Tarifauftakt der IG Metall: Neues Kapitel in der Verteilungsfrage

Die IG Metall hat in Zwickau die neue Tarifrunde eingeleitet, in der sie Historisches erreichen will: mehr Selbstbestimmung für die Arbeitnehmer bei der Arbeitszeit.

Zwickau.

"Es gibt Zeit für die Arbeit, und es gibt Zeit für die Liebe. Mehr Zeit gibt es nicht. Holen wir uns mehr Zeit für die Liebe!" Die Modeschöpferin Coco Chanel, zitiert von Stefan Kademann, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Zwickau: 1800 Metaller bejubelten die Rede zum Auftakt der neuen Tarifrunde am Sonnabend in der Zwickauer Stadthalle. Die weltgrößte Einzelgewerkschaft mit 2,3 Millionen Mitgliedern, die für 3,7 Millionen Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie verhandelt, packt ein Thema an, dass laut Kademann lange als "heiße Kartoffel" galt: Arbeitszeit.

Die Gewerkschaft fordert in der aktuellen Tarifrunde neue Arbeitszeitmodelle und sechs Prozent mehr Lohn. Beschäftigte wollen das Recht, über zwei Jahre ihre Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden zu reduzieren. "Das Leben ist kein Tempomat, es läuft nicht immer mit der gleichen Geschwindigkeit", sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in Zwickau. "Manchmal kann man Gas geben im Job. Wenn Kinder kommen oder wenn man Angehörige pflegt, geht das nicht. Körper und Geist sind auch keine Maschinen, das gilt besonders bei Schichtarbeit." Die IG Metall fordert zehn Schichten weniger im Jahr und eine Wahlmöglichkeit für "Tempo 28" in Ost und West.
Arbeitgeberverbände wie Sachsenmetall haben die Forderungen bereits als "unzeitgemäß" abgelehnt. Jörg Hofmann hält dem die aktuellen Umsatzrenditen, hohe Auftragsbestände, Prognosen für einen "Goldenen Herbst" entgegen. "Es ist Zeit, die Kollegen zu beteiligen. Gute Löhne tragen zu stabiler Beschäftigung und Wachstum bei. Was im Portemonnaie ist, wird auch ausgegeben. Lieber fließt das Geld in unseren Geldbeutel, als in die Dividenden für Aktionäre!"

Der IG-Metall-Chef rief dazu auf, für eine Ausweitung der Tarifbindung und einen höheren Organisationsgrad vor allem im Osten zu kämpfen. Seit 2011 nimmt die Zahl der Mitglieder der IG Metall wieder zu, auch und gerade in Westsachsen. Zur Auftaktveranstaltung der Tarifrunde kamen Metaller aus allen Gegenden des Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen nach Zwickau: Mitarbeiter von Siemens und Bombardier, deren Standorte gefährdet sind, Beschäftigte von VW Sachsen und ZF Brandenburg. Den weitesten Weg legten Mitarbeiter der Boryszew Oberflächentechnik GmbH Prenzlau zurück, die mit Unterstützung von VW-Beschäftigten um einen Tarifvertrag kämpfen. Sie waren Samstagfrüh um 3 Uhr in Prenzlau aufgebrochen.

Der Zwickauer Stefan Kademann mahnte zu sozialer Gerechtigkeit und machte Teile des Arbeitgeberlagers mit verantwortlich für die politische Lage im Land: "Siemens-Chef Joe Kaeser sprach beim Wahlergebnis vom Versagen der Eliten. Er hat vergessen, dass er selbst dazu gehört!" Wie jetzt wieder im Fall der bedrohten Siemenswerke seien viele Arbeitnehmer von Abwehrkämpfen gebeutelt. Kademann kritisierte die noch immer ungleiche Bezahlung in Ost und West: "27 Jahre nach der Wende gibt es keinen ökonomischen Grund, warum wir im Osten einen Monat im Jahr umsonst arbeiten sollen. Und keinen Grund, über das Arbeitsleben gerechnet dreieinhalb Jahre zu verschenken!"

Anderthalb Jahrzehnte nach dem gescheiterten Versuch, im Osten die 35-Stunden-Woche einzuführen, die im Westen seit 1984 gilt, setzt die Gewerkschaft das Thema wieder auf die Tagesordnung. "Die Arbeitszeit in Ost und West muss angeglichen werden", so Bundeschef Hofmann. "Die Arbeitszeitkultur ist ganz von der Nachfrage der Arbeitgeber geprägt: Arbeit plus Überstunden plus Flexibilität plus Leistungsdruck. Wir brauchen selbstbestimmte Arbeitszeiten, die zum Leben passen."

Die Tarifverhandlungen für Sachsen beginnen am 17. November, für Berlin und Brandenburg zwei Tage früher. Bezirksleiter Olivier Höbel wies noch einmal darauf hin, dass die IG Metall neue Wege beschritten hat, um ihre Forderungen zu begründen: "50.000 Beteiligte wurden im Bezirk befragt. Das Thema brennt den Menschen auf den Nägeln. Warum liegt der Frauenanteil in Betrieben unter 20 Prozent? Macht familienfreundliche Arbeitszeiten, kümmert euch um gute Ausbildung!" Arbeit und Ausbildung seien der beste Weg auch zur Integration, fügte Höbel hinzu. "Wir sind solidarisch. Nach oben schimpfen und nach unten treten, das ist für uns kein Modell!"

Vor der Veranstaltung in der Stadthalle hatte sich ein Demonstrationszug der IG Metall vom Bahnhof durch Zwickau bewegt. Der Stuttgarter Rapper Toba Borke und Pheel alias DJ Earn heizten den Weg über ein. Vom Lautsprecherwagen sprach Borke Anwohner und Passanten an. Bundeschef Jörg Hofmann demonstrierte mit. Für die laufende Tarifrunde sei die Gewerkschaft gut gewappnet, sagte er. "Wir werden ein neues Kapitel in der Verteilungsfrage schreiben!" Die politische Großwetterlage, Stichwort Jamaika, sei kein Hindernis: "Wir werden deutlich machen, diese IG Metall ist für sich handlungsfähig. Wenn wir wollen, setzen wir unsere Punkte auf die Agenda - und auch durch!"

Dabei wollen die Metaller auch zu neuen Aktionsformen greifen. Angedroht sind 24-Stunden-Streiks.

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