Die Wirtschaft in Sachsen und den übrigen ostdeutschen Ländern leidet noch immer unter den Folgen der Teilung. Neue Märkte sind nötig, um diese Defizite auszugleichen.

Berlin. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall muss die Wirtschaft im Osten nach Expertenmeinung neue Wege gehen, um in Zukunft konkurrenzfähig zu bleiben. Neben deutlich mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung müsse die Industrie sich internationaler aufstellen, indem sie verstärkt neue Exportmärkte für ihre Produkte erschließt und damit Weltmarktanteile hinzugewinne. Dies geht aus dem "Atlas der Industrialisierung der Neuen Bundesländer" hervor, der von dem Rostocker Ökonomen Gerald Braun im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erarbeitet und gestern in Berlin vorgestellt wurde.

Neben einer größeren Präsenz auf dem Weltmarkt müssen sich aber laut Braun auch die Unternehmen selbst durch eine entsprechende Personalpolitik in Belegschaft und Chefetagen globaler aufstellen. "Interkulturelle Ausbildung und Einbindung von Mitarbeitern, die für den Auslandseinsatz vorgesehen sind, sind unverzichtbare Bedingungen einer erfolgreichen Internationalisierungsstrategie", heißt es in der Studie.

Als Beispiel wird die vermehrte Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund genannt. Um dieses Personal zu gewinnen, müssten die ostdeutschen Regionen verstärkt auf sogenannte weiche Faktoren setzen, sagte Braun und zählte folgende Prioritäten auf: "Toleranz, Talente und Technologien fördern, und zwar in dieser Reihenfolge."

Ein erfolgreiches Beispiel hierfür sei Berlin. Die offene Atmosphäre der ansonsten wirtschaftlich eher schwachen Bundeshauptstadt habe Kreative aus der ganzen Welt angezogen, die ihr Potenzial inzwischen zunehmend in Forschung, Gründerzentren und Start-ups einbrächten. Zudem lockten Kultur und gute Lebensbedingungen. Dies könne auch in anderen Regionen gelingen.

Hindernisse für die Ost-Wirtschaft bleiben indes der Mangel an kapitalstarken Großkonzernen und ein wenig ausgeprägtes Dienstleistungsangebot auf diesem Gebiet. Die Zentralen der börsennotierten Unternehmen mit ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen lägen fast ausnahmslos im Westen und Süden der Republik. Zudem sei die Arbeitsproduktivität im Osten noch immer geringer, auch wenn der Abstand verkürzt wurde.

Eine bewährte Strategie zur Stärkung der Ost-Industrie sei auch die engere Vernetzung kleinerer Unternehmen derselben Branche zu staatlich geförderten, sogenannten Clustern, sagte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD): "Wir müssen gezielt dahin gehen, wo schon Wachstumskerne sind", sagte Gleicke. Die Zeit der öffentlichen Förderung der Wirtschaft nach dem Gießkannenprinzip sei mittlerweile vorbei.

Die meisten Weltmarktführer   

Sachsens Wirtschaft nimmt im ostdeutschen Vergleich weiterhin eine Spitzenstellung ein: Nirgendwo sonst im Osten haben so viele Weltmarktführer ihren Sitz wie im Freistaat. Auch bei der Vielfalt der Branchen ist Sachsen führend, wie aus dem Industrie-Atlas hervorgeht. In punkto Wachstum und Dynamik lag Sachsen im bundesweiten Vergleich zuletzt auf Platz zwei.

Mehr Probleme als andernorts drohen der sächsischen Wirtschaft indes durch die Überalterung der Bevölkerung. Dies gilt besonders für personalintensive Industrien.

 

Von Alessandro Peduto

Kommentar: Kleinteiligkeit als Manko

Christoph Ulrich über die Probleme der ostdeutschen Wirtschaft

Der gestern von der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke, vorgestellte Atlas der Industrialisierung der neuen Bundesländer enthält keine überraschend neuen Erkenntnisse. Doch die Datensammlung zeigt, dass die ostdeutsche Wirtschaft weiterhin einen großen Nachholbedarf gegenüber dem Westen hat. Das gilt auch für Sachsen. Im Freistaat ist zwar die Industrie ein wesentlicher Motor des ökonomischen Aufholprozesses, doch es gibt auch strukturelle Defizite, die für die Zukunft Sorgen bereiten.

Ein besonderes Manko ist die Kleinteiligkeit der Wirtschaft. In Sachsen gibt es zwar viele kleine und mittelständische Unternehmen, doch große Konzerne mit eigener Verwaltung sowie Forschung und Entwicklung fehlen. An der Börse notierte Unternehmen muss man mit der Lupe suchen. Im Bundesvergleich erreicht die durchschnittliche Betriebsgröße in Sachsen nur 65 Prozent des gesamtdeutschen Niveaus. Das hat Auswirkungen auf die Innovationsfähigkeit, auf die Produktivität und nicht zuletzt auf die Bezahlung der Mitarbeiter. In großen Konzernen werden in der Regel höhere Löhne gezahlt als in kleinen Firmen. Für die Wirtschaft Sachsens wäre es deshalb von Vorteil, wenn es deutlich mehr große Unternehmen gäbe.

Doch größere Unternehmensstrukturen zu schaffen ist eine sehr anspruchsvolle wirtschaftspolitische Aufgabe. Sie lässt sich nicht von heute auf morgen bewältigen. Es gibt allerdings mehrere Ansätze. Die bestehenden Unternehmen müssen so gefördert werden, dass sie weiter gesund und dynamisch wachsen können. Guter Zugang zu Forschungs- und Entwicklungsleistungen kann ihre Wettbewerbsfähigkeit steigern. Zudem könnte der in Sachsen anstehende Generationswechsel in den Führungsetagen der Unternehmen genutzt werden, um durch Übernahmen und Firmenverkäufe größere Einheiten zu bilden. Ein solcher Prozess müsste durch die sächsische Wirtschaftsförderung aktiv begleitet werden. Zu guter Letzt kann man darauf hoffen, dass die guten Erfolge bei der Ansiedlung von Forschungsinstituten und Exzellenzclustern irgendwann einmal zu einer neuen Gründerwelle mit neuen Produkten und Verfahren führen. Aber ein Selbstläufer ist auch das nicht.

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