Bergsüchtig

Der Dresdner Frank Meutzner über Lust und Frust im Himalaya, einen Sturz ohne Folgen und seine persönliche Wunschliste für das Bergsichten-Festival, bei dem ein slowakischer Film zu den Geheimtipps gehört.

Klettern liegt ihm im Blut. Seit knapp 40 Jahren ist Frank Meutzner mit dem Seil, aber auch mit der Kamera in den heimatlichen Felsen und den Bergen der Welt unterwegs. Zudem hob er das Dresdner Bergsichten-Festival aus der Taufe, welches am Wochenende 16. bis 18. November bereits zum 15. Mal über die Bühne geht. Thomas Treptow sprach mit dem 53-Jährigen.

Freie Presse: In den letzten Wochen haben Sie viel Zeit vor dem Computer verbracht, um Berg- und Outdoorfilme zu sichten und zu bearbeiten. Kommen Sie eigentlich noch selbst zum Klettern?

Frank Meutzner: Ja, zum Glück. In den Ferien war ich mit meinem Sohn eine Woche auf der griechischen Insel Kalymnos zum Klettern. Auch an den Wochenenden versuche ich, mich am Fels zu bewegen. Natürlich ist es gegenüber früher weniger geworden, aber: Einmal bergsüchtig, immer bergsüchtig.

Hat der Junior Talent oder ist er schon besser als der Vater?

Noch talentierter geht ja kaum (lacht). Nein, ganz im Ernst, er hat sich wirklich prächtig entwickelt mit seinen elf Jahren. In Kalymnos ist er Wege im sechsten Schwierigkeitsgrad nachgestiegen, die ich damals gar nicht erst probiert hätte.

Die ganz großen Himalaya-Berge sind für Sie kein Thema mehr?

Die Achttausender sind passé. Lust auf den Himalaya habe ich aber schon noch. Nächstes Jahr wird es wieder eine Expedition zusammen mit meinem langjährigen Weggefährten Götz Wiegand geben. Der "alte Mann" wird 60 Jahre alt. Da liegt das Motto: "Ein 6000er zum 60." nahe. Für 2020 ist eine weitere Nepal-Expedition geplant. Das Ziel ist dabei aber immer, sich dort zu verstecken, wo uns keiner findet und keiner ist. Denn der Verkehr im Himalaya hat unglaubliche Dimensionen angenommen.

Vor 15 Jahren sind Sie kurz vor dem Gipfel des Dhaulagiris, dem mit 8167 Metern siebenthöchsten Achttausender, 600 Meter abgestürzt. Ein bayerischer Alpinist ist ausgerutscht ist und hat Sie mit in die Tiefe gerissen. Wie präsent ist dieser Tag noch?

Ich erzähle manchmal davon, aber es ist nicht so, dass ich in der Nacht davon träume und aufwache. Dadurch, dass wir damals gleich weitergemacht haben, noch im selben Jahr wieder aufgebrochen sind, ist nichts hängen geblieben. Vielleicht hat es aber meinen Werdegang beeinflusst, indem wir eben nicht mehr zu Achttausendern gehen.

Ein Jahr später haben Sie damals das Bergsichten-Festival aus der Taufe gehoben. Im Heft des Sächsischen Bergsteigerbundes steht: "Alles begann mit Schmalzbemmen und Bier" Inzwischen hat sich das Festival zu einem Publikumsmagneten entwickelt ...

Schmalzbemmen und Bier gib es heute noch. Aber das mit der ständigen Entwicklung ist ein Irrglaube. Es ging damals bereits mit Zuschauerzahlen los, von denen andere Festivals in den Anfangsjahren geträumt haben. Nach drei Jahren sind wir schon auf knapp 10.000 Leute gekommen und seitdem sehr stabil. Es ist Unsinn, dass jedes Jahr mehr Leute kommen müssen. Die räumlichen Kapazitäten sind einfach ausgereizt.

Haben Sie in puncto Qualität zugelegt?

Ich gehe nicht auf Teufel komm raus nur von optischer Qualität aus, weil mich Filme in 4-K-Auflösung - das ist höher als Full-HD - nicht immer überzeugen. Da gibt es oft gestochen scharfe Bilder und tolle Musik, aber inhaltlich sagt der Film nichts aus. Unter Qualität verstehe ich eher, das Niveau und die Vielfalt hochzuhalten. Wir möchten auf keinen Fall nur den Mainstream bedienen. Vielmehr wollen wir neue Themen finden und aufarbeiten. Das ist viel interessanter und hebt uns vielleicht von anderen Festivals ab.

Dieses Jahr gehören Peter Habeler, Hans Kammerlander oder Tamara Lunger zu den Zugpferden. Wer steht auf Ihrer Wunschliste noch ganz oben?

Europaweit fallen mir da nicht mehr so viele ein. Dass die Brüder Nicolas und Olivier Favresse aus Belgien, die musikalischen und ein wenig verrückten Schwerkletterer, kommen, klappt wahrscheinlich im nächsten Jahr. Walter Bonatti hätte ich gern gehabt, aber leider ist er 2011 verstorben. Der Brite Chris Bonington wäre vielleicht interessant, aber allein der Name tut es auch nicht. Der Referent muss einen spannenden Vortrag halten können, muss ein Entertainer sein.

Beim Filmblock über das sächsische Klettern platzt der große TU-Hörsaal auch immer aus allen Nähten ...

Das ist einfach nur schön und funktioniert bei den Sachsen definitiv, wird aber von Jahr zu Jahr schwerer, weil kaum neue Filme zur Thematik gedreht werden. Dieses Jahr bin ich aber schon sehr gespannt auf einen Beitrag von Bettina Wobst über das Frauen-Bergsteigen hierzulande. Lokalkolorit ist mir wichtig, deshalb ist auch ein Patagonien-Vortrag von fünf jungen Sachsen im Programm.

Welche eingereichten Beiträge lehnen Sie ab?

Filme mit selbst ernannten Helden, die ständig bei schlechtem Wetter unterwegs sind und bei denen immer alles extrem und supergefährlich ist, kann ich nicht ab. Und wir leben zu 90 Prozent von eingereichten Filmen. In diesem Jahr waren es knapp 50, die können wir beim besten Willen nicht alle zeigen.

Mussten Sie als Kletterer der alten Schule diesbezüglich über Ihren Schatten springen?

Über diesen bin ich schon lange gesprungen, indem ich ein Bergfilm- zu einem Berg- und Outdoorfestival gemacht habe, mit Beiträgen über Extremski, Canyoning, Kajakfahren und vieles mehr. Das bedeutet für mich aber auch, dass ich im Normalfall keine Vorträge veranstalte, von denen es deutschlandweit bereits diese zahlreichen Diareihen mit den immer gleichen Referenten, die von Stadt zu Stadt ziehen, gibt. Bei dieser Art von Multivisionsshows, ich nenne sie mal "Ländervorträge", fahren viele nur mit dem alleinigen Ziel los, einen Vortrag zu erstellen. Das ist nicht unbedingt das, was ich will. Das passt - bis auf wenige Ausnahmen und interessante Menschen - nicht in das Festivalkonzept.

Themenwechsel. Eine Kombination aus Bouldern, Speed- oder Schwierigkeitsklettern ist 2020 olympisch. Wie stehen Sie zum Sportklettern?

Ich bin froh, dass sie das machen, dann bleiben sie schön in der Halle (lacht). Nein, das ist für mich völlig in Ordnung. So, wie wir rausgegangen sind, gehen heute viele in die Halle. Das Schöne war früher, dass nicht jeder klettern gegangen ist, nur die, die es unbedingt wollten. Dann hat es sich zur Modesportart entwickelt und geht jetzt extrem in den Leistungsbereich. Das ist absolut okay. Ich persönlich würde mir aber keinen Wettkampf anschauen, wo sie in affenartiger Geschwindigkeit eine Wand hochklettern. Dann schaue ich eher beim Bouldern zu. Diese Bewegungsmuster, die du da siehst, und der Ideenreichtum, den du benötigst, das ist schon irre.

Zum Abschluss darf die Frage zum in der Szene fast schon berühmten Tsartse nicht fehlen. An diesem 6343 Meter hohen Berg im Himalaya sind Sie viermal nicht auf den Gipfel gekommen. Bleiben Sie hartnäckig?

Da gibt's eine ganz einfache Antwort: Die letzte Expedition stand unter dem Motto: "Tsartse, der letzte Versuch". Aber es gibt im deutschen Duden auch das Wort "allerletzte".


Frank Meutzner

geboren:am 2. Januar 1965

Geburtsort: Freiberg

Wohnort: Dresden

Familienst.: ledig, ein Sohn

Beruf: freiberuflicher Journalist und Kameramann

Sportlicher Werdegang: seit 1979 aktiver Bergsteiger (über 3000 Kletterwege durchstiegen), weltweit zahlreiche alpine Expeditionen mit Besteigung mehrerer Fünf-, Sechs- und Siebentausender (u. a. Aconcagua/6959 m/Südamerika oder Mount McKinley/6154 m/Nordamerika), über 25 private Himalaya-Expeditionen, darunter zu sechs Achttausendern (u. a. erste deutsche Besteigung des Makalu/8463 Meter, ohne zusätzlichen Sauerstoff).


Unterwegs bei Bergpionieren und Naturvölkern

Der Film "Süchtig nach Höhe" setzt slowakischen Alpinisten und ihren Leistungen im Himalaya ein Denkmal 

Pavol Barabáš sucht Geschichten, deren Helden über ihre Grenzen gehen. Dafür reist der slowakische Filmemacher an entlegene Orte, wilde Flüsse, in Höhlen, in den Dschungel, sucht nach Kulturen und kehrt immer wieder in die Berge seiner Heimat zurück. Denn der 59-Jährige ist selbst "süchtig nach Höhe". "Addicted to Altitude" heißt auch sein jüngster Film. Für das Bergsichten-Festival in Dresden synchronisiert, ist der Geheimtipp dort am 18. November erstmals im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Den Streifen hat Barabáš den slowakischen Alpinisten gewidmet, die seit den 1960er Jahren Gipfel im Himalaya erobert haben, allen voran Ivan Galfy, ein Pionier des Expeditionsbergsteigens. Für den Filmemacher eine aufregende Zeit, die er dokumentieren wollte. Dafür geht er auch ihre Wege nach. So war er auf einer Expedition zum Kangchenjunga - mit 8586 Metern der dritthöchste Berg der Erde. Für seinen jüngsten Streifen sprach er mit Expeditionsteilnehmern, von denen viele bereits über 80 Jahre alt sind. Für ihn sind es Zeitzeugen, deren Wissen er in seinen Filmen bewahren möchte. "Ich konnte vieles aus ihren privaten Archiven, aber auch vom slowakischen Fernseh- und Filmarchiv auswerten", so Barabáš. "Diesen Bergsteigern und ihren Visionen gilt mein großer Respekt. Es waren Männer, deren Leistungen mich begeistert und beeinflusst haben", sagt der Alpinist, der 1986 seinen ersten Film mit dem Titel "Bergrettung" gedreht hat. Inzwischen sind es 50. Mehr als 300 nationale und internationale Auszeichnungen hat er dafür bekommen.

Denn Barabáš bleibt nicht an der Oberfläche. Er hinterfragt, spürt Erfolge auf und versucht zu rekonstruieren, warum es immer wieder auch zu Tragödien kam. Dabei stößt er auf Lücken, die er mit seinen Recherchen schließen will. "So möchte ich herausfinden, was im Oktober 1988 mit den vier tschechoslowakischen Bergsteigern passiert ist, die die Bonington-Route, die Südwestwand am Mount Everest, im Alpinstil und ohne künstlichen Sauerstoff geklettert sind", sagt der Filmemacher. Am 17. Oktober müssen die Alpinisten damals den Südgipfel erreicht haben. Vom Abstieg über die Normalroute am Südostgrat meldet 5.30 Uhr einer von ihnen, dass drei Probleme mit dem Sehen hätten. Das war nach Berichten die letzte Nachricht der vier. Seitdem sind sie verschollen. Nun hofft Barabáš, irgendwann auf ihre Spuren zu stoßen, wenn er in die Everest-Region zurückkehrt.

Bereits als 14-Jähriger hat Pavol mit Klettern begonnen, die ersten Aufstiege in der Hohen Tatra mit 16 geschafft. In dieser Zeit brachte er als Träger Material und Proviant in die Hütten. Dabei traf er erstmals Größen des slowakischen Bergsports, mit denen er ins Gespräch kam - der Grundstein für seine spätere Filmarbeit. Dabei geht es dem Slowaken um die Natur, aber auch um die Menschen, die dort leben. Und nicht nur in den Bergen: "Auf meinen Reisen wurde mir klar, dass das Wertvollste, was ein Dokumentarfilmer einfangen kann, ein Naturvolk ist. Denn immer mehr von ihnen verschwinden." So hält er fest, was noch existiert: Stammeskulturen am Fluss Omo in Äthiopien, unberührte Kulturen in Neuguinea. Pygmäen im Kongo und Stämme in Amazonien: "Für mich ist es wie Reisen in die Vergangenheit mit dem Gefühl, etwas für die Rettung der Völker zu tun." Neue Entdeckungen erhofft sich der Slowake auch bei seiner nächsten Expedition zu den Tafelbergen in Venezuela. gfl

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