Keepertalent Matti Kamenz vor größter Bewährungsprobe

Der Fußball-Drittligist FSV Zwickau muss am Sonntag in Lotte zeigen, dass er auch ohne seinen Stammtorhüter konkurrenzfähig ist. Der junge Ersatzmann bekam erst einmal Interviewverbot.

Zwickau.

Die Frage kam schon auf der ersten Pressekonferenz mit Zwickaus neuem Trainer Joe Enochs vor der Auftakttrainingseinheit in dieser Saison: Ob die Besetzung der Torhüter mit dem damals 19-jährigen Matti Kamenz und dem 18 Jahre alten Max Sprang kein zu hohes Risiko darstelle, sollte die Nummer 1, Johannes Brinkies (25), einmal ausfallen? Am Spieltag sieben vor der Auswärtspartie am Sonntag, 13 Uhr ,bei den Sportfreunden Lotte, wird das Szenario nun zur Realität. Brinkies zog sich in der Partie gegen Kaiserslautern einen Innenbandanriss im Knie zu, fällt vermutlich sechs Wochen aus. Und Enochs steht zu seinem Wort, das er im Juni bei seinem Amtsantritt vertrat: "Matti besitzt so viel Qualität, dass er einspringen kann. Wann, wenn nicht jetzt, soll ein 19-Jähriger eine Chance erhalten?"

Seit 9. August ist der gebürtige Spremberger Matti Kamenz 20 Jahre alt. Eine gute Ausbildung hat er bei Energie Cottbus genossen. In der Vorsaison war für ihn kein Vorbeikommen an Stammkeeper Avdo Spahic. Lediglich auf einen Einsatz kann Kamenz zurückblicken - im Brandenburgpokal beim 6:1-Sieg gegen den Sechstligisten FSV Bernau. Spahic, der 1,90 Meter lange Aufstiegstorhüter der Lausitzer, hält nun auch in der 3. Liga im Team von Pelé Wollitz. Ohne Perspektive in Cottbus, wechselte Kamenz im Sommer zum FSV. In der Vorbereitung absolvierte er einige Testspiele, u. a. beim 2:0-Sieg in Auerbach und beim 0:3 gegen Lok Leipzig.

Nun rückt sein Profidebüt immer näher. Damit die zunehmende Anspannung nicht ins Unermessliche steigt, hat der Verein dem elefantösen Medieninteresse um den ersten Einsatz des Torhütertalents einen Riegel vorgeschoben und Interviewanfragen in dieser Woche geblockt. Einer, der ihn bestens kennt, ist der Torhütertrainer des FSV, Steffen Süßner: "Matti ist ein in jeder Hinsicht sehr gut ausgebildeter und talentierter Keeper. Ich habe volles Vertrauen in ihn", sagt Süßner. Damit das Training der Keeper auch ohne Brinkies auf hohem Niveau weitergeführt werden kann, hat der FSV den vertragslosen Samuel Aubele (24/zuletzt OFC Neugersdorf) an die Mulde gelotst. Auf der Bank wird in Lotte aber Max Sprang, der A-Jugend-Keeper des FSV, sitzen.

Süßner nennt das Modell eine Gratwanderung, gibt aber zu bedenken, dass es schwierig ist, einen erwachsenen Profi, "der die ganze Saison nur zusieht", im Kader zu haben. Die Variante "Jugend forscht" hat jedenfalls den Vorteil, dass für Matti Kamenz die Chance besteht, seinen Marktwert zu steigern und das Image des Bubi-Keepers abzulegen. "Test- und Trainingsspiele sind gut und schön. Aber das beste Training sind immer Spiele. Was Matti aufgrund seines Alters fehlt, ist die Erfahrung. Damit geht es eben jetzt los", meint Süßner zuversichtlich.

Dass Erfahrungen sammeln auch in Verbindung mit Lehrgeld zahlen steht, ist die kleine Problematik an der Sache. Denn der FSV Zwickau kann sich in dieser starken 3. Liga keine Aussetzer am Stück leisten, wenn am Ende der Klassenerhalt stehen soll. Dazu bedarf es auch in den kommenden sechs Wochen, einige Punkte zu holen. Kapitän Toni Wachsmuth ist diesbezüglich nicht bange. "Wir werden uns große Mühe geben, dass Matti positiv auf sein erstes Profispiel zurückblickt. Wichtig ist, dass wir alle unsere Hausaufgaben erledigen", sagt Wachsmuth. Der Routinier hält nichts davon, den jungen Kollegen vor dessen größter Bewährungsprobe mit Ratschlägen zu bombardieren. Wachsmuth: "Vielleicht werde ich eine Kleinigkeit zu ihm sagen. Aber in erster Linie sind dafür Johannes Brinkies und unser Torwarttrainer gut geeignet. Wenn ihm 24 Mann Tipps geben, wird es problematisch."

Steffen Süßner kann jedenfalls aus eigener Erfahrung sprechen: Mit 19 Lenzen wurde er in Diensten des Chemnitzer FC für den verletzten Jörg Weißflog ins kalte Wasser geworfen. Und dies gleich im Duell gegen Rivale Erzgebirge Aue. Damals gewann der CFC 3:0. Und Süßner blieb die Saison über im Kasten.

Voraussichtliche Aufstellung, FSV: Kamenz - Barylla, Wachsmuth, Antonitsch, Lange - Frick, Reinhardt - Bickel, Könnecke, Miatke - König (Bonga).

Sportfreunde Lotte: Turbulenzen und erster Saisonsieg

Spieler-Suspendierungen, Trainingsboykott, Trainerentlassung - langweilig war es in den ersten Wochen bei den Sportfreunden Lotte nicht. Nach Coach Matthias Maucksch kam mit Nils Drube der sechste Trainer seit Juli 2017 zum Verein in Ostwestfalen. Der 40-jährige Fußball-lehrer, seit 2015 als Scout bei Bayer Leverkusen beschäftigt, feierte mit dem 3:1 beim ambitionierten Karlsruher SC einen Einstand nach Maß.

In Baden ließ Drube in einem 4-1-4-1-System spielen. Kurz vor Transferschluss konnte der Verein noch zwei, auch in ihrer Körpergröße verheißungsvolle Spieler verpflichten: Stürmer Gerrit Wegkamp (1,93 m) kam vom VfR Aalen, Defensivspezialist Lars Dietz (1,90 m) wechselte von Union Berlin nach Lotte. Beide kamen in Karlsruhe beim ersten Saisonsieg zum Einsatz. Zuvor gab es ein Remis und vier Niederlagen.

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