FC Erzgebirge Aue: Ein Kinderzimmer, zwei verschiedene Charaktere

Neben Chef Daniel Meyer sitzt nun mit André Meyer sein jüngerer Bruder als einer der Assistenztrainer auf der Bank des FC Erzgebirge. Familienbande im knallharten Profigeschäft - kann das gutgehen?

Aue.

Es haben nicht alle sofort hurra geschrien. Als Daniel Meyer vor ein paar Monaten erzählte, dass sein Bruder ein guter Mann für den Trainerstab des FC Erzgebirge wäre, gab es durchaus ein paar Bedenken. Vor allem jenes, "dass das gewöhnlich starke Vertrauensverhältnis des Co-Trainers zu den Spielern aufgrund dessen familiärer Nähe zum Chef getrübt sein könnte", erläutert Daniel Meyer.

Nun ist André, in der vergangenen Saison noch Coach beim Regionalligisten Union Fürstenwalde, da. Nicht weil er der Bruder des Chefs ist, sondern weil er die Vereinsverantwortlichen mit seiner Vita, seinen Fähigkeiten, seinem Charakter überzeugt hat. "Wie andere Kandidaten auch musste er sich bei uns vorstellen", berichtet FCE-Präsident Helge Leonhardt, "ob er Müller, Schulze oder Meyer heißt, hat dabei überhaupt keine Rolle gespielt. Wir haben ihn genommen, weil wir überzeugt sind, dass einer, der ja auch schon als Cheftrainer gearbeitet hat, das Zeug hat, bei uns zu bestehen. Er ist der richtige Mann für die Aufgabe, die ihn hier erwartet."

Die besteht in der täglichen Arbeit mit den Profis, ganz speziell aber darin, die jungen, hoffnungsvollen Talente in Reihen der Erzgebirger an das Niveau der 2. Bundesliga heranzuführen. "Das ist in der vergangenen Saison nicht so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Wir hatten mit Personalwechseln umzugehen, waren zu sehr im Tagesgeschäft gefangen", sagt Daniel Meyer. "Ich denke, jetzt haben wir die Manpower und die Qualität, um auszubilden und Talente voranzubringen. Und das ist - auch wenn wie bei Pascal Testroet oder Philipp Zulechner mal ein richtiger Transfertreffer glückt, für einen Verein mit unserer Position im Markt die einzige Chance, dauerhaft zu bestehen."

"Ich sitze wirklich nicht hier, um Familienzusammenführung zu betreiben", betont auch André Meyer. "Ich habe klare Vorstellungen von meiner Tätigkeit: Ich will junge Spieler besser machen, mich dabei wohlfühlen, Spaß haben. Anders als mein Bruder habe ich, mit Ausnahme des letzten Jahres in Fürstenwalde, immer nur mit Nachwuchskickern gearbeitet. Unsere Herangehensweise an die Aufgaben ist sehr verschieden, unsere Vorstellung von gutem, emotionalem Fußball aber identisch. Ich denke, dass wir uns sehr gut ergänzen werden." Das glaubt auch der Ältere. "André hat zum Beispiel bei Hertha BSC Männer wie Anthony Brooks oder Nico Schulz nach vorn gebracht. Er bringt alles mit, was er für den Job beim FCE braucht. Dass ich jetzt für meinen Austausch einen engen Vertrauten habe, der mich fast mein ganzes Leben lang kennt, ist für die B-Note wichtig. Mehr aber auch nicht."

Denn - sollte es für Daniel Meyer (39 Jahre alt) in der neuen Saison mal wieder richtig eng werden - wird André (35) auch nicht helfen können. "Der Co-Trainer ist nicht der Mann, der in so einer Situation den Rettungsanker werfen kann", weiß der Chef. Wie auch, dass er nach wie vor die Entscheidungen - vor allem die unpopulären - treffen und dafür den Kopf hinhalten muss: "Und dafür ist ein bisschen Abstand gar nicht schlecht." Den hat Daniel. "Ich bin ein völlig anderer Charakter als André. Er geht offen und geradlinig auf die Leute zu, findet immer ganz schnell einen Draht. Ich bin da zurückhaltender, reservierter." Diesen Unterschied hat auch Helge Leonhardt ganz schnell bemerkt: "Die zwei sind zwar Brüder, aber ja keine Zwillinge", kommentiert der Vereinsboss, der genau weiß, wovon er spricht.

So fiel ihm sein Ja zur Brüder-Lösung letztlich nicht schwer. Die gibt es im deutschen Profifußball nun dreifach: In München hat Niko Kovac wie schon zuvor in Frankfurt seinen kleinen Bruder Robert an der Seite, in Hoffenheim hat der neue Trainer Alfred Freuder den ein Jahr älteren Jan-Dirk "Dick" Schreuder mitgebracht. In Aue bestimmen jetzt die Meyers. Bei Daniel einziehen - das kam dabei für André nicht eine Sekunde in Betracht. "Wir haben uns viele Jahre ein Kinderzimmer geteilt. Das war nicht immer nur harmonisch", sagt er. Und Daniel ergänzt: "Wir sehen uns im Stadion die meiste Zeit des Tages. Am Abend muss das nicht auch noch sein. Es hat doch jeder auch ein eigenes Leben."

Andrés Vertrauen zu den Auer Spielern wird wachsen. Und für die ganz speziellen Sorgen der FCE-Profis, von denen der Cheftrainer nun wirklich nichts erfahren soll, gibt es mit Marc Hensel ja noch einen zweiten neuen Co-Trainer. Es kann gutgehen.


Zwei Testroet-Tore beim 3:1-Sieg in Leipzig

964 Zuschauer wollten am Mittwochabend im Leipziger Bruno-Plache-Stadion das Testspiel zwischen dem 1. FC Lok und dem FC Erzgebirge sehen. Für die Gastgeber war es das erste, für die Veilchen bereits das vierte in der Saisonvorbereitung.

Schon in der zweiten Minute brachte Stephané Mvibudulu den Regionalligisten in Führung, die bei großer Hitze eine gute halbe Stunde lang hielt.

Noch vor der Pause drehte dann Pascal Testroet (Foto) mit zwei Toren (36. und 45.) die Partie zugunsten der Auer.

In der zweiten Hälfte schickte FCE-Coach Daniel Meyer elf neue Spieler auf den Platz, Philipp Zulechner erzielte das Tor zum 3:1-Endstand.

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