Kraxler im Glück

Beim Wandern durch die Weinberge und das Mittelgebirge der Vogesen werden Auge, Wade und Gaumen gleichermaßen angeregt. Die tägliche Belohnung ist garantiert.

Vorm großen Aufstieg gibt's am Morgen den ersten Wein. Zumindest verlocken die hellen und dunklen Reben am Wegesrand dazu, ein paar Trauben zu pflücken: Die sind prall gefüllt mit Saft. Eine willkommene Erfrischung vor der Wanderung durch die Weinberge, denn die Sonne scheint kräftig. Die Hänge, deren Ende man mehr erahnt als sieht, sind der beschauliche Start und der Abschluss von Touren um und in das Mittelgebirge Vogesen im Elsass.

Eine beliebte, weil eine der schönsten, ist eine siebentägige Rundtour durch die Weindörfer und Berge unweit von Colmar. Der Reiseveranstalter hat die gut 85 Kilometer in fünf Etappen eingeteilt und die Unterkünfte schon vorgebucht. Auch um den Gepäcktransport müssen wir uns nicht kümmern. Sondern nur noch marschieren - pro Tag viereinhalb- bis sechseinhalb Stunden. Das sollte leicht zu schaffen sein, meinten alle im Vorfeld. Ganz so leicht wird es dann doch nicht.

Los geht es im idyllischen Eguisheim. Das mittelalterliche Dorf ist in Kreisen um eine alte Wasserburg im Zentrum gebaut. Erstaunlich viele gut erhaltene, weil genutzte Fachwerkhäuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert prägen das Bild. Eguisheim brachte einst einen Papst hervor. Heute wird es geschätzt für seine 300 Hektar großen Weinberge - und entsprechend von Touristen und Weinliebhabern frequentiert. Ein Dutzend Winzer lädt in ihren schmucken Weingütern zum Verkosten und Kauf ein: Ob der blumige Pinot Noir dunkel oder rosé, ob der kräftige Gewürztraminer oder der rassig elegante Riesling, die Wahl fällt angesichts der Qualität schwer. Und so unterschiedlich, aber gut schmecken eben auch die Trauben, die man zu Beginn der Wanderung passiert.

Gut ausgeschildert sind die Schotterpfade durch die Hänge, bevor der Weg in einen Mischwald weiterführt. Der spendet an heißen Tagen wohltuend Schatten. Immer weiter geht es hoch, auch die vom Reisevermittler mitgelieferten Karten helfen, den Kurs zu halten. Schließlich grüßt auf über 600 Metern Höhe eine alte Burg auf dem Kamm. Ein faszinierender Panoramablick in die Vogesen hinein, über die Rheinebene bis zum Schwarzwald und die Berner Alpen versöhnt für die Schinderei. Picknickpause.

Es ist gut, viel Wasser dabeizuhaben. Im Gegensatz zu Wanderungen in den Alpen, wo man stets auf Bergseen oder -bäche trifft, sind in den Vogesen - zumindest im Sommer - so gut wie alle Wasserläufe ausgetrocknet. Auch die Hinweise des Veranstalters, auf welcher Tour man wo unterwegs einkehren kann oder eben nicht, sollten sich als dienlich erweisen.

Frisch gestärkt geht es weiter: Der Abstieg beginnt. Und er endet, wie erhofft, in den Weinfeldern des ebenso romantischen Weindorfs Turckheim. Hier baut man so viel Wein an, dass selbst eine Eisenbahnlinie die Felder quert. Wobei der Begriff Dorf nicht ganz zutrifft, denn wie schon in Eguisheim gibt es im ebenso romantischen Turckheim eine Stadtmauer und Stadttore - Zeugen des Reichtums dieser interessanten Kulturlandschaft.

Die Namen der Orte und die zweisprachigen Schilder der Gassen bezeugen, welche Spuren Deutsche im Elsass hinterlassen haben. Und hier wird, anders als in anderen Teilen Frankreichs, Deutsch sehr gut verstanden und teils auch gesprochen. Die Hohenstaufer prägten die Region um Kaysersberg. Kaiser Wilhelm wiederum förderte sie nachhaltig, und noch heute verehren ihn dafür die Elsässer, etwa in Strasbourg.

Selbst die Küche ist ein raffinierter Mix aus alemannischer Deftigkeit und französischer Raffinesse. Es gibt Flamm- und Zwiebelkuchen, es gibt Presskopf, Eisbein und Sauerkrautgerichte, natürlich Quiches, Kartoffeln mit Speck und herzhaften Käse. Der aromatische Münsterkäse dürfte der bekannteste sein: Dazu gibt es milde Biere oder eben, in den typisch langstieligen Elsässer Weingläsern, das Rebengold.

Am nächsten Morgen und auch am übernächsten und überübernächsten geht es nach dem Auszug aus dem Stadttor zunächst durch Weinberge. Wieder aufwärts, täglich sind mehr Höhenmeter zu bewältigen, täglich bieten sich tolle Ausblicke. Die Richtung sind die Hauptvogesen um die Berge Grand und Petit Ballon, die schon im Hintergrund grüßen und auch noch bezwungen sein wollen. Und dann wird auch klar, warum sich die vermeintlich kurzen Strecken so hinziehen. An manchen Tagen kraxelt man bis zu 1000 Höhenmeter hoch und runter. Man durchquert im Zweifel mal kurz ein Mitteltal, um wieder bis in Höhen, wo nur noch Krüppelkiefern wachsen, aufzusteigen. Ganz oben meint man dann, eher in Tirol zu sein, zumindest ähneln sich die Bilder der Hänge und Täler. Freilaufende Kühe weiden dort, ihre Glocken hört man bis ins Tal.

Erstaunlich: Die Wege sind ausgetreten, aber man trifft kaum andere Wanderer. Die Franzosen fahren bis zu den Berggasthütten, um zu speisen. Wandern tun sie offenbar eher nicht. Am letzten Tag dann der letzte Abstieg, noch einmal erfrischen saftige Trauben auf den letzten Kilometern vor Eguisheim. Der Muskelkater zwischendurch ist längst vergessen. Das Zeckenspray hat vor gefährlichen Bissen geschützt. Das Gepäck, das der Reisevermittler von Quartier zu Quartier gebracht hat, steht schon im Zimmer des blumengeschmückten Hotels "Auberge Alsacienne".

Zur Belohnung geht es zum Restaurant "Heuhaus" an der Wasserburg. Noch einmal gibt es Entenleberpastete, Tartes flambées und Gugelhupf als Dessert. Dazu serviert der Garçon einen Riesling, der seinem Ruf als König der elsässischen Weine alle Ehre macht. Wanderer im Glück!

Mit Gepäcktransfer

Anreise: Von Chemnitz ins Elsass sind es auf der Autobahn rund 600 Kilometer. Die Bahnfahrt über Strasbourg oder der Flug nach Basel und Weiterfahrt Richtung Colmar mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind Optionen.

Angebot: Die beschriebene Wanderung "Weinberge und Vogesengipfel" kann man beim Veranstalter Eurohike buchen. Im Preis von 628 Euro p. P. sind 6 Ü/F, eine ausführliche Routenbeschreibung und Gepäcktransfer enthalten. HP (drei Gänge) kostet 150 Euro.

Die Recherche wurde von Eurohike - Eurofun Touristik GmbH unterstützt.

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