Sinnvolle Reform oder Schnellschuss?

Der DFB will die Aufstiegsregelung zwischen Regionalliga und Dritter Liga ändern - die Nordost-Staffel könnte dabei auf der Strecke bleiben

Chemnitz.

Am Freitag trifft sich in Frankfurt am Main der DFB-Bundestag. Ein Tagesordnungspunkt: die geplante Reform der Auf- bzw. Abstiegsregelung zwischen Regionalliga und Dritter Liga. Das Thema sorgt für große Unruhe in Fußball-Deutschland - vor allem im Osten, wo man befürchtet, einmal mehr über den Tisch gezogen zu werden. "Freie Presse" erklärt, worum es geht.

Warum soll die Aufstiegsregelung zur Dritten Liga geändert werden?

Weil die aktuelle seit ihrer Einführung in der Saison 2012/13 in der Kritik steht. Die weitgehend einhellige Forderung im Land lautet: Meister müssen direkt aufsteigen. Das ist derzeit nicht der Fall. Vor der Dritten Liga stehen für die fünf Meister der Regionalligen Aufstiegsspiele. Nach oben können nur drei. Und weil fünf keine gerade Zahl ist, wird mit dem Zweiten der Regionalliga Südwest aufgefüllt. Ein seltsames Konstrukt.

Warum will der DFB das Thema jetzt anpacken?

Das ist vor allem eine Folge der Fanausschreitungen beim WM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft im September in Prag und der anhaltenden Anti-DFB-Plakate und -Aktionen in den deutschen Stadien. Verbandschef Reinhard Grindel wundert sich, dass der mitgliederstärkste Einzelsportverband der Erde, der zudem den aktuellen Weltmeister stellt, nicht überall nur beliebt ist. Grindel wollte etwas anpacken, die Reform der Regionalliga erschien ihm ein geeignetes Thema. Man darf es Aktionismus nennen. Dass die Kritik am DFB auch etwas mit der Selbstgefälligkeit der Funktionärselite und der Kommerzialisierung jeden Zipfel Fußballs zu tun hat, sieht man in Frankfurt nicht. Oder ignoriert es. Dabei hätte es jeder spätestens nach dem Pfeifkonzert gegen Show-Act Helene Fischer beim jüngsten Pokalfinale begreifen können.

Welche Vorschläge liegen jetzt auf dem Tisch?

Es gibt sieben Anträge. Zwei davon kommen vom Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV). Nummer 1 besagt: Aus fünf Regionalligen werden vier, alle Meister steigen auf, aus der Dritten Liga steigen vier Vereine ab. Die Dritte Liga - obwohl sie dann einen Absteiger mehr als im Moment stellen müsste - unterstützt den Antrag. Der entscheidende Punkt: Die Regionalliga Nordost soll in Größe und Form erhalten bleiben.

Warum ist der Fortbestand der Nordost-Liga wichtig?

"Weil hier langjährig gewachsene Strukturen bestehen, die nicht zerschlagen werden dürfen", sagt Sven-Uwe Kühn vom Chemnitzer FC, der für die Dritte Liga im DFB-Spielausschuss sitzt. "Unsere Regionalliga lebt von der Attraktivität der Traditionsderbys. Und wir brauchen den NOFV als Dachmarke für den Spielbetrieb, vor allem auf der Nachwuchsebene." David Wagner, Sportdirektor des FSV Zwickau, betont: "Für mich ist es nicht nachvollziehbar, eine Abschaffung der Nordost-Staffel vorzuschlagen. Das verbietet schon die Geschichte des DFB. Deutschland lässt sich territorial gut in vier Staffeln aufteilen: Norden, Süden, Westen, Nordosten." Das Experiment, Mannschaften aus dem Osten in verschiedenen Regionalligen spielen zu lassen, gab es schon einmal um die Jahrtausendwende. Die Thüringer Clubs (Jena, Erfurt) traten damals im Süden an, Partien gegen Pfullendorf oder Elversberg waren keine Zuschauermagneten.

Welche Chancen hat dieser NOFV-Antrag?

So gut wie keine. Vortragen könnte ihn Mario Kallnik, Geschäftsführer des 1. FC Magdeburg, dem man eher als dem mit 73 Jahren schon etwas älteren und wenig redegewandten NOFV-Präsidenten Rainer Milkoreit zutrauen darf, die Delegierten zu beeindrucken und zu überzeugen. Trotzdem bleibt als Fakt: Der Osten ist - was die Stimmanteile auf dem Bundestag betrifft - ein Leichtgewicht, hatte bisher keine Lobby im DFB, es in den 28 Jahren seit der Wende versäumt, eine solche aufzubauen bzw. Allianzen zu schmieden. Weil das Scheitern des ersten Antrags programmiert ist, wurde ein zweiter nachgeschoben.

Was steht drin?

Es bleibt bei fünf Regionalligen, aus denen vier Mannschaften aufsteigen. Meister aus drei Staffeln, die vor der Saison, in der die Reform greifen soll, nach einem Rotationsprinzip für die folgenden fünf Jahre ausgelost werden, kommen direkt in die Dritte Liga. Die beiden übrigen duellieren sich um den vierten Aufstiegsplatz, einer bleibt auf der Strecke.

Was soll dieser Antrag?

Er ist ein Kompromissangebot, denn bei den meisten der restlichen fünf Anträge droht dem NOFV Ungemach. Zwei davon sehen ebenfalls eine Reduzierung auf vier Regionalliga-Staffeln vor, lassen die Frage des Zuschnitts aber offen und laufen damit auf eine Zerschlagung der Nordost-Liga hinaus. "Ich sehe die große Gefahr, dass die Regionalliga Nordost von der Bildfläche verschwindet", sagt Volkhardt Kramer, Manager des VfB Auerbach. Der Erhalt dieser Liga habe oberste Priorität, die Aufstiegsregelung steht für Kramer erst an zweiter Stelle: "Eine Entscheidung ginge zu Lasten der kleinen Vereine, die versuchen, unter semiprofessionellen Bedingungen hochklassigen Fußball anzubieten."

Welche Ansinnen gibt es noch?

Zwei Anträge beinhalten Folgendes: Es bleibt bei fünf Regionalligen, gibt künftig vier Aufsteiger, davon dauerhaft jeweils einen festen im Westen und Südwesten. Eine Benachteiligung für den Rest der Republik - und womöglich Wettbewerbsverzerrung. Meister aus Westen und Südwesten, die eventuell schon im März als Aufsteiger feststehen, hätten einen großen Planungsvorlauf gegenüber Mitbewerbern aus Bayern, dem Norden und Nordosten, die erst die Aufstiegsspiele im Mai abwarten müssten, um beispielsweise Verträge mit Spielern und Sponsoren zu schließen. Genau diesen Punkt will nun auch Hermann Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbands, juristisch prüfen lassen und gegebenenfalls Klage gegen einen dementsprechenden Reformbeschluss des DFB einreichen.

Welche Argumente hat der Osten?

Der NOFV setzte sich seit 2013 in vier von fünf Aufstiegsduellen durch. RB Leipzig, Magdeburg, Zwickau und Jena stiegen seitdem in die Dritte Liga auf, nur Neustrelitz scheiterte 2014 am FSV Mainz II. Die Erfolgsgeschichte der Dritten Liga ist eine der Attraktivität vor allem der Traditionsclubs aus dem Osten. Das Hauptargument der Gegner des Ost-Vorschlags lautet: Der NOFV hat mit 4333 Vereinen und 22.061 Mannschaften im Spielbetrieb vergleichsweise wenige.

Was will die Dritte Liga?

Sie ist solidarisch mit dem Nordosten und gegen einen unüberlegten Schnellschuss, fordert vor einem Reformbeschluss die Bildung einer Expertenkommission, die nachhaltige, sportlich und finanziell faire Lösungen der Strukturprobleme unterhalb der drei bundesweiten Ligen erarbeitet. Diese Forderung unterstützen alle 20 Drittligisten. Das Problem: Beim DFB-Bundestag hat die Dritte Liga weder Sitz noch Stimme, ist ein zahnloser Tiger.

Gibt es andere Denkmodelle?

Ja. Bayern hat momentan als einziges Bundesland eine eigene Regionalliga. Eine Neuordnung im Süden ist ab und an im Gespräch, wird wohl aber schon am einflussreichen DFB-Vize Rainer Koch, zudem Chef des Bayerischen wie des Süddeutschen Verbandes, scheitern. Sven-Uwe Kühn hält die Wiederherstellung einer Fußball-Pyramide für angebracht, das heißt einer zwei- oder dreigleisigen Vierten Liga zwischen Dritter und Regionalliga. Aus der dürften dann drei Vereine aufsteigen, darunter könnte man fünf Regionalligen belassen. Als "Drohung" steht zudem folgende Idee im Raum: Alle fünf Regionalligameister steigen auf, fünf Clubs aus der (eventuell auf 22 Teams aufgestockten) Liga drei ab. Keine guten Aussichten für die Dritte Liga - und schaut man auf die aktuelle Tabelle: keine guten Aussichten für den Osten.

Wie geht es am Freitag aus?

Das ist ungewiss. Reinhard Grindel hat die Vertreter der Regionalverbände für morgen noch einmal zu einem "Friedensgipfel" eingeladen, auf dem ein gemeinsamer Reformvorschlag ausgearbeitet werden soll, mit dem alle leben können. Klappt das nicht, wird die Entscheidung womöglich ins kommende Jahr vertagt. Porzellan ist genug zerschlagen.

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    1
    Freigeist14
    05.12.2017

    Sinnvolle Reformen und DFB schließen sich aus.Das Vereine schon mit lebenslangem Stadionverbot für die "Reformer" gedroht haben ist nur die die logische Konsequenz.



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