Der Weg zum Glück

Wo Geishas ihre Künste zeigen und Priester mit dem Smartphone meditieren: Kyoto ist ein Mix aus altem und neuem Japan.

Der Vorfall war so ungeheuerlich, dass sogar die Zeitungen in Kyoto darüber berichteten. Ausländische Touristen hatten eine angehende Geisha derart bedrängt, um sie aufs Foto zu bekommen, dass ihr schließlich Passanten zu Hilfe eilen mussten. Umgehend bildeten sich freiwillige Bürgerwehren, um für sicheres Geleit der Mädchen und jungen Frauen zu sorgen.

Geishas gehören zu Japan wie Sushi, Sumo und Shinkansen. Trotzdem braucht man großes Glück, ihrer ansichtig zu werden. Selbst in der alten Kaiserstadt Kyoto, die als Hochburg der Geisha-Kultur gilt und wo Geishas sogar eine eigene Bezeichnung haben: Geiko - Kind der Künste. Zwar sieht man immer wieder Frauen in Kimonos durch die engen Gassen huschen. Doch meist sind es nur Touristinnen, vornehmlich aus China, die mit geliehenem Kimono für Erinnerungsfotos von Tempel zu Tempel eilen. Oder es ist eine Maiko - eine Geisha-Azubine.

Wie Shika Zouzou. Die 15-Jährige will Geisha werden, wie ihre beste Freundin. Und das ist beileibe nichts Unanständiges, im Gegenteil. Geishas werden in Japan bewundert ob ihrer Tugend, ihres Wissens und ihrer Fertigkeiten. Sie sind Unterhaltungskünstlerinnen im besten Sinne des Wortes, sie können tanzen, musizieren, erzählen. Japaner zahlen umgerechnet tausend Euro und mehr, um in den Genuss einer Privatvorstellung zu kommen. Touristen kommen da billiger weg. Denn auch Restaurants und Hotels bieten ihren Besuchern das Erlebnis, wenngleich meist nur mit einer Maiko.

Shika Zouzou hat mit ihrer Ausbildung gerade erst begonnen, tanzt aber schon allabendlich im Luxushotel Hyatt Regency und plaudert mit den Gästen. Fünf Jahre lang lernt sie an einer speziellen Schule alles, was eine gute Geiko auszeichnet. Das Make-up schafft sie bereits in einer Stunde. Weiße Haut und rote Lippen gelten in Japan als Schönheitsideal, der ungeschminkte Nacken als erotisch. Die Frisur sei etwas aufwendiger, gesteht sie: "Die Haare stecke ich nur einmal in der Woche." Wie sie damit schläft, bleibt ihr Geheimnis. Dafür verrät sie noch, dass sie später durchaus auch heiraten darf. Mit der Geiko-Karriere ist es dann aber vorbei.

Dass ausgerechnet in Kyoto die Geisha-Tradition so fest verwurzelt ist, hängt mit der Geschichte der Stadt zusammen. Über eintausend Jahre lang befand sich hier die Residenz der japanischen Kaiser, ehe sie 1869 nach Tokio umzogen. Bis heute sind die Kyoter ein besonderer Menschenschlag - mit eigener Kultur, eigener Küche, eigenem Dialekt.

Kyoto ist für viele Touristen der Höhepunkt ihrer Japan-Reise. Die City unterscheidet sich auf den ersten Blick wenig von anderen japanischen Millionenstädten. Doch das alte Japan ist nach wie vor präsent - vor allem in Gestalt der vielen Tempel. Die Reiseführer sind sich uneinig, welche man unbedingt gesehen haben muss. Wer Myoshin-ji im Norden der Stadt wählt, macht jedenfalls nichts falsch. Genau genommen ist es eine Ansammlung mehrerer Tempel, wobei Shunko-in von Ausländern besonders gern aufgesucht wird. Hier trifft man nämlich Takafumi Kawakami. Der 38-Jährige ist Zen-Meister und unterweist Besucher in der Kunst des Meditierens. Seine Lehrstunde beginnt er immer mit dem Satz: "Vergesst alles, was ihr über Meditation gehört habt - es ist keine Zauberei."

Also: Gerade sitzen, den rechten Fuß übers linke Knie legen ("Ist bequemer!"), in den Bauch atmen ("doppelt so lange ein- wie ausatmen"), die Augen halb geöffnet nach vorn auf den Boden richten - und den Gedanken festhalten. Schwer zu sagen, was schwieriger ist: Eine Stunde lang im Schneidersitz zu verharren oder die Gedanken am Wandern zu hindern. Ganz offensichtlich braucht es jahrelange Übung, um auf diesem Wege zu Glück und Entspannung zu gelangen. Selbst der Zen-Meister glaubt, dass er noch nicht perfekt ist. Deshalb überwacht er mit Spezialbrille und Smartphone seine Augenbewegungen, eine App wertet die Daten aus und liefert Hinweise zu seinem Biorhythmus.

Für den Priester Takafumi Kawakami ist Meditation vor allem ein Weg zur Gesundheit und weniger eine Sache der Religion. Ginge es nach ihm, müssten auch seine Landsleute viel häufiger in sich gehen. "Die Japaner arbeiten zu viel, haben keine Zeit für ihre Familien."

Der Zen-Buddhismus kennt viele Arten des Meditierens. Im Sitzen und im Gehen, beim Schreiben und beim Teetrinken, beim Arrangieren von Blumen und bei der Gestaltung von Gärten. Ein schönes Beispiel findet man nur wenige Schritte entfernt im Untertempel Taizo-in. Hier haben Landschaftsarchitekten der Natur nachgeholfen und einen Teichgarten erschaffen, der wie ein Stück vom Paradies ausschaut. Wer sollte hier nicht glücklich werden?

Spielhölle

Es wird gezockt, es wird geraucht - japanische Spielhöllen machen ihrem Namen alle Ehre. Dabei herrscht eine Lautstärke, die Las Vegas zu einer Oase der Ruhe macht. Weil das Glücksspiel in Japan offiziell verboten ist, gibt es nur Sachpreise. Die trägt man dann in eine dunkle Nebengasse und tauscht sie gegen Bargeld. Sehr beliebt sind Fotoautomaten: Motiv aussuchen, lächeln, knipsen. Besser als jedes Selfie!

Hände weg!

Dass man sich in Japan zur Begrüßung verbeugt, weiß auch hier jedes Kind. Man verbeugt sich aber auch zur Verabschiedung, zur Entschuldigung, zum Dank. Und das in unzähligen Varianten - in der Tiefe der Verbeugung, der Dauer, der Anzahl. Ausländern wird nachgesehen, dass sie das niemals kapieren. Sie sollten sich nur merken: Händegeben ist verpönt!

Saubere Sache

Japanische Toiletten füllen in Reiseführern ganze Kapitel. Und wer einmal draufgesessen hat, wird zugeben: zu Recht! Dass die Klobrille beheizt ist, gehört noch zu den kleineren Annehmlichkeiten. Zudem sorgen diverse Wasserstrahl- und Föhnprogramme für unübertroffene klinische Sauberkeit in der Intimzone. Und damit der Toilettennachbar nicht irritiert ist, ertönt auf Knopfdruck ein Spülgeräusch - ohne dass Wasser fließt. Einziges Problem: Man muss den richtigen Knopf finden.

Guten Appetit

Auch wenn man die Speisekarten nicht lesen kann: In Japan muss niemand verhungern. Dafür sorgen liebevoll angerichtete Teller in den Schaufenstern der Restaurants. Einfach die Bedienung vor die Tür winken und auf das Gericht der Wahl zeigen. Das steht auch morgen noch dort - weil es aus Wachs ist. Spezielle Geschäfte bieten das Kunstessen auch zum Kauf an.

Trinkgeld? Nein danke!

Wenn Sie einen Japaner mal richtig beleidigen wollen, geben Sie ihm Trinkgeld. Jeder Taxifahrer und jede Bedienung wird Ihnen das Wechselgeld auf den letzten Yen herausgeben und jede zusätzliche Honorierung distinguiert zurückweisen. Im Hochpreisland Japan eine angenehme Sitte - nur weiß man irgendwann nicht mehr, wohin mit den vielen Münzen.

Überholmanöver

Warteschlangen sind keine DDR-Erfindung. Das wissen wir, seit wir uns die Welt mit eigenen Augen anschauen dürfen. Weltmeister im Schlangestehen sind ohne Zweifel die Japaner. Auf Bahnsteigen findet man meist Linien, an denen sich die Leute artig aufstellen. Die Türen des Zuges halten genau an dieser Stelle. Fremde wundern sich, dass sie - obwohl sie am Anfang der Schlange stehen - keinen Sitzplatz mehr abkriegen. Wie die Japaner so schnell vorbeihuschen, bleibt ihr Geheimnis.

Pantoffelhelden

Rein in die Schuhe, raus aus den Schuhen: Viele Orte wie Tempel und vor allem Wohnungen darf man in Japan nicht mit Straßenschuhen betreten. Deshalb stehen dort Pantoffel zum Wechseln bereit. So weit, so ordentlich. Wer dann allerdings ein dringendes Bedürfnis hat, muss noch mal in andere Pantoffeln schlüpfen. Und darf nicht vergessen, sie anschließend wieder auszuziehen. Sonst wird's oberpeinlich.

Für Liebhaber

Einreise: Deutsche Touristen benötigen nur einen Reisepass.

Rundreise: Kyoto ist auch Ziel der Rundreise "Japan für Liebhaber", die bei Dertour ab 4299 Euro p. P. kostet. Inbegriffen sind u. a. 15 Ü/F, Direktflug und Tempelübernachtung.

Die Recherche wurde unterstützt von Dertour und ANA.

www.jnto.de; www.dertour.de

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