Gerstungen bis Erfurt liefen Verschönerungsaktionen. Der Sozialismus sollte sein schönstes Antlitz zeigen. Doch normale sollten den hohen Gast dagegen nicht zu Gesicht bekommen. Entlang der Zugstrecke wurden Sperrungen schon 100 Meter vor den Bahnübergängen Sperrungen errichtet, Polizeikräfte sorgten dafür, dass sich kein Unbefugter im Bahngebiet aufhielten, die Mitropa-Speisegaststätte im Erfurter Hauptbahnhof hatte blickdichte Vorhänge bekommen. Um den Bahnhofsvorplatz selbst sollte sich die Staatssicherheit kümmern.

Doch die Bahnhofsstraße, die direkt am Bahnhofsvorplatz vorbeiführt, erwies sich als neuralgische Punkt. Immer mehr wuchs dort die Menschenmenge. Man wollte einen Blick auf Brandt erhaschen. Und weil Pendler Fahrkarten im Gebäude der Reichsbahndirektion direkt am Bahnhofsvorplatz kaufen sollten, verloren die Sicherheitskräfte den Überblick. Ein zwischendurch als Barriere gedachte Straßenbahn drohte, umgekippt zu werden. Als die beiden Regierungschefs West (Brandt) und Ost (Stoph, der freilich dem eigentlichen Machthaber und Parteichef Walther Ulbricht per Telefon stets Bericht erstatten musste) den Bahnhof verließen, riss die bis dahin mit Mühe gehaltene Kette der Sicherungsposten. Die Menge strömte auf den Platz. Die Delegationen erreichten eben noch das Tagungshotel. Dann war der Staat auf dem Platz über Stunden nicht mehr Herr der Lage. Und bald erscholl der Ruf, der vielen Erfurtern heute noch Gänsehaut auf den Rücken jagt: "Willy Brandt ans Fenster!"

Wer heute den Bahnhof verlässt und den Blick hebt, auf das Dach des einstigen Hotels, der sieht die Verbundenheit mit diesem Ruf sozusagen in Leuchtschrift auf Himmelblau. Oder Wolkengrau, je nach Wetterlage. Ein Künstler hatte die Idee dieser Art Denkmal. Eigentlich wollte er "Willy komm ans Fenster" auf das Dach schreiben, aber das ging den Erfurtern zu weit. Mit "lyrischer Umdeutung" ihres Spruchs mochten sie nichts anfangen, erst recht nicht, um Missverständnisse zu vermeiden. Hatte die Staatsgewalt doch flugs Getreue zum Bahnhof beordert, die den Brandt-Rufen "Hoch, hoch, hoch, es lebe Willy Stoph" entgegen hielten. Doch wen die Mehrzahl hier feierte, daran bestand kein Zweifel. "Der Tag von Erfurt. Gab es einem in meinem Leben, der emotionsgeladener gewesen wäre", schrieb Brandt später in seinen Erinnerungen. "Es hatte sich eine große Menge eingefunden, die ihrer Freude durch Zurufe Ausdruck gab. Als ich mich tzurückgezogen hatte, tönte es in Sprechchören: >Willy Brandt ans Fenster!<. Dem folgte ich nicht gleich, dann aber doch, um mit der Gestik der Hände um Zurückhaltung zu bitten. Ich war bewegt und ahnte, dass es ein Volk mit mir war. Wie stark musste das Gefühl der Zusammengehörigkeit sein, dass sich auf diese Art und Weise entlud!"

Als Brandt ans Fenster trat, da flogen die Hüte der Erfurter, und viele fanden ihre Kopfbedeckung nicht mehr wieder. Die beruhigende Geste machte Brandt durchaus mit Bedacht. "Konnte ich sicher sein", so fragt er, "ob mein Einfluss zugunsten derer ausreichte, die wegen ihrer sympathischen Demonstration mit einer weniger sympathischen Obrigkeit in Konflikt gerieten?" Ein begründeter Verdacht. Wenn auch die Staatssicherheit die Gewalt über den Platz verloren hatte, so konnte sie doch die versammelte Menge vom Hotel aus fotografieren. Später wurden mehr als 100 Menschen festgenommen. Hektisch hatte die Staatssicherheit zusätzliche Kräfte herangezogen: Aus Suhl, aus Gera, aus Berlin.

Das Treffen selbst hat zunächst keine Ergebnisse gebracht. Man tauschte die gegenseitigen Positionen aus, ohne sich inhaltlich einander anzunähern. Doch die Welt staunte, was sich da gezeigt hatte. Mancher ahnte, dass es mehr war als nur eine Momentaufnahme. Im Stadtmuseum Erfurt macht eine sehenswerte Wanderausstellung zu Willy Brandt Station, kurz vor dem 50. Jahrestag wurde sie eröffnet. Und weil der Kanzler in der Stadt auch fast 30 Jahre nach seinem Tod noch immer besondere Sympathien genießt, hat Oberkurator Hardy Eidam den Bereich Treffen mit Stoph quasi in die Mitte platziert. Und am Eingang findet sich eine Postkarte, die eine einstige Erfurterin, 1970 schon in den Westen übergesiedelt, an eben jenem 19. März ihren in der Heimat zurückgebliebenen Neffen schrieb. Der Empfang für Brandt sei "großartig" gewesen. "Mehr kann man nicht verlangen. Wir sind glücklich, dass die Gespräche in unserer Heimatstadt stattfinden und haben heute schon Freudentränen kullern lassen." Die Postkarte, so gab die Tante am Schluss ihrem Neffen noch mit auf den Weg, möge er doch gut aufheben, denn: "Sie kann noch große Geschichte machen." Mag sein also, dass Willy Brandt das Fenster gar nicht ganz aufmachen musste. Denn vielleicht war es gar nicht richtig geschlossen gewesen.

Buchtipp: Steffen Raßloff (Hrsg.): Willy Brandt ans Fenster! Das Erfurter Gipfeltreffen 1970 und die Geschichte des Erfurter Hofes. Erhältlich im Stadtmuseum Erfurt.

Ausstellung: Willy Brandt, Freiheitskämpfer, Brückenbauer, Friedenstifter, im Stadtmuseum Erfurt, geplant bis 13. April, bitte Verschiebungen o.ä. in Zusammenhang mit Corona beachten.


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